Das Fußball-Opfer

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Deutschland während der Fußball-Europameisterschaft. Menschen malen sich die Nationalfarben ins Gesicht, fiebern mit, fallen sich in die Arme. Alles prima. Wären da nicht die Kollateralschäden der patriotischen Freude

Lieber Mercedes SL,

wir sind uns nun schon vor zwei Wochen über den Weg gelaufen, und doch geht mir diese Begegnung nicht aus dem Kopf. Ich radelte an einem Sonntagnachmittag durch eine kleine Straße in einer Stadt im Norden, da kamst Du mir entgegen. Schon aus der Ferne kam mir Deine Silhouette vertraut vor, Dein schwarzer Lack schimmerte in der Sonne, die Stoßstangen zeugten von Deiner amerikanischen Herkunft. Kurz, Du sahst aus wie mein eigener dunkler flacher Freund, der in der Garage auf mich wartete. Doch beim Näherkommen entdeckte ich, dass etwas nicht stimmte. Etwas Buntes störte das Bild. Es waren die schwarz-rot-goldenen Überzieher auf Deinen Außenspiegeln und die zwei kleinen Deutschlandflaggen, die zusätzlich über Dir im Wind flatterten. Ich muss sagen, es war ein erbärmliches Bild. Ich konnte den Blick nicht abwenden, verringerte die Geschwindigkeit und starrte Dich an wie ein Schaulustiger einen letalen Autobahnunfall. Als Du an mir vorbei fuhrst, blickte ich betreten zur Seite.

Seitdem muss ich an diese flüchtige Episode denken. Ja, es ist die Zeit der Fußball-Europa-Meisterschaft – und ich will mich nicht über Menschen beklagen, die sich lustige Farben ins Gesicht malen, Banner schwenken, singen, tanzen, sich in Autokorsos durch die Straßen lärmen und wildfremden Menschen in die Arme fallen. Fußball ist prima. Männer laufen hinter Bällen her, man kann viel Bier trinken oder nicht, man kann mal rumkrakeelen. Es ist erholsam, sich mal nicht die Bohne für die Lage der Weltwirtschaft und das Elend dieser Erde interessieren.

Es hat auch nichts mit einer unpatriotischen Gesinnung zu tun oder einer affektierten Pikiertheit. Aber es gehörte sich einfach nicht. Du sahst aus wie ein Tanzbär auf einem Jahrmarkt. Es ist ungehörig, eine solche Maschine zu dekorieren. Es sah aus, als hätte man einen „Baby-an-Bord“-Aufkleber auf einen De Tomaso Mangusta geklebt. Natürlich kenne ich die Argumente der Menschen, die ihre Autos mit Fahnen schmücken. „Meine Kinder haben mir keine Ruhe gelassen. Sie wollten es unbedingt“ heißt es dann. Sehe ich ein. Doch diese Menschen fahren einen Fiat Duplo. Volvo V70. Touran. Sie fahren keinen 25 Jahre alten Sportwagen, der noch nicht einmal über eine Rückbank verfügt.

In diesem Sinne muss ich mich entschuldigen und verspreche an dieser Stelle meinem Auto etwas. Und zwar hoch und heilig. Ich werde nie wieder einen glitzernden Kosmetik-Artikel an Deinen Rückspiegel hängen. Keine Aufkleber – und seien sie nach meinem Humorverständnis noch so lustig – auf den Lack bappen. Kein Wackeldackel, kein Elvis, keine Totenköpfe mit roten Leuchtaugen, keine plüschigen Garfield-Hinterteile, die aus der Kofferraumklappe quellen. Keine Sonnenblenden für die Seitenfenster mit Tigerente, keine pinkfarbene Parkscheibe von „Tussi on Tour“ und kein Pussy-Wagon-Schlüsselanhänger.
Nur das mit dem Fuchsschwanz – dafür kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen.

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