Der Nichtskönner

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Moderne Luxuslimousinen verfügen über mehr als siebzig Steuergeräte, sie erkennen Regen, Dämmerung, Bremsfehler, sie wärmen oder kühlen den Hintern und föhnen den Nacken. Dann waren da noch die anderen.

Mein Auto kann nichts. Wenn ich auf das Lenkrad drücke, ertönen keine Verkehrsnachrichten, ich rufe niemanden an oder schalte einen Gang höher. Mit Glück erschallt ein Hupton. Mein Auto weiß nicht, wann sich der Reifendruck verändert oder in wie vielen Wochen es wieder zur Inspektion muss. Es kennt keine Sportfunktion, es sei denn, ich trete das Gaspedal durch. Die Frontscheibe erkennt keine Regentropfen, die Scheinwerfer erahnen keine Dunkelheit, das Heck keine Hindernisse, die man beim rückwärts Einparken umnieten könnte.

Die Sitze tun nichts anderes, als sich abnutzen zu lassen. Sie wärmen mir weder den Hintern noch erinnern sie sich daran, welche meine Lieblingsposition ist. Genau genommen lassen sie sich nur mit Mühe vor- und zurück schieben. Vertikale Bewegungen sind ihnen fremd.
Mit meinem Autoschlüssel kann ich aus der Distanz weder den Kofferraum öffnen oder die Zentralverriegelung aktivieren. Ich muss ihn in Löcher stecken und drehen. Mein Handschuhfach kühlt kein Bier, der Kofferraum bietet keine Haken, Ösen oder Ablagefächer, die Mittelkonsole verfügt über keinen Getränkehalter. Sie sind leerer Raum – mehr nicht.

Vielleicht ist es das. Das Geheimnis dieses Autos. In einer Welt, in der inzwischen jedes technische Gerät und jeder Mensch unendlich viel gleichzeitig leisten muss, erinnert mich diese Maschine daran, wie einfach Dinge sein können. Tausend Fähigkeiten sollen wir beherrschen, tausend Interessen pflegen, tausend Plätze sollen wir bereist haben. Bücher wie „Was Männer über Sex, Frauen, Steaks oder Fußball wissen sollten“ finden nach wie vor reißenden Absatz. Immerhin kommt auch im nächsten Winter der Ratgeber „101 Dinge, die Sie sich sparen können“ auf den Markt – wobei sich der Gedanke anschleicht, ob diese Lektüre nicht die 102. Sache sein könnte, auf die man verzichten könnte. Natürlich ist es praktisch, dass unser Mobiltelefon inzwischen Musik speichert, das Wetter voraussagt, als Fotoapparat dient oder den Weg weisen kann. Es geht auch nicht darum, sich jeglicher Technik zu verweigern, allem zu entsagen und seinen Multifunktionsdrucker aus dem Fenster zu werfen, weil MacGyver schließlich auch nur mit einem Schweizer Messer und Klebeband die kniffligsten Probleme löste. Aber manchmal ist es schön, sich mit Schlichtheit zu umgeben. Keine Knöpfe, keine Funktionen, keinen Mehrwert. Verzicht ist eine Kunst, nach der wir uns immer stärker sehnen und die immer schwerer fällt. Und wie ich hier so sitze und vor mich hintippe, fällt mir Mark Twain ein, der einmal sagte: „Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Worte weglassen.” In diesem Sinne – mehr ist nicht zu sagen. Ab ins Auto.

13 Gedanken zu “Der Nichtskönner

    • Darum werde ich mich NIE von meinen E30 trennen.

      Tschuldigung, aber wer diese ganzen elektronischen Helferlein von heute braucht (die mich eh nur nerven würden, fängt schon bei PDC an), der sollte kein Auto fahren dürfen.

      • Auch ich habe mein Herz ua an E30 verloren. Das Baur-Cabrio 325e ist soweit up to date, aber per Saison nur noch bis Ende des Monats zugelassen. Die “Winterkiste” 325ixT hat bereits seit Februar keinen TÜV mehr und der alltags-320iT seit August auch nicht mehr. Den 84er 318i oder 323iA von der 07 aus wieder im Alltag zu fahren ist indiskutabel. Die Steuern fressen einem auf (Kein KAT). Also: Mal gucken. Irgend was Kleines mit Resttüv für Dreistellig. Nüscht! Anscheinend gibt es viele Fahranfänger derzeit bzw anderen geht es ähnlich wie mir. Was ich angeboten bekomme ist ein E36 323iT – 180tkm, Vollausstattung, allen Scheiß und Rost für knap Vierstellig. Hm. Verlockend. Ich überlege: 1xxx.- für den Eimer. Von meinen E30-Teilen passt nichts, nichtmal die Reifen. Mit dem M52 Motor kenne ich mich überhaupt nicht aus. Klima, Sitzheizung – kann alles kaput gehen und ist dann richtig teuer. Apropos: Steuer und Versicherung nimmt für den 323i auch mehr wie für meinen treuen 320iT.
        Entscheidung: der treue 320iT den ich vor vier Jahren “zum aufbrauchen” für 400.- gekauft habe bekommt neue A-Säulenabschlüsse und nochmal TÜV und alles wird gut. Und wenn im Sommer meine neue Garage fertig ist, die Hebebühne installiert, dann wird auch der 325iT wieder auferstehen.

    • Wie immer, treffend geschrieben und auf den Punkt gebracht. Ich bin gewiss kein Technik-Verächter und zähle mich auch nicht zu den Amish-People, manches ist dennoch einfach zu viel! Wer braucht eine Müdigkeits-Erkennung? Man sollte selbst erkennen, wann man müde ist, oder? Einpark-Hilfe? Doch erst für manche nötig geworden, nachdem die Designer beschlossen hatten, den Bedarf dieser Dinger mittels mieserabler Übersicht nach hinten, anzukurbeln. I-Net im Auto, klar, aber Telefonieren ohne FSE kostet! Was lenkt mehr ab, der Dreh-Drück-Sonstwas MMI-Steller oder ein Telefonat? Und was kommt als nächstes Novum?
      Die automatische Blasen-Kontrolle? Die freundliche Stimme, die einem sagt: bitte jetzt pinkeln gehen? Oder, vornehmer ausgedrückt: “Teilnehmer, sie nähern sich einer Sanifair-Station, sie können dort jetzt ihren Harndrang befriedigen”! Ich bin sicher, da geht noch was 😀

  1. Ich habe gerade das Vergnügen, dass mein 16 Jahre alter A6 in der Werkstatt steht und ich für diese Dauer einen A6 neu fahren darf… Puh… Tolles Auto, sicher, Klasse Technik, auch sicher… Aber Sicher? Wenn beim neuen der Christbaum leuchtet ist das wie Weihnachten unter dem Baum Geschenke suchen. Überall funzelt und blitzelt es, es hupt und bimmt und bammt und man erfährt, dass das Telefon noch nicht gekoppelt und das der Leitstrahl für das ILS noch nicht verfügbar ist. Man drückt hier ein Knöpfchen und da noch ein anderes und toll. Man fährt. Mein Alter fährt auch, aber irgendwie viel schneller. Nicht schneller, nein, nur eben jetzt, sofort, ohne Gedenksekunde um auf die Freigabe des Reifendrucksensors zu warten. Mit dem Alten fahre ich los und komm an. Mit dem neuen auch, klar, sehr ruhig und sehr komfortabel, aber ich muss mir Gedanken machen, welche Einstellungen ich ihm mit auf den Weg gebe… Harte Federung, weiche Lenkung, mittlere Beschleunigung, warme Socken oder kalte… Tolles ähm, ja, Auto? Ich freu mich auf Freitag… Dann brauche ich wieder Wadenkraft für die Kupplung und Bremse, spüre ob genug Luft in den Reifen ist und pass auf, dass mein Navi nicht wieder von der Scheibe fällt… Herrlich einfach. So…. PUR!

  2. Achjaaa… Der Alte riecht nach einer Beziehung. Ein bisschen ich, ein wenig er… Der Neue. Mach ich die Augen zu, könnte ich meinen, ein neuer Fernseher steht vor mir. Riecht genauso…

  3. Ich war neulich für längere Zeit auf Dienstreise und hatte dafür einen neuen Passat TDI von 2012.
    Sehr sparsam, sehr weich, restlos entmannt und mit so viel Platz, dass mein rechtes Bein nach 100 km weh tat, da es an der zu großen Mittelkonsole schliff. Völlig schockiert war ich, als ein Gong ertönte, eine Kaffeetasse im Display erschien und kurz darauf der Satz: Sie sind übermüdet. Bitte Pause einlegen.
    Wer beherrscht hier wen?? Der Fahrer das Auto oder das Auto den Fahrer??
    Ich war auf jeden Fall froh, als ich Freitags wieder in meinen 20 Jahre alter T4 Transporter steigen konnte und fühlte, dass das Auto lebt.
    Bis auf einen Lichtschalter und ein Zündschloss sind keine elektrischen Helfer vorhanden. Aber ich bin glücklich

  4. Natürlich braucht ein KFZ in der heutigen Zeit unbedingt eine Sitzheizung,
    ein Navigationssystem und eine stufenlose Klima-Automatik
    und ohne ABS wäre der durchschnittsbegabte Autofahrer moderner Zeiten
    hilflos den Launen des Asphalts und den Gesetzen der Physik ausgeliefert.

    Für ABS- und ESP-Menschen ist das Ausbrechen des Hecks natürlich
    eine überraschende und furchtbegründende Angelegenheit, aber was ein
    echter Hecktrieblerfahrer ist, der lenkt sein Gefährt (auch bei Eis und Schnee)
    noch “mit dem Hintern”. Ein ausgesprochen ausgebildetes Gefühl für alle
    drei Dimensionen geht ihm nicht durch allseitig pampernden
    Elektronik-Einsatz verloren und er kennt noch die Technik des Gegenlenkens,
    wenn es mal (hui!) quer in die Kurve geht.
    Und das ist es doch, was den Spaß am Fahren eigentlich ausmacht!

    Meint der KFM
    (Heckschleuderer)

  5. Servus zusammen,

    ich muss trotzdem mal eine Lanze für die Sitzheizung brechen……… Äh…… also seit ich wieder Ford Taunus fahre und keine mehr habe, vermisse ich sie manchmal ein wenig. Aber vielleicht liegt das auch am Alter…
    Grüße
    Jens

    • Jens,

      das liegt am Alter. Ich bin gerade in froher Erwartung der Standheizung für meinen T4. Da bestimme übrigens auch ich, wann an, oder aus. Der einzigste, der hier sein Veto einlegen könnte, wäre der Batterie-Wächter 😀

      Obwohl Markus meint, das wäre etwas für Mädels..
      Ich sag dazu, Privileg des Älteren 😉

      Grüße aus TF

  6. Mein 1602 kann auch nichts, außer herumfahren und gut aussehen. Ich kann aber versichern, dass man sich die Lektüre von “101 Dinge…” nicht sparen sollte, das ist nämlich sehr, sehr lustig! Und das sage ich nicht nur, weil ich es geschrieben habe!

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