Shop Tour: Winfield’s Rod & Custom

Die Fahrt von meinem Motel in Anaheim ist weit. Weit und heiß, denn das Ziel ist die Mojave-Wüste. Gene Winfield, der legendäre Customizer, hat sich hierher zurückgezogen, denn hier hat er seine Ruhe.

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Gut zwei Stunden hatte das Navi vorhergesagt. In Wirklichkeit war es deutlich mehr, denn in L.A. ist eigentlich immer dichter Verkehr, außer mitten in der Nacht. Als ich um Viertel vor sechs losgefahren war, gab es schon den üblichen Stau auf den Freeways. Da ich nicht vor neun bei Gene auflaufen wollte, hab ich um Viertel nach acht dann erst mal bei „Tom’s Burgers“ in Palmdale gefrühstückt, Eier und Toast, keine Burger. War übrigens gar nicht so einfach, überhaupt einen Termin zu kriegen, der ist ja dauernd unterwegs, nicht nur im ganzen Land, sondern auch in Europa und Japan.
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Mercs & More! Die meisten Autos im Shop waren “Bathtub Mercs”, Mercurys der Baujahre 1949 – 1951.

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Über der Tür zum Büro hängt ein durchgeschnittener GFK-Mercury, darunter in lila “The Thing”, Genes wohl berühmtester Drag Racer.

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Ja, Gene hat seinen eigenen Schrottplatz!

Mein Ziel ist Mojave, der Ort, wo Gene seinen Shop hat, wie die Amis eine Werkstatt nennen, und der genauso heißt wie die Wüste drum herum. Die Gegend da oben trieft übrigens nur so vor Geschichte, zwischen Palmdale und Mojave liegt der Lake Muroc, ein „dry lake“, also ein ausgetrockneter See, auf dem die alten Hotrodder in den Dreißigerjahren ihre Rennen gefahren sind, ehe die US Army die Gegend für sich requiriert hat. Abgesehen von der Edwards Air Force Base, wie der Stützpunkt seit 1949 heißt, gibt es hier ansonsten nichts als Gegend. Und davon reichlich.

„Hier schuf Gott mit seinem letzten Geld Rennerod am Arsch der Welt.“ Den Spruch kann man 1:1 auf Mojave übertragen. Vermutlich ist das der Grund, dass Gene seinen Shop da hat. So was wäre in bewohnten Gegenden im umweltbewussten Kalifornien heutzutage nicht mehr möglich. Neben einer Werkstatt, bei der ich jede Wette eingehen würde, dass hier nicht ausschließlich Wasserlacke benutzt werden, und bei der zum großen Teil im Freien, auf Wüstensand, gearbeitet wird, hat Gene auch noch seinen eigenen Schrottplatz. Einen richtigen Schrottplatz, wie man das von früher kennt, wo die alten Kisten in den verschiedensten Zuständen neben- und übereinander rumliegen. Als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Ich liebe das!

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Aufgrund des extrem trockenen Wüstenklimas haben viele Autos auch nach längerer Standzeit ohne Pflege nur Flugrost.

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Ein Beispiel für Genes Fadeaway-Lackierungen ist der 61er Cadillac von ZZ-Top-Gitarrist Billy Gibbons, hier beim SO-CAL Speed Shop.

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Der 1965 gebaute “Reactor” steht im Büro, er basiert auf einer Citroën DS und hat einen Chevrolet-Corvair-Motor.

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Auch wenns hier nicht so aussieht …

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… wie bei Boyd, …

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… wird hier doch auch gute Arbeit gemacht.

Moderne Zeiten

„O tempora, o mores“, beklagte sich schon Cicero im alten Rom. Früher gab es in den USA in jedem Ort so einen Schrottplatz. Und heute? In Kalifornien praktisch gar nicht mehr und auch in den anderen Staaten verschwinden sie zusehends. Aber das soll nicht unser Thema sein, kommen wir lieber zu Windy, wie Gene auch genannt wird. Nachdem im Juli und August erst Larry Watson und Larry Alexander von den Alexander Brothers gestorben sind, ist Windy einer der letzten noch lebenden Customizer aus den Fünfzigern. Und neben Frank DeRosa wohl auch der einzige, der noch richtig aktiv ist. Fulltime.

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Noch ein Beispiel für Fadeaway-Lackierungen, allerdings fehlt hier noch der Klarlack.

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Bei dem beständig trockenen Wüsten-Wetter wird natürlich viel im Freien gearbeitet.

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Die Atmosphäre ist relaxt. Hier bespricht man gerade die Feinheiten der Fensterrahmengestaltung.

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Massenhaft Teile, die auf ihren Einsatz warten, …

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… genau wie dieser Mercury auf die Fertigstellung.

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Auch der “Strip Star” zählt zu seinen berühmten Racern. Gene fährt heute noch Drag Race, nachdem er das 1953, nach seiner Hochzeit, vorübergehend aufgegeben hatte.

Schon vor einigen Jahren hatte ich ihn persönlich kennengelernt und wollte immer seinen Shop besuchen, hat aber irgendwie nie geklappt. Jetzt hatte ich ihn vor ein paar Tagen auf der Sacramento Autorama getroffen und die Gelegenheit genutzt, einen Termin für eine „Shop Tour“ auszumachen. War wie gesagt schwierig, weil er ständig unterwegs ist auf irgendwelchen Treffen, wo er entweder einen Teilestand hat oder Seminare in „body work“ (Karosseriearbeiten) gibt oder einfach nur als Attraktion fürs Publikum da ist. Und wenn er mal zu Hause ist, hat er ständig Kundentermine. Kunden, die Autos bringen, oder Kunden, die Autos abholen, oder Kunden, die was besprechen wollen.

Vor ein paar Jahren bin ich bei George Barris, dem „King of Kustoms“, gewesen. Der hat auch noch seinen Shop, aber richtig gearbeitet wurde da eigentlich nicht mehr. Irgendwie hatte ich mir das bei Gene auch so ähnlich vorgestellt – und war angenehm überrascht. Da ging’s richtig ab. Ich konnte gar nicht wirklich überblicken, wie viele Leute da am Arbeiten waren, aber viel weniger als bei SO-CAL oder Roy Brizio waren es wohl nicht.

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Auch der 62er Cadillac wartet anscheinend schon länger darauf, dass es weitergeht.

Full Service

Wie das auch in den alten Tagen üblich war, macht die Firma so ziemlich alles, was mit Custom Cars oder Hot Rods zu tun hat: Reparaturen, Teileverkauf, Karosseriemodifikationen – vom einfachen Entfernen von Emblemen bis zum Top Chop oder gar Sectioning (Herausnahme eines umlaufenden Streifens aus der Karosserie) – sowie teilweisen oder kompletten Aufbau von Autos und natürlich auch Lackierungen. Seit 1957 ist Gene berühmt für seine „blended“ oder „fadeaway paint jobs”, Lackierungen mit verschiedenen Schattierungen, und das hat er heute immer noch voll drauf. Berühmt sind auch die GFK-Karosserien von 49er – 51er Mercurys, die er herstellt.

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Dieser 58er Lincoln wurde offensichtlich vor langer Zeit zum Pickup umgebaut. So was sieht man selten.

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Gene kann immer noch prima mit einem “torch”, einem Schweißbrenner, umgehen. 2007 hat er auf einem Treffen in Deutschland vorgeführt, wie man Antennen “tunnelt”.

1945 hatte sich Gene nach der Beendigung der Highschool zur Armee gemeldet. Als er 1946 entlassen wurde, eröffnete er in Modesto, Kalifornien, wo er aufgewachsen war, – übrigens der Ort, wo der Film American Graffiti spielt – seine erste Werkstatt unter dem Namen Windy’s Custom Shop. Streng genommen war das ein alter Hühnerstall und sein erster Kunde war sein Bruder. Aber im Lauf der Zeit wuchsen sowohl die Werkstatt als auch Genes Fähigkeiten und demzufolge auch die Zahl der Kunden, und bald hatte er die ersten Angestellten.

Nach einem neuerlichen kurzen Zwischenspiel bei der Army von 1949 – 51, unter anderem in Japan, wo er auch Autos umbaute, kehrte er zurück zu seinem Hühnerstall, jetzt mit dem Namen Winfield’s Custom Shop, um nach mehreren Umzügen und zwischenzeitlicher Arbeit für Ford, den Modellautohersteller AMT und die Filmindustrie schließlich in der Mojave-Wüste zu landen. Da, wo ich dann an jenem Donnerstagmorgen auch gelandet bin.
Der böse Boyd

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Das Wohnzimmer ist voll mit Modellautos, Pokalen, Autobüchern, Fotos und einschlägigen Magazinen.

Und die knapp 200 Kilometer weite Fahrt hatte sich absolut gelohnt. Ich habe im Lauf der Zeit viele Shops besucht, von kleinen, unbekannten Einmannbetrieben bis zu den ganz großen, berühmten. Das hier war nicht so eine affige, affektierte Scheiße wie bei Boyd, wo mehr geputzt als gearbeitet wurde (wobei ich das auch durchaus mochte, um Missverständnisse zu vermeiden), sondern eine richtige „Hinterhofwerkstatt“, so wie alle Custom Shops in den Fünfzigerjahren. Obwohl natürlich gearbeitet wurde, wirkte das alles absolut locker und entspannt – das genaue Gegenteil dazu, wie es bei Boyd Coddington zuging, um noch mal auf den zurück-zukommen. Kennt ihr doch alle von DMAX, oder? Angenehm ist auch, dass Winfield’s trotz des großen Namens kein Shop nur für dicke Brieftaschen ist. Hier können die Autobesitzer auch – je nach Lust und Begabung – selbst mithelfen oder sogar ihre Autos selbst bauen. Bemerkenswert ist, dass Gene trotz seiner 83 Jahre – er wurde am 16.7.1927 geboren – noch topfit ist, körperlich wie geistig.

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Auch dieses Bild aus den späten Fünfzigern hängt da.

Pete Chapouris, der Chef vom SO-CAL Speed Shop, hat mal gesagt: „Ich habe sehr früh erkannt, dass mit Bremsleitungen biegen nicht viel Geld zu verdienen ist.“ Recht hat er, aber Gene ist sich trotzdem nicht zu schade, selbst im Shop mitzuarbeiten – und den jungen Burschen ab und zu mal zu zeigen, wie man das früher gemacht hat.

Bewundernswert ist aber vor allem seine geistige Fitness. Im größten Chaos – Gene ist ein „Messie“, wie das heute so schön neudeutsch heißt – weiß er von jedem Foto genau, wo es liegt und wann es unter welchen Umständen aufgenommen wurde. Und erinnert sich an alle Einzelheiten von früher. Und bei allem Traditionsbewusstsein beherrscht und nutzt er auch die neuen Medien perfekt. Seht euch mal seine hochprofessionelle Website www.genewinfield.org an. Aber das Wichtigste ist eigentlich, dass Gene ein richtig cooler Typ ist!

Winfield’s Rod & Custom
8201 Sierra Hwy, Mojave
CA 93501-7126
Tel.: 001 661 824 4728
www.genewinfield.org

Bilder: Andy Hajenski

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