Historic Rallye – Motorsport zum anfassen

Es muss nicht immer die Targa Florio oder die Mille Miglia sein: Auch vermeintlich kleine Oldtimer-Rallyes bieten?Zuschauern und Teilnehmern Spaß und anspruchsvolle Strecken. Wie die Oldie-Rallye Südliche Weinstraße Historic

Dieser 1984er Opel Manta B ist, Heckantrieb sei Dank, ein ideales Fahrzeug für eine Rallye

Kultig: Ein 1982er Golf GTI begibt sich auf Zeitjagd. Mit dieser farbenfrohen Lackierung ist er einer der auffälligsten Fahrzeuge im Fahrerfeld

Manchmal sieht man sie beten, die Zuschauer. Nicht so richtig offiziell, aber still und leise in sich hinein. Zum Beispiel, als der 79er Opel Ascona B mit Vollgas auf sie zu kommt und im letzten Moment mit knallenden und brabbelnden Auspuffgeräuschen direkt an ihnen vorbeifliegt.
Aber genau dieses “Mittendrin statt nur dabei”-Gefühl macht eine Rallye so attraktiv. So nah dran wie bei den kleinen lokalen Rallyes darf das Publikum bei den überregionalen Events meistens nicht.

Noch mehr Spaß als die Zuschauer scheinen die Fahrer zu haben, denn die lassen es hier richtig krachen. “Hier”, das ist diesmal ein Acker in der Nähe von Edenkoben, einem beschaulichen Städtchen, das am Rande des Pfälzer Waldes an der südlichen Weinstraße liegt. Weinkennern dürfte dieser Ort ein Begriff sein, denn die Pfälzer sind bekannt für ihren guten Riesling. Doch für den interessieren sich die Fahrer heute erst nach dem Rennen….

Ein Käfer auf der Flucht: Lange Landstraßenabschnitte sind ideal für entspannte Überholmanöver – vorausgesetzt man hat genügend Leistung unter der Haube.

Der Opel Pilot scheint sich seiner Sache sicher zu sein…

Das ist auch gut so, denn die Streckenplanung der Rallye Südliche Weinstraße Historic, die im Rahmen einer modernen Rallye stattfindet, hat es in sich. Auf insgesamt sechs Wertungsprüfungen dürfen die ambitionierten Hobby-Rennfahrer ihre Kisten so richtig fliegen lassen. Eine davon führt über die knapp 600 Meter hohe Kalmit. Der Weg dorthin ist mit etwa vier Kilometern vergleichsweise kurz, aber anspruchsvoll und gespickt mit unübersichtlichen engen Kurven und rutschigem Asphalt. Fahrer, die  etwas auf sich halten, springen über die Kuppe am Gipfel. Wer jetzt glaubt, dass hier nur moderne Subaru Impreza oder Mitsubishi Lancer EVO abheben, der irrt: An dieser Stelle fliegt das automobile Erbgut der letzten 40 Jahre durch die frische Waldluft.

Teamwork: Die Fähigkeiten des Beifahrers entscheiden oftmals über Sieg oder Niederlage bei einer Rallye.

Einer der Publikumslieblinge war diese Renault Alpine A110 von 1971

Opel-Treffen: Ein 1976er Opel C Kadett geht an den Start – dicht gefolgt von einem Opel Manta. Wer wohl am Ende die Nase vorne haben wird?

Vor dem Start war noch nicht ersichtlich, mit welchem Ehrgeiz die hier versammelten Piloten später ins Lenkrad greifen. Ruhig, beinahe gelassen geht es zu. Von den Fahrern ist ohnehin nicht viel zu sehen, denn diese treffen ihre letzten Vorbereitungen vor dem Rennen oder stärken sich mit der vorerst letzten Mahlzeit. Da bleibt genügend Zeit für die Zuschauer, die Autos in Ruhe zu betrachten.

Ohnehin ist es das unaufgeregte Klima, das diese Veranstaltung so angenehm im Vergleich zu bekannteren Terminen macht. Obwohl auch prominente Starter wie Le Mans-Sieger Timo Bernhard angekündigt sind – seine Karriere hat einst beim Kartrennen auf einem Parkplatz hier in Edenkoben begonnen. Übrigens: Auch die Rallye-Koryphäe Walter Röhrl gab sich hier als Gastfahrer die Ehre.

Flotter Engländer: Ein MGB GT V8 lächelt freundlich für die Kamera

Männertraum: Ein Porsche 911 L von 1967 im schicken Rennanzug

Ruhe vor dem Sturm: Ein Opel C Kadett GTE kurz vor dem Start. Rechts im Bild ist bereits die Motorhaube des Verfolgers zu sehen

Ein Fiat 131 Racing mit historischer “Alitalia” Rallye-Lackierung beim Anbremsen auf eine Spitzkehre

Nun kommt auch langsam Leben in den ruhigen Parkplatz vor der Dorfkirche. Einer der Fahrer steigt gerade in sein MGB GT V8, weiter hinten rollt ein orange-blauer 1er Golf GTI in Richtung Start. Mit einem Lächeln schaut der GTI-Pilot auf das Heck des Opel C Kadett, der vor ihm startet. Opel und VW, das ist eine Liebe, die wohl niemals rosten wird. Unter den 80 Startern sind noch zahlreiche weitere Youngtimer, besonders stark ist Opel mit A- und B-Manta und Ascona vertreten. Die Opel-Fraktion ist dank Heckantrieb auch bestens gerüstet für solch eine Oldtimer-Rallye.

Im Starterfeld finden sich aber auch ein paar echte Exoten, darunter ein 1958er Wartburg Reisecoupé oder ein 1978er Ruf Porsche 911 SC. Zu den selteneren Zeitgenossen zählen auch ein 1971er Auto Union 1000 S und ein NSU TTS – ebenfalls Baujahr 1971. Sehr beliebt ist auch der Renault Alpine A110 von 1971 mit seiner betörenden Kunststoffkarosserie. Einige Zuschauer sind sogar extra wegen eines bestimmten Automodells angereist.

Seltene Zeitgenossen: Ein 1971er NSU TTS und ein 1958er Wartburg Reisecoupé

Schnell wie der Blitz: Das Markenduell Opel gegen Porsche geht in diesem Fall zugunsten von Opel aus. Wer hätts gedacht…

Starthilfe für einen gestrandeten MG-Piloten.

Ruf Porsche 911 SC auf Zeitenjagd.

Dreckschleuder

Einer der Höhepunkte der Rallye ist ein Rundkurs, der sich auf der Rheinebene zwischen Weinbergen und Äckern durchschlängelt. Hier ist nicht nur der beste Platz für Zuschauer, sondern auch der spannendste Streckenabschnitt für die Fahrer. In Zweiergruppen werden diese wie kampfeslustige Gladiatoren auf den Kurs gelassen. Das sensationshungrige Publikum bekommt hier über mehrere Stunden jede Menge Futter.

Es riecht nach verbranntem Gummi, heißen Bremsen, Öl und Benzin, dazu gesellt sich eine ständige Staubwolke. Bereits nach ein paar Minuten hat man ein belegtes Gefühl auf der Zunge, die Vorfreude auf den Riesling nach dem Rennen ist erstmal verpufft.

Dafür wird hier einiges für Augen und Ohren geboten: In einer Spitzkehre, vor einem längeren Landstraßenabschnitt, ist der Gummi-Schmelztiegel. Hier bremsen die Autos mit qualmenden Reifen stark ab und driften quer durch die Kurven. Das gelingt mal besser und mal schlechter und ist eher von der angetriebenen Achse als vom Fahrer abhängig.

Die heckgetriebenen C-Kadett, Ascona und B-Manta haben hier keine Probleme. Die frontgetriebenen Golf GTI stürmen nicht ganz so spektakulär aus der Kurve hervor. Ein französischer MGC GT Pilot übertreibt es schließlich und dreht sich um 180 Grad. Dank seines verbissenen Blickes und den wilden Gesten wird er von Fotografen wieder in Fahrtrichtung gestellt. Viel Zeit bleibt den Helfern nicht, denn mit dröhnendem Motor kündigt sich schon ein Saab 96 V4 Rallye an. Kurz danach rast der MG-Pilot mit Vollgas davon und streckt die Hand zum Dankesgruß aus dem Fenster.

Ein Auto Union 1000 S bei der Kurvenhatz

An einer anderen Stelle des Rundkurses erreicht kurz darauf das hausinterne Opel-Duell seinen Höhepunkt: Ein Manta schießt mit einem spektakulären Querdrift aus der Kurve und behagelt sämtliche Zuschauer am Streckenrand mit Steinen und Dreck. Dicht dahinter schießt ein Ascona hinterher und rückt dem Manta immer dichter auf die Pelle. Auf der nachfolgenden Gerade holt er ihn schließlich ein. Die Zuschauer jubeln begeistert – so sollte Motorsport sein.

Und der macht eben genau dann am meisten Spaß, wenn man live dabei ist. Apropos “live dabei”: TRÄUME WAGEN veranstaltet mit dem ADAC am 16. Juni 2012 die ADAC Hamburg Klassik Rallye. Vielleicht schauen Sie mal kurz auf den einen oder anderen Schluck Staub und ein paar tolle Autos vorbei?

Bilder: Sebastian Stoll

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