Rolls-Royce Silver Shadow – Champagner bitte!

Wer die Chance hat, einen Rolls-Royce Silver Shadow kennen zu lernen, sollte diese exklusive Möglichkeit unbedingt nutzen. Wir hatten dieses Glück mit einem Exemplar der zweiten Serie in Champagner-Gold-Metallic und mit zwei eleganten Damen. Gibt es etwas Schöneres, als mit diesem Trio über die Elbchaussee – Hamburgs teuerste und eleganteste Straße – zu schweben, um am Stadtrand ein Champagner-Picknick zu genießen?

Der Rolli ist englischer als der Rasen – letzterer ist zu lang

Limousinen der Luxusklasse kommen per Definition aus England

Mythos Rolls-Royce – nur mit “Flying Lady”

Natürlich gibt es seit jeher auch andere noble europäische und diverse US-amerikanische Edel-Karossen. Doch den Nimbus des Majestätischen tragen unangefochten die Briten. Wirklich gekrönt aber ist bei denen auch nur ein einziger Hersteller: Rolls-Royce.

Das besondere Picknick im Grünen, Mutter und Tochter (17 J.) genießen es

Natürlich fährt die Queen (und es gibt nur eine, die so genannt werden darf) Rolls-Royce, auch wenn noch andere Edel-Limousinen wie zum Beispiel ein extra für sie gebauter Bentley zum Fuhrpark gehören. Und als “Nebenjob” – wenn auch in einer eigenständigen Firma – baut Rolls-Royce Flugzeugtriebwerke und stattet, natürlich ebenfalls aus dem obersten Regal, die wahren Könige der Lüfte aus. Sowohl im Jumbo-Jet Boeing 747 als auch im Airbus A 380 rotieren die bislang sehr zuverlässigen RR-Strahltriebwerke, von den vielen anderen Fliegern und den Rolls-Royce Hubschrauber-Triebwerken einmal ganz abgesehen.

Es war übrigens die alte Rolls-Royce Limited, die im Gegensatz zu wahrscheinlich sämtlichen anderen Automarken niemals gezielt Werbung für ihr edles Gestühl machte. Allenfalls ausgewählte Automobil-Journalisten durften einsteigen, um Fahrberichte zu schreiben. Hierbei war die Firmenleitung seinerzeit derart von der Qualität ihrer Fahrzeuge überzeugt, dass auf die Frage nach der Leistung des Motors von oben herab mit einem “ausreichend” oder “genügend” geantwortet wurde. Auch stand einst das PR-trächtige Wort der Marke gegenüber den erlesenen Kunden, dass, wo auch immer auf der Welt ein Rolls-Royce eine Panne erleben würde, innerhalb von 48 Stunden eigens angereiste Techniker mit passend mitgebrachten Ersatzteilen vor Ort sein würden – selbst wenn sich die Unpässlichkeit in einer Wüste ereignen würde. Einen Rolls lässt man nicht in irgendeiner unkundigen Werkstatt reparieren, versteht sich…

Mit diesen und ähnlichen Mythen ausgestattet, verzaubern uns die noblen Modelle mit der kunstvoll fliegenden Dame “Spirit of Ecstasy” auf dem breiten Kühler seit unserer Kindheit. Zur Grundlage für den Mythos von Rolls-Royce wird ein Fahrzeug, das ab 1906 einen nie gekannten Glanz verbreitet. Das Modell 40/50 HP besitzt nicht nur einen Sechszylinder-Motor, sondern roll(s)t komplett in Silber vor das Publikum. Passend benannt mit “Silver Ghost”, wird er fast 20 Jahre lang gebaut und insgesamt 6.173 Mal verkauft. Unter den solventen Kunden befinden sich Könige und Maharadschas, denen Silber nicht genug ist. Gold an Metallteilen, Juwelen am Armaturenbrett – jeder Kundenwunsch wird erfüllt. Das Argument ist höchste Qualität durch reine Handarbeit.

Da kommt Freude auf: Schampus im Grünen und eine sexy Rückansicht

Feinstes Kalbsleder oder edelstes Vogelaugenahorn sind Standard, aber ein Rolls-Royce glänzte noch nie mit wegweisenden technischen Innovationen. Im Gegenteil: Ein RR sollte schon immer so einfach wie möglich zu bedienen sein, damit sich die Insassen auf anderes konzentrieren können. Erfolge im Motorsport gibt es auch nicht, nur durch Solidität, luxuriöses Interieur, knappe Stückzahlen und exorbitante Preise wurde Rolls-Royce zu dem, was die Marke noch heute ausmacht. Letztlich trug auch das Interesse einer hochexklusiven Käuferschaft zur Legendenbildung bei. Die Rolls-Royce-Kundenliste wird seit den 20er Jahren und über die folgenden Jahrzehnte zu einem “Who is who” aus Hochadel, Politik und Show-Business. Von Lenin über John Lennon bis Brigitte Bardot zeigten und zeigen viele Prominente ihre Liebe für das Luxus-Gefährt.

“Strebe in allem, was Du tust nach Perfektion. Beginne mit dem Besten, das es gibt und verbessere es. Akzeptiere nichts, das fast richtig oder beinahe gut genug ist.”

Frederic Henry Royce über die Markenwerte eines Rolls-Royce

Nachdem die Rolls-Royce Limited rund 60 Jahre lang ihre phantastischen Motor-Kutschen gebaut hatte, brachte der 1965 präsentierte Silver Shadow viele Neuerungen auf den automobilen Red Carpet. Der Silver Shadow löste den opulent-konservativen Silver Cloud ab und war – für Rolls-Royce-Verhältnisse – geradezu revolutionär. Der allgemein gelobte und moderne Karosserie-Entwurf stammte aus dem hauseigenen Styling-Studio unter Leitung von John P. Blatchley. Einige technische Neuerungen wurden von Entwicklungs-Chef Harry Grylls und Projektleiter Ivan Evernden eingesetzt: rundum Scheibenbremsen, unabhängige Radaufhängung und Niveauregulierung. Der Rolls-Royce Silver Shadow war in seinen äußeren Abmessungen kleiner und auch leichter als frühere Modelle. Trotzdem konnte der Innenraum durch die Möglichkeiten der erstmals selbsttragenden – bei der “Pressed Steel Company Ltd.” in Cowley gebauten – Karosserie vergrößert werden. Die bekannt perfekte Verarbeitung mit edelsten Materialien bis ins letzte Detail und eine überaus umfangreiche Ausstattung mit elektrischen Fensterhebern und Sitzen sowie Klimaanlage (seit 1969 serienmäßig) waren die vordergründigen Luxus-Merkmale des charismatischen Automobils.

Komfort an jeder Ecke – edel eingefasste Lampen und Spiegel im Wurzelholzrahmen

Technisch entwickelt sich der Silver Shadow über 15 Jahre weiter

Übrigens, “unser” ab 1977 gebaute Silver Shadow II machte aus dem Silver Shadow nachträglich den Silver Shadow I und brachte neben einem Facelift an Stoßstangen (größer und gummiert), Grill und Griffen auch einige technische Veränderungen. Statt der Kugelumlauflenkung gab es jetzt eine servounterstützte Zahnstangenlenkung, eine geänderte Vorderachsgeometrie, eine oben und unten getrennt regelbare Klimaautomatik und ab 1979 eine Scheinwerfer-Wischwaschanlage mit sympathischen, senkrechten Bürsten. Der seinerzeit größte, europäische 6,23-Liter-Leichtmetall-V8 mit Hydrostößeln und Stirnrad-Steuerung wurde schon 1970 auf 6,75 Liter vergrößert und kam auch im Silver Shadow II zum Einsatz. Nun allerdings endete die Abgasführung doppelläufig imposant unter dem schönen Heck.

Der Silver Shadow hatte vom Start weg ein baugleiches Schwestermodell, den Bentley T-Series – das war badge-engineering reinsten Wassers. Denn der Bentley unterschied sich lediglich durch andere Markenembleme, Kühlergrill und eine an den Grill angepasste Motorhaube. Außerdem gab es ab 1967 eine Langversion mit 10 Zentimeter längerem Radstand und der Bezeichnung Silver Shadow LWB (Long Wheel Base), die ab 1977, parallel zum Silver Shadow II, dann Silver Wraith II genannt wurde. Hintergrund der LWB-Version war der bei Rolls-Royce seit jeher bekannte Kundenwunsch nach mehr Beinfreiheit im Fond, speziell bei Nutzung des Fahrzeuges als Chauffeurlimousine.

Wie in einer Sänfte schwebt der Rolls über die Hamburger Elbchaussee

Das Fahrgefühl gleicht einem entspannenden Vollbad – in Leder

Eine Dreikreis-Hochdruck-Bremsanlage sorgte für Sicherheit und mit ihren zwei Pumpen auch für die Steuerung der Niveauregulierung. Dies zusammen mit der Luftfederung und den hochwandig-voluminösen Reifen des Silver Shadow II macht das unvergleichlich schwebende Fahrgefühl aus. Dies wird verstärkt durch das überaus dicke Connolly-Lederpolster-Gestühl und die maximal gelungene Geräuschdämmung. Auch die Schafwollteppiche in den üppigen Fußräumen vermitteln das typische Eintauch-Erlebnis von hochflorigen Teppichen in Edelhotels. Es gilt als geflügeltes Wort, dass man in einem Rolls-Royce während der Fahrt einzig das Ticken der Uhr hören würde. Was auch – fast – der Wahrheit entspricht. Das Fahrgefühl gleicht einem entspannenden Vollbad, schreibt “Classic Driver” – wohl wahr.

Muff Fehlanzeige: Das hell-beige Connolly-Leder mit dunklem Keder riecht auch sensationell lecker

Und ein Vollbad zu dritt ist natürlich ein ganz besonderes Erlebnis: Unsere kleine Picknick-Gesellschaft gleitet ähnlich eingelullt über die von prächtigen Villen und altem Baumbestand umsäumte Hamburger Elbchaussee. Hierbei ist ein hervorstechendes Merkmal der bewusst gemächlichen Fahrt mit dem auffälligen Silver Shadow II, dass man in diesem Auto so ganz und gar nicht in verkehrstypische Stress-Situationen gerät.

Auch heute noch wird jedem Rolls-Royce Respekt gezollt

Man wird selbst bei bummeliger Vorausfahrt nicht angehupt, man bekommt keine aggressiven Finger und fuchtelnden Hände und auch kein Kopfschütteln zu sehen. Stattdessen folgen die Neuwagen brav, reihen sich unterwürfig in die Kolonne hinter “His Majesty” ein und erst bei der nächsten offiziellen Überholmöglichkeit ziehen sie tadellos vorbei. Vom Straßenrand aus erlebten wir anerkennendes, höfliches Zunicken sowie staunende und verzauberte Gesichter. Dieser Wagen löst keinen Neid aus, sondern – bei aller Noblesse, die er ausstrahlt – eher eine höfliche Zurückhaltung. Das ist zur Abwechslung einfach nur angenehm.

Und dabei ist unser Rolls-Royce noch nicht einmal ein perfektes Exemplar, sondern ein ehrliches, originales Fahrzeug mit Patina und kleinen Macken. Dafür liegt er preislich auch nicht jenseits der 50.000 Euro für Zustand-1-Kandidaten, sondern soll 12.900 Euro kosten. Und das ohne gravierenden Reparaturstau (lediglich der Klima-Kompressor muss erneuert werden). Aber in einem gepflegten, ehrlichen Rolls wie dem unsrigen ist man immer eine kleine Attraktion, auch wenn hier und da mal etwas Lack nachgebessert wurde.

Die Tour durch Hamburg von Altona durchs enge St. Pauli, an der Elbe entlang bis auf eine große Wiese am Stadtrand und zurück ist in jedem Fall ein besonderes Erlebnis. Da hat man doch trotz vieler anderer automobiler Vorlieben ab sofort volles Verständnis für jedes Hochzeitspaar, das prachtvoll in einem Rolls-Royce Silver Shadow unterwegs sein will. Cheers.

Vielen Dank an Jens Seltrecht und seine Garage 11.
www.garage-11.de

Rolls-Royce Silver Shadow II, Bj 1978
Bauzeit: 1977 – 1980
Erstzulassung: 01.08.1978
Karosserie: Limousine viertürig, Vinyldach
Motor/Hubraum: 6.750 ccm
Motor/Bauweise: Leichtmetall-V8, zwei Ventile je Zylinder, zwei Vergaser
Leistung: “ausreichend” (ca. 190 PS)
Kraft-Übertragung: Dreigang-Automatik
Besonderheiten: Einzelrad-Aufhängung, Niveau-Regulierung, Luftfederung, Servo-Zahnstangenlenkung, Klimaautomatik, Tempomat, E-Fenster, E-Sitze
Länge: 5.170 mm
Breite: 1.820 mm
Höhe: 1.520 mm
Bereifung, Radstand: 235/70R15, 3.035 mm
Leergewicht: 2.061 kg
Produktion: 8.425 Fahrzeuge
Bilder: Christian Böhner

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