Straßenrennen Targa Florio – Des Targas fette Beute

Die moderne Version des berühmten sizilianischen Straßenrennens Targa Florio hat einen neuen Veranstalter. Grund genug für den elfmaligen Gewinner Porsche, erstmals seit 1973 wieder mit einem Werkswagen teilzunehmen. TRÄUME WAGEN saß am Steuer des Porsche 911 2.2 S Targa aus dem Porsche-Museum

am122011_7013_targa_florio_rennen_00Bei etwa 150 Stundenkilometern auf der Autobahn verabschiedet sich der Tacho. Samt Kilometerzähler. Achim Stejskal zuckt mit den Schultern. Mein Beifahrer, hauptberuflich Chef des Porsche-Museums in Stuttgart, sagt gelassen: “Das schaffen wir auch so.”

Mit “das” meint er noch rund 500 der insgesamt knapp 800 Kilometer kreuz und quer durch Sizilien. Und das bei einem der berühmtesten Straßenrennen der Welt, der Targa Florio.

Ein Gleichmäßigkeitsrennen, bei dem man mit Roadbook (dort sind Richtungen und Entfernungsangaben auf zehn Meter genau eingetragen) seinen Weg findet und immer mal wieder auf Sonderprüfungen trifft, in denen man bis auf die Hundertstelsekunde genau einen über die Straße gelegten Schlauch treffen muss, der die Zeit festhält.

Wir sind sicher, auch ohne Kilometerzähler mit dem Porsche 911 S 2.2 Targa den richtigen Weg zu finden. Das mit den korrekten Zeiten haben wir uns sowieso abgeschminkt: Das Klemmbrett mit den Stoppuhren war bei Übergabe im Hafen von Palermo nicht (mehr) im Auto, und die schnell besorgten Ersatzuhren aus einem Ramschladen waren so alt, dass die Batterien nicht mehr funktionierten. So blieb uns sowieso nichts anderes übrig, als die Stoppuhr eines Handys als einzige Messquelle zu nutzen.

targa_florio_rennen_01Aber, um die Ehre des Autos nicht zu beschädigen: Der Wagen ist der Hammer. Ein Auto, 1970 zugelassen, seit 1985 auf dem Podest im Museum. Dann nur kurz gecheckt, Flüssigkeiten ausgetauscht, Probefahrt, und ab zur Targa Florio. Bemerkenswert.

Und er fährt sich wahrlich nicht wie ein mehr als 40 Jahre altes Auto. Der Klassiker verwindet sich nur leicht auf dem völlig unebenen, manchmal sogar durch Erdrutsche mit Stufen versehenen sizilianischen Asphalt. Nichts knarzt, quietscht oder scheppert. Unser Auto ist erst rund 45.000 Kilometer alt. “Und völlig serienmäßig,” wie Stejskal versichert.

Der Erstbesitzer – der sich den mit einem Grundpreis von 28.694,- Mark teuersten Porsche von allen aussuchte – orderte Leder, Radio, das Dachteil als faltbare Variante und Sportsitze. Die nehmen die Insassen perfekt auf und halten sie dank kräftiger Wangen in Kurven sicher fest.

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Bereit zum Start: Eine Armada an Ferrari und die buntere Reihe der historischen Autos.

Das Vierspeichenlenkrad ist zwar ungewohnt dünn, aber es liegt bestens in der Hand. Die berühmten fünf Einzelinstrumente im Blickfeld, der “Choke” links als Hebel neben der Handbremse. Die Bremsen beißen fest zu (was in Palermo zwei trottelig-verträumte Teenager vor dem Hospital bewahrt), nur der Motor hält Drehzahlen unter 2.000 Touren für unter seiner Würde.

Darüber allerdings fühlt sich der Sechszylinder-Boxer so richtig wohl. Und als sich ein rußender Ferrari Dino 246 GTS zügig, aber für einen Porsche nicht zügig genug den Ätna hochschraubt, gibt Stejskal grünes Licht für 7.000/min. Der Wagen legt sich ins Zeug mit sämtlichen 180 PS, die er hat, und schneller als gedacht ist der Italiener kassiert. Einfach geil.

targa_florio_rennen_03Mit dem Werks-Porsche kehrt einer der wichtigsten Protagonisten zum imageträchtigen sizilianischen Straßenrennen zurück: Elf Mal gewannen die Zuffenhausener zwischen 1956 und 1973 hier, als es noch um Tempo ging und das Rennen von 1955 bis 1973 sogar zur Sportwagen-Weltmeisterschaft gehörte. Nach mehreren Unfällen wurde die Targa Florio als Highspeed-Veranstaltung 1977 verboten und umgewandelt in ein Gleichmäßigkeitsrennen für historische Sportwagen. Bis dato ohne Reiz für Porsche.

Doch nun hat zum ersten Mal die MAC-Group die Targa Florio ausgerichtet – jene Eventmanager, die auch die berühmte Mille Miglia mit beachtlichem Renommee veranstalten. Grund genug für Porsche, neben ein paar Panamera Hybrid als Begleitfahrzeuge als Hommage an vergangene Zeiten das Auto an den Start der dreitägigen Tour zu bringen, dessen Dachkonstruktion nach dem berühmten Rennen benannt wurde und damit Namensgeber für ähnliche Systeme anderer Hersteller wurde: der “Targa”. Gemeint ist eine Karosserieform mit breitem Überrollbügel samt fester Heckscheibe und herausnehmbarem Dachteil. Die amerikanische Gesetzgebung zwang ihm den Überrollschutz auf.

targa_florio_rennen_04Der Name “Targa” (ital. für Schild”) stammt aus dem Jahr 1906. Damals wurde die so genannte Targa Florio zum ersten Mal ausgetragen, benannt nach dem Erfinder und Großindustriellen Vincenzo Florio. Sie war das schwierigste Straßenrennen ihrer Zeit (die Mille Miglia wurde erst 1927 aus der Taufe gehoben). Die Rundstrecke über Sizilien führte über 148,8 Kilometer, mehr als 900 Kurven galt es zu meistern. Die Strecke mußte dreimal bewältigt werden, die Straßen waren nicht abgesperrt. Sieger des ersten Rennens wurde Alessandro Cagna auf einem 40-PS-Itala dank 7,5-Liter-Motor. Er benötigte neun Stunden, 32 Minuten und 22 Sekunden, sein Temposchnitt lag bei 46,8 km/h.

Ferdinand Porsche hinterließ übrigens schon früh Spuren auf Sizilien. 1922 gewann der von Porsche konstruierte Austro-Daimler “Sascha” die Targa Florio in der 1,1-Liter-Klasse, 1924 kassierte ein Mercedes 2-Liter den Gesamtsieg, entwickelt von Porsche bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft.

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Warten auf die Sonderprüfungen: dank der vielen verschiedenen Modelle eine Wonne.

Porsche nahm als Werk zum ersten Mal 1956 teil, mit einem 550 A Spyder. Das Auto, das erst elf Tage zuvor beim 1.000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring debütierte, ließ mit Umberto Maglioli am Steuer die gesamte Konkurrenz hinter sich und siegte auf Anhieb – und das mit zwei Litern Hubraum gegen die sonst so übermächtigen Hubraumriesen. Maglioli schaffte ein Durchschnittstempo von 90,9 km/h auf der zu diesem Zeitpunkt 770 Kilometer langen Strecke. Heute ist aus Versicherungsgründen ein Temposchnitt von höchstens 50 km/h erlaubt – der allerdings nicht von allen Teilnehmern auf den Verbindungsetappen eingehalten wird.

Zeitweise geht es für die 50 Klassiker von MG J12 von 1933 bis zum BMW 2002 tii, Baujahr 1975, mit Polizeieskorte durch schmale Dorfstraßen, auf Autobahnen sperrt die Obrigkeit mal kurz alle Zufahrten. Wohl in keinem anderen Land als Italien sind die Bewohner ähnlich begeistert, wenn laute Klassiker mit leicht überhöhtem Tempo ihre maroden Balkone zum Erzittern bringen.

targa_florio_rennen_06Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die MAC-Gruppe noch zwei andere Konvois neben den Klassikern starten lässt: Die Eco-Mobile und die Ferrari. Die Eco-Autos sollen die Sizilianer für moderne Antriebe begeistern (wurden von uns jedoch nirgendwo erblickt, weil es keine gemeinsamen Stationen gab), die Ferrari – alt und neu, vom GTO über den F 40 bis zum FF – bringen Italiener nach wie vor in Ekstase.

Porsches Rückkehr nach Sizilien endete übrigens mit dem 18. Platz – keine Chance gegen die Profis, die sich teilweise ein Vorkriegsauto kaufen, weil man wegen der freistehenden Räder die Schläuche besser sieht; die ihre Oldies mit der allerneuesten Navigations- und Zeitmesselektronik aufrüsten, aber ein modernes Radio im Oldie für Frevel halten, und die kurz vor der Rallye am Wochenende stundenlang auf einem Baumarkt-Parkplatz üben.

Trotzdem kommt Porsche wieder im Jahr 2012, vermutlich sogar mit drei Autos. Im Museum scharren “Sascha” und Konsorten bereits mit den Pneus…

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Präsentation nach getaner Arbeit: Das Interesse an den Targa soll im nächsten Jahr steigen.

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Wundern und bewundert werden: Die gesamte Targa Florio ist ein Geben und Nehmen.

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Schlussakkord: Nächtliche Aufstellung auf Palermos Prachtstraße zur Fahrt auf die Rampe.

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Ohne Mr. Florio gäbe es das alles nicht: Kurzbesuch im Targa-Florio-Museum in Collesano.

Porsche 911 S 2.2 Targa
Motor: 2.2-Liter Sechszylinder-Boxer
Kraft: 180 PS bei 6.500/min
Antrieb: Fünfgang-Handschalter, Hinterradantrieb
Fahrwerk: Einzelradaufhängung rundum
Bremsen: Scheibenbremsen rundum
Radstand: 2.268 mm
Länge/Breite/Höhe: 4.163/1.610/1.320 mm
Wendekreis: 10,7 Meter (links) und 10,9 Meter (rechts)
Gewicht: 1.110 Kilo
Beschleunigung 0-100 km/h: 8 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 230 km/h
Verbrauch (Werksangaben): 16,0 Liter auf 100 km
Baujahr: 1970
Grundpreis 1970: 28.694,- Deutsche Mark
Wert heute: ca. 100.000,- Euro
Bilder: Roland Löwisch, Porsche AG

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