Bonneville rules – Der Salzsee ruft – Menschen am Limit

Bis zum Horizont und zurück – Man sieht bei der Speedweek die verrücktesten Fahrzeuge, selbst gebaute Formen mit wilden Bemalungen und tollen Lackierungen. Doch jedes dieser Fahrzeuge, egal ob 2- oder 4-rädrig, verbindet eins, es muss gemäß den Regeln der Southern California Timing Association SCTA gebaut, dass heißt in erster Linie, sicher sein.

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Chef Starter Jim Jensen gibt die Strecke für den nächsten Rekordversuch frei. Derwunderschöne Lakester hält den Rekord in der Klasse A/GL mit 300,311 mph (480 km/h)

Dem Deutschen fällt fast die Nase aus dem Gesicht. Da hat er sich doch in ewig langer Heimarbeit einen Bellytank Lakester gebaut – eine pure Hochgeschwindigkeitsmaschine für die Tempohatz auf trockenen Salzseen, benannt nach den aerodynamisch gestalteten Ersatz-Benzintanks der WWII-Militärmaschinen (Bill Burke baute den ersten aus dem 165-Gallonen-Tank eines North-American P-51 Mustang-Jagdfliegers). Kutschiert Kiste und Crew nach Amerika, genauer gesagt: nach Bonneville, zur Salzwüste bei Wendover in Utah. Da findet jedes Jahr im August die Speedweek statt. Adrenalinjunkies aus aller Welt kommen her, um Rekorde aufzustellen.

Und was ist? Nix ist. Der Traum, einen Klassenrekord von 337 mph (rund 540 km/h) zu fahren, zerplatzt: Nicht sicher genug, konstatieren die Inspekteure, keine Starterlaubnis. Heftige Nacharbeiten sind nötig…

Regeln? Sicherheit? Vorschriften? Hand aufs Herz – wer all die wilden und schrägen Fahrzeuge auf dem Salzsee sieht, kommt kaum auf den Gedanken, dass es Standards gibt. Doch Bonneville und die verantwortliche Southern California Timing Association (SCTA) lässt längst nicht jeden Träumer aufs flache Parkett. Jedes Fahrzeug muss durch eine Inspektion, sogar mehrmals. Gewisse Sicherheitsstandards sind vorgeschrieben, beim Bau eines Fahrzeugs muss man diese unbedingt einhalten.

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Dieser “Saltosaurus” frisst am liebsten Oktanhaltiges und beschützt seinen Fahrer bei Höchstgeschwindigkeiten

Und auch die Strecke wird zwei Wochen vor dem Spektakel mit Walzen, Raupen und vielen Helfern präpariert. Das Ergebnis: eine steinharte Piste, auf der Rekorde bis zu 450 mph (720 km/h) möglich sind.

Bei diesen Geschwindigkeiten reichen schon kleinste Unebenheiten, um die Raketen auf Rädern unfreiwillig aus der Linie zu katapultieren. Dann hat der Pilot so gut wie keinen Einfluss mehr auf seine Flugbahn…

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Mops “Mo” mag das Salz nicht und bekommt Puschen an. Ein Harley-Fahrer bringt seinen Leguan mit zum Salzsee. Auch er soll die schnellsten Fahrzeuge der Welt einmal sehen

Fast forward
Trotzdem finden sich immer wieder ganze Kerle, die für Tempo ihr Leben riskieren. Hier geht es um Ruhm und Ehre, um Geschwindigkeit und Rekorde, ums Limit – das der Fahrer und das der Autos.

Das amerikanische “Saltosaurus Team” weiß genau, worauf die Experten achten. Deren Mitglieder tummeln sich seit Jahren auf dem Salzsee und im 200-mph-Club. Jedoch wurden auch sie schon vom Salz verbannt, weil ihre Kiste keine gute Sicht aus dem Cockpit erlaubte. Aufgefallen war das, weil der Pilot die Milesmarker der Zeitnahme abräumte…

Jedes Fahrzeug muss durch die strenge Inspektion der SCTA-Prüfer. Ausserdem muss jedes Auto, dass einen neuen Rekord aufgestellt hat, sich einer zweiten Prüfung unterziehen. Damit sollen unzulässige Manipulationen ausgeschlossen werden

Dieses raketenförmige Fahrzeug rast seit 1997 über die Salzpiste. Es fährt in der Streamliner-Klasse und versucht einen Rekord von 308 mph (493 km/h) zu knacken.

Nach einem kleinen Umbau wurde das Gerät zugelassen. Seitdem röhrt der grüne Salzdino wieder über den trockenen See und versucht, den Klassen-Rekord von 280,8 mph (449 km/h) zu überbieten.

Auch das Team “The Flying Pickle” ist schon seit Jahren Teil der Speedweek. Mit ihrem Bellytank Lakester versuchen sie, den Rekord von 263 mph (420 km/h) zu knacken. Ganz schön fix, wenn man bedenkt, dabei in einem Ersatztank eines Kampfjets zu sitzen. Ein solches Bauteil ist die Grundlage für einen Salzseerenner. In oft jahrelanger Arbeit werden daraus die schnellsten Gurken der Welt.

Die besten Teams sind meistens auch die erfahrensten – denn die richtige Aerodynamik und damit das Tempo erreicht man nur durch viele Läufe auf dem Salz. Die Bedingungen sind mit keinem anderen Renn-Event vergleichbar: Hitze, die Beschaffenheit des Untergrundes und die unglaublichen Geschwindigkeiten erfordern immenses Können – und harte “Cojones”. Wahrscheinlich schreibt deshalb Racer Charles unübersehbar in sein Cockpit: “Don´t shit in Firesuit”…

Und unser armer Deutscher? Schraubt und schweißt fünf Tage und Nächte an seinem Bellytank. Dann darf der Lakester endlich auf das heilige Salz. Der erste Test bringt ein Tempo von gerade mal 125 mph (200 km/h).  Beim Messen ist es etwas besser: 163 mph (rund 261 km/h).

Der Rekord bleibt aus. Aber der Traum, einmal in Bonneville zu starten, ging in Erfüllung…

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Wo bleibt Carlos?
Oder: Wie man vom Reporter zum Teammitglied wird

Eigentlich hatten wir einen Termin mit unserem Freund Wally, um von ihm und seinem neuen Geschoss am anderen Ende des Salzsees Fotos zu schießen. Doch dann kam alles anders.

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Wir trafen uns sehr früh an der Starting Line, um als Speedseekers-Team den neuen Rekord zu begleiten. Es ist 5 Uhr morgens, und arschkalt. Der Himmel ist von der aufgehenden Sonne am Horizont der Salzwüste knallrot. Wir stehen ziemlich weit hinten in der Warteschlange des Kurses 3. Doch schon bald werden die ersten Motoren angelassen. Carlos, Wallys Teamkollege und Fahrer des Rescue- und Tool-Trucks, ist noch nicht da. Und ohne ihn kann Wally nicht los.

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Die schnellste Gurke der Welt ist aus einem Belly Tank gebaut.
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Mops “Mo” mag das Salz nicht und bekommt Puschen an. Ein Harley-Fahrer bringt seinen Leguan mit zum Salzsee. Auch er soll die schnellsten Fahrzeuge der Welt einmal sehen

Da, der erste Motor heult auf und donnert nach kurzer Zeit los. Nun bewegt sich die Schlange langsam nach vorn zur Starting Line. Wally wird immer nervöser, denn er möchte seinen perfekten Startplatz nicht aufgeben: “Jetzt fährt es sich auf dem Salz am besten. Frisch, noch nicht zu heiß wird es sein, wenn ich dran bin. Das perfekte Timing, um den neuen Rekord aufzustellen”.

Carlos hin, Carlos her – wir schieben Wallys neu konstruiertes und noch nie auf dem Salz erprobtes Motorrad mit Seitenwagen Richtung Start. Carlos ist noch immer nicht in Sicht. Als wir zwei Fahrzeuge entfernt vom Start stehen, macht sich Wally fertig. Er ist heiß, er will jetzt nicht mehr warten und sich endlich den nächsten Adrenalinkick geben.

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Kein Carlos – aber Wally braucht einen Fahrer für das Begleitfahrzeug. Ob wir nicht….??? Seinen Truck steuern und ihn am Ende des Tracks einsammeln? “Wichtig ist nur das ihr nicht die Route verfehlt und mich direkt aufsammelt. Wenn alles gut läuft, warte ich zwischen Meile 3 und 4 auf euch. Das heißt: Ich fahre los, dann bekommt ihr vom Starter die Erlaubnis, von der Rennstrecke Richtung Rückfahrline zu fahren. Und dort müsst ihr dann Stoff geben. Auf der Rückfahrline ist so Einiges los, also haltet euch immer rechts, bis die Abzweigung kommt. Die ist etwas unkenntlich, wenn man schnell fährt. Hier müsst ihr Richtung Track 3 fahren. Und nie zu langsam…”

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Wow – wir dürfen über das geheiligte Salz fahren und Teammitglied sein. Wie aufregend. Gleich steigt auch der eigene Adrenalin-Pegel. Wir fühlen uns zugehörig, ja sogar verantwortlich. Und Spaß´macht es auch noch… Inzwischen ist es allerdings heiß und ungemütlich. Wir bringen Wally noch ein Wasser, und die Aufregung des Fahrers geht auf uns über. Und das Wichtigste: Inzwischen hoffen wir mit Wally auf den Rekord.

Wally braust los, wir folgen. Alles läuft nach Plan, nach gefühlt unendlichem Weg mit minimalen Orientierungspunkten sehen wir ihn am Horizont stehen. Wir parken den Truck und laden das Motorrad auf. Wally hat ein gutes Gefühl, wir müssen schnell den Zeitzettel abholen, damit wir gegebenenfalls in den Inpount fahren können, um den neuen Rekord zu melden. Dafür hat man maximal eine Stunde Zeit.

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Wally hatte Recht: Er war schnell und hat den bestehenden Rekord geknackt. Im Inpount muss die Maschine  – nachdem sie von den Inspekteuren untersucht wurde – bis zum nächsten Tag bleiben. Denn dann muss Wally gemäß den Regeln ein zweites Mal den bestehenden Rekord brechen. Der Mittelwert aus beiden Zeiten bildet dann den endgültigen neuen Rekord. Das Ganze nennt man Backup.

Und dann taucht doch tatsächlich Carlos auf – angeblich hat er verschlafen. Er bedankt sich überschwänglich bei uns, dass wir ihm den Arsch gerettet haben. Und übernimmt für den morgigen Backup Run den Truck. Schade eigentlich.

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Übrigens: Wally gelingt wieder ein Super-Lauf. Jetzt hält er den neuen Rekord von 168 mph (269 km/h).

Bilder: Alexandra Lier / www.speedseekers.de
Text: Alexandra Lier / Jens Mollenhauer

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