Oldschool Custom Works – US-Car Marktübersicht für Einsteiger

Geschichten aus dem Muscle-Car-Alltag – Vier Konzerne, zwölf Marken, mehr als 100 Modelle und Modellvarianten – wer ein amerikanisches Auto aus den späten Sechzigern sucht, hat die Qual der Wahl. Die Experten von Oldschool Custom Works in Weinstadt können den Markt ordnen

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Die Chefs von Oldschool Custom Works in Weinstadt: Christian Rühle (links) und Sönke Priebe

“Welches Auto können Sie für den Einstieg empfehlen?” lautet eine oft gehörte Frage in unserem Gewerbe. Keine leicht zu beantwortende Frage – wer sich einen amerikanischen Klassiker zulegen möchte, sollte zunächst grob die Grundprinzipien des US-Autobaus überblicken. Modelljahr, Fahrzeugklasse und Konzernzugehörigkeit spielen eine wesentliche Rolle in Preis, Teileverfügbarkeit und Alltagstauglichkeit.

Modelljahr
Anders als im europäischen Autobau, wo lange Modellzyklen heute noch Beständigkeit, Langlebigkeit und Qualität ausdrücken, verlangt der amerikanische Markt damals wie heute nach ständigem Wechsel. Jedes Modelljahr sieht anders aus – und wird auf dem Liebhabermarkt teils dramatisch unterschiedlich bewertet. Ein Dodge Challenger aus dem Modelljahr 1970 beispielsweise ist ein gesuchtes Sammlerstück, der für den Laien kaum zu unterscheidende 71er Challenger hingegen ist ein Ladenhüter. Etwa um 1965 beginnt die Ära, die heute als “Muscle Car Wars” bekannt ist – die Ära schneller, leichter, hochmotorisierter zweitüriger Coupés. Sie endet recht abrupt 1970 aus Gründen, die ein ganzes Buch füllen würden. Fast kein US-Modell, das 1971 oder später gebaut wurde, verfügt über einen nennenswerten Zeitwert.

Fahrzeugklasse
Grob gesagt ist der gesamte US-Fahrzeugmarkt der 60er in vier Fahrzeugklassen eingeteilt: Fullsize, Midsize, Compact, und die etwas diffusere Gruppe der Sports/Pony Cars. Heute nimmt man die meisten dieser Autos in der gleichen Größe wahr: 800 x 600 Pixel im Internet. Aber Vorsicht: Fullsize-Modelle wie etwa der Chevrolet Impala, Ford Galaxie oder Dodge Monaco rangieren in der realen Welt im 2 x 5,50 Meter-Bereich, und selbst die amerikanische “Compact”-Klasse  bringt es stellenweise noch auf 4,80 Meter – länger als ein aktueller VW Passat. Wer Fullsize fahren will, braucht Oversize-Parkplätze…

Konzern
Drei große Automobilhersteller dominierten den rund zehn Millionen pro Jahr umfassenden Pkw-Markt in den USA während der Muscle Car Wars: General Motors, Ford und Chrysler. GM allein produzierte rund die Hälfte (!) aller US-Fahrzeuge der Ära, Ford etwa ein Viertel, Chrysler brachte es immerhin noch auf etwa 15Prozent. Die riesigen Unterschiede in den Produktionszahlen sorgten damals für teils dramatische Qualitätsunterschiede, heute wirken sie sich in erster Linie auf die Verfügbarkeit und damit die Preise einzelner Marken aus.

General Motors
“Der General” ist aus dem amerikanischen Alltagsleben nicht wegzudenken. In den Sechzigern brachte es der Konzern mit den Marken Cadillac, Buick, Oldsmobile, Pontiac und Chevrolet auf runde 50 Prozent Marktanteil – jedes zweite Automobil auf amerikanischen Straßen stammte aus dem Hause GM. Selbst von “Nischenmodellen” wurden gigantische Stückzahlen produziert, was heute die Verfügbarkeit hoch und die Preise niedrig hält. GM-Baugruppen von damals sind entsprechend millionenfach erprobt, die Fertigungsqualität ist an der US-Konkurrenz gemessen hoch. Intern weist der GM-Konzern nochmal eine Unterteilung auf: Bei rund der Hälfte aller GM-Pkw handelt es sich um Fahrzeuge der “günstigen” Chevrolet-Reihe. Die Marke mit dem “Bowtie”-Logo bietet insofern alle Vorteile des GM-Konzerns nochmals in sich selbst: Höchste Stückzahlen aller GM-Fahrzeuge, millionenfach erprobte Technik, höchste Verfügbarkeit, beste Ersatzteilversorgung und vernünftigste Preise.

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Chevrolet Camaro: Der GM-Beitrag zur Pony-Klasse. Hohe Verfügbarkeit, perfekte Teile- und Restaurationsteileversorgung, gigantischer Zubehörmarkt – der S-Klassiker mit der besten Marktunterstützung

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Buick Riviera: Buicks Personal Luxury Coupé. Geringe Stückzahlen und Kleinserien-Technik machen den Oberklasse-Wagen schwer zu bekommen und schwer zu unterhalten

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Chevrolet Impala: Amerikas populärstes Fullsize-Automobil. Trotz großer Produktionszahlen nur mittelmäßige Verfügbarkeit bei hoher Nachfrage, nicht ganz günstig. 100-prozentige Teileversorgung, starker Restaurationsteilemarkt

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Chevrolet Chevelle: Stückzahlenstärkster GM-Midsize mit hoher Verfügbarkeit, 100-prozentiger Teileversorgung, guter Restaurationsteileauswahl und mittlerem Bekanntheitsgrad

Die Stückzahlen, die von den GM-Fließbändern rollten, machen sich noch in einem anderen wesentlichen Umstand bemerkbar: Die moderne Zubehör-, Ersatzteile- und Restaurationsteile-Industrie richtet ihre Produktpalette auf solche Fahrzeuge aus, bei denen auch heute noch ein hoher Teilebedarf besteht – in anderen Worten: Für GM-Fahrzeuge der 60er Jahre sind noch die meisten aller Teile lieferbar, für die Chevrolet-Erfolgsmodelle dieser Zeit kann man größtenteils sogar von 100-prozentiger Teileversorgung sprechen. Dies gilt ganz besonders für den legendären Chevrolet “Smallblock”-V8-Motor, der von 1955 bis heute mehr als 90.000.000 Mal produziert worden ist – Ersatzteile (und fachkundige Mechaniker) für dieses Triebwerk findet man auch im letzten Winkel dieser Welt.

Ford Motor Company
Mit nur etwa 25 Prozent Marktanteil lag die Ford Motor Company mit den Marken Lincoln, Mercury und Ford in den späten Sechzigern weit hinter GM. Als einziger der drei Konzerne beteiligte sich Ford auch nicht nennenswert an den PS- und Hubraumschlachten, welche die zweite Hälfte der Sechziger nachhaltig prägten. So bekommt man dann auch heute von Ford nichts Ganzes und nichts Halbes. Mittelmäßige Stückzahlen, mittelmäßige Verfügbarkeit, mittelmäßige Qualität, mittelmäßige Leistung, mittelmäßige Ersatzteileversorgung. Das resultiert in unterdurchschnittlicher Aufmerksamkeit der Restaurationsteilehersteller – aber auch in unterdurchschnittlichen Preisen. Auch hier gilt: Den Löwenanteil der Produktion der Ford Motor Company stellte die günstige Marke Ford, was heute eine bessere Verfügbarkeit und Ersatzteilversorgung verglichen mit den Konzernmarken Lincoln und Mercury bedeutet. Ein Zubehörmarkt existiert für alle Ford-Marken nur im Ansatz.

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Ford Mustang: Das Ur-Ponycar glänzt durch hohe Verfügbarkeit, exzellente Teileversorgung, hohen Wiederverkaufswert: Der Mustang ist nie eine falsche Entscheidung

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Ford Falcon: Fast unbekannter Compact, kaum verfügbar, teilt sich aber die komplette Bodengruppe mit dem Mustang

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Ford Fairlane: Günstiger Midsize-Klassiker, aber mit schlechter Teileverfügbarkeit und niedrigem Bekanntheitsgrad geschlagen

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Ford T-Bird: Wunderschönes Personal Luxury Coupé, Teileverfügbarkeit gemessen an der Popularität des Modells erstaunlich schlecht

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Mercury Marauder: Größer geht auch in der Fullsize-Klasse nicht, gute Exemplare recht günstig, Versorgungsprobleme schon bei Standard-Teilen, keinerlei Restaurationsteileversorgung, über 3 Tonnen Gesamtgewicht

Die glorreiche Ausnahme in der FoMoCo bildet der Begründer der “Pony”-Klasse, Fords großer Wurf, das Erfolgsmodell schlechthin: Die Rede ist natürlich vom Ford Mustang.  Rund 2,5 Millionen Exemplare des sportlichen Kleinwagens produzierte Ford von 1964 bis 1970 auf der Basis des heute fast vergessenen Ford Falcon. Einfachst konstruiert, exzellent verarbeitet – die zähen Ponys sind langlebig, so daß auch heute noch allergrößte Auswahl besteht, was die Preise trotz immenser Nachfrage erträglich hält und eine absolut perfekte Ersatzteileversorgung garantiert. Darüber hinaus passt das 4,70 Meter lange und 1,80 breite Fahrzeug sogar in deutsche Einzelgaragen. Spezialisten und Händler für Fords Zugpferd finden sich selbst in Europa an jeder Ecke. Geringes Gewicht, erstaunliches Handling und moderater Durst der Smallblock-Achtzylinder machen den Mustang zusätzlich zum wahren Fahrspaßwunder – wenn man denn damit leben kann, das dieser US-Klassiker nicht das geringste bisschen Exklusivität mit sich bringt. Mustangs findet man an jeder Ecke, auf Treffen sogar in inflationären Größenordnungen.

Chrysler Corporation
Die Chrysler Corporation, auch “Mother Mopar” genannt, mit den Marken Plymouth, Dodge, Chrysler und Imperial blieb mit gerade 15 Prozent Marktanteil weit hinter GM und Ford zurück. So sind heute wenige Fahrzeuge verfügbar, was die Anschaffungskosten bei sehr geringer Auswahl entsprechend nach oben treibt. Dafür bekommt man dann auch noch Autos, deren Technik oft mit den großserienerprobten Konkurrenzprodukten nicht mithalten kann.

Verarbeitungsqualität und Langlebigkeit sind ebenfalls zwei Punkte, mit denen Chrysler-Produkte stellenweise sehr viel weniger glänzen können, als solche von GM oder Ford.

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Dodge Challenger: Chryslers Ponycar gehört zu den beliebtesten US-Klassikern überhaupt. Exzellente Teileversorgung, gutes Restaurationsteileangebot für 1970er Modelle, aber teuer in der Anschaffung und nicht günstig in der Reparatur. Die fast identischen 71-74er Modelle hingegen sind nahezu wertlos

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Dodge Charger: Höchste Nachfrage bei geringer Verfügbarkeit machen Chryslers Personal Luxury-Coupé in jeder Hinsicht teuer. Exzellente Teileversorgung, gutes Restaurationsteileangebot

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Dodge Charger 1972: falsches Baujahr der Chrysler-Midsize-Legende. Hohe Preise durch die Nähe zum 1968-1970er Charger, erträgliche Ersatzteilversorgung, kaum Restaurationsteile

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Plymouth Roadrunner: reichlich Verfügbare Midsize-Legende. Preislich erträglich bei guter Teileversorgung und gutem Restaurationsteileangebot

Ein Ass im Ärmel hatte Chrysler aber dennoch – den exzellenten 440cui- (7.2 Liter) Bigblock, der quer durch die Modellpalette in jeder Fahrzeugklasse angeboten wurde. Damit dominierte Chrysler das Performance-Segement insbesondere der Jahre 1968-1970. Von den legendären echten “Muscle Cars” stammt ein Großteil aus dem Hause Chrysler, insbesondere Dodge und Plymouth taten sich auf dem Feld der “Econoracer” hervor – Midsize-Coupés mit günstiger Ausstattung, aber Heavy-Duty-Fahrwerkspaketen und den größten verfügbaren Motoren. Für diese überschaubare Anzahl an Chrysler-Midsize-Modellen, oft unter dem Synonym “Mopar” bekannt, besteht heute eine exzellente Ersatz- und Reproduktionsteileversorgung, sowie ein Zubehörmarkt, der zumindest in Ansätzen mit GM mithalten kann, wenngleich auch zu teilweise erheblich höheren Preisen.  Höhere Preise erzielen auch die Fahrzeuge selbst: Dodge und Plymouth-Coupés aus den Jahren 1968 bis 1970 gehören zum Teuersten, was der Markt zu bieten hat. Compact- und Fullsize-Fahrzeuge trifft das gleiche Schicksal wie diejenigen aus dem Hause Ford – mangels Nachfrage besteht bestenfalls erträgliche Ersatzteilversorgung, dafür sind die Anschaffungskosten eher gering.

Fazit
Zusammenfassend raten wir dem interessierten Szene-Neuling grundsätzlich zu einem Fahrzeug der Pony- oder Midsize-Klasse, aus rein praktischen Erwägungen, die sich aus der Teilnahme am modernen Straßenverkehr ergeben, etwa der Größe deutscher Garagen und Parkhäuser. Die Notwendigkeit einer Teileversorgung begünstigt grundsätzlich die stückzahlenstarken “billiger” Marken Chevrolet, Ford und Plymouth. Chevrolet erhält von uns dank höchster Verfügbarkeit, langlebigster, ausgereiftester und vor allem günstiger Technik und dem immens starken Zubehörmarkt ganz klar den Vorzug, wenngleich die Exklusivität leicht leidet – und das Design der höchst konservativen Marke  auf weiten Strecken mit den wesentlich aggressiveren und durchgestylteren Modellen des Chrysler-Konzerns nicht mithalten kann.

Wer über einen dickeren Geldbeutel und stabile Nerven verfügt, dem seien die Plymouth- und Dodge-Modelle angeraten. Hier kostet die anfälligere Technik zwar spürbar mehr, doch dafür bekommt man Fahrzeuge in einer optischen Ausgestaltung, für die GM immer der Mut gefehlt hat. Das 7.2 Liter Hubraum ab Werk in einer Midsize-Karosserie ein weiteres vehementes Argument darstellen, versteht sich von selbst. Den hohen Anschaffungskosten stehen im Übrigen solide Wiederverkaufswerte entgegen, solange es sich um unmodifizierte Exemplare handelt. Dazu bietet der schwache Zubehörmarkt allerdings auch wenig Anreize.

Das Schlußlicht bildet Ford, so lange in der Mittelmäßigkeit verhaftet, das sich die Marke in keinem wesentlichen Punkt entscheidend hervortun kann. Wäre da nicht noch die eine Ausnahme, der Mustang. Der hat sich seine Popularität ehrlich verdient.

Bilder: OSCW

2 Gedanken zu “Oldschool Custom Works – US-Car Marktübersicht für Einsteiger

  1. Servus Stefan!

    Will mich nicht unnütz wichtig machen aber der abgebildete “Fairlane” ist doch ein 66er Galaxie oder?

    Als Mercury Fan könnt ich mich auch irren. Sorry wenns so ist.

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