Der Inselschreck – Chevrolet Camaro Cabrio

Er ist laut, bunt und breit. Der neue Camaro ist das perfekte Auto, um nach Sylt zu düsen und zwischen den feinsandigen Dünen ein Gedenkbier auf den Film “Kleine Haie” zu trinken

Das ist der neue Superstar?” fragt mich der Mann von oben herab. Sein Haar wellt sich fein bis in den Nacken, und auf dem dunkelblauen Blazer aus wertigem Tuch blitzen die goldenen Knöpfe. Ich nicke freundlich. Nur mit Mühe habe ich es mir eben verkniffen, zu ihm “Na, alles im Lack?” zu sagen, als er aus dem mit Reet gedeckten Immobilienbüro geschlendert kam, um zu sehen, wer sich da dick und breit neben seinen Porsche Carrera S gestellt hat. Und leider hat der Herr auch nicht “Hastn echt originelles Auto” zu mir gesagt – wie einst Jürgen Vogel zu Armin Rohde in dem Film “Kleine Haie”. Damals spielte Vogel den Tellerwäscher Ingo Hermann und Rohde die Figur des “Bierchen”. “Bierchen” fuhr einen Camaro, und sein Satz “Fahrbier find ich okay” ging in die Geschichte ein.

Blick zurück nach vorn

In diesem Jahr feiert Sönke Wortmanns Film “Kleine Haie” seinen 20. Geburtstag. Ein guter Anlass, in einen Camaro zu steigen und loszufahren. Wobei mir jeder andere Grund auch recht gewesen wäre. Schließlich hat man nicht jeden Tag die Gelegenheit, mit einer Testosteronschleuder durch die Dünen von Sylt zu brettern. Wobei ich zugeben muss: Ich bin nicht “Bierchen”. Meine Lederjacke hat keine Fransen, ich höre keinen Metal und gebe selten Sätze für die Ewigkeit von mir. Dazu ist mein Camaro nicht mit Tigerplüsch ausgestattet, sondern mit sportlich-ergonomischen Sitzen, Ambient-Beleuchtung und Head-up-Display, das Daten zu Fahrtgeschwindigkeit, Motordrehzahl und Audiosystem in blitzblauer Grafik auf die Windschutzscheibe vor meine Nase projiziert. In meinem Camaro prangt kein Totenkopf samt roten Leuchtaugen als Schaltknauf – und das Lenkrad besteht nicht aus chromblitzenden Kettengliedern, sondern ist fein mit schwarzem Leder bezogen. Fühlt sich auch nicht allzu schlecht an.

1992 kam “Kleine Haie” in die Kinos – mit Armin Rohde als Bierchen und einem gewissen Camaro. Das aktuelle Modell ist dezenter – etwas

Rein in die Kiste und rauf aufs Gas. “Erstmal tanken, dann Italien”, sagte einst Bierchen. Für mich heißt es: “Erst tanken, dann Kampen”. Der neue Camaro unter meinem Hintern verfügt über einen V8-Motor mit 432 PS, 6,2 Liter und einem Drehmoment von 569 Nm. In 5,4 Sekunden kommt der Wagen auf Tempo 100 und schafft 250 Kilometer pro Stunde. Nicht so schlecht. Könnte in einer geschlossen Ortschaft wie Westerland allerdings ein paar kleine Probleme nach sich ziehen. Also protze ich mit erlaubter Höchstgeschwindigkeit und maximaler Lautstärke durch den Ort und versuche dabei, möglichst viele Menschen akustisch zu belästigen. Als ich an zwei mächtig gelangweilten Jungs an einer Bushaltestelle vorbei fahre, sehe ich, wie den beiden der Unterkiefer herunter klappt und einem ein verzücktes “Booaah” entfährt. Mission erfüllt. Man wird doch nie zu alt, um der Jugend zu imponieren. Bevor ich endgültig aus der Hörweite der beiden entschwinde, blicke ich in den Rückspiegel und drücke ich noch einmal richtig auf das Gas. Es handelt sich schließlich um eine geschmacksbildende Maßnahme. Erfolgreich erschrecke ich noch hier und da ein paar rüstige Rentner auf ihren Fahrrädern und einige wandernde Fjällräven-Fans, die  indigniert ihre praktischen Kurzhaarfrisuren schütteln und sich mit großer Wahrscheinlichkeit über den Geräuschpegel und den Benzinverbrauch des Camaro mokieren – der übrigens bei 14 Litern liegt. Geht doch noch! In Kampen angekommen, blubbere ich langsam durch die Whiskeymeile an hochpreisigen Luxuskarossen vorbei. Hier parkt ein SLS AMG Cabrio, dort ein  Bentley Continental GT. Schöne Autos in gedeckten Tönen, fein ziselierte Präzisionsinstrumente, keine Frage. Aber meiner ist schriller. Ein bolides Bollwerk gegen alle unterkühlten Eitelkeiten dieser Insel.

Der Chevrolet Camaro ist ein bisschen wie Fastfood. Unvernünftig, ungesund – und manchmal einfach unwiderstehlich

Während der Wind die Frisur verzottelt und sich die beiden Bierflaschen in der Mittelkonsole in den Kurven gegenseitig klackernd zuprosten, denke ich über die Geschichte dieses Wagens nach. 1966 stellte Chevrolet den Camaro vor, lang ist es her. Über seine Markteinführung erzählt man sich heute viele Geschichten, manche mögen im Kern stimmen, andere klingen nur gut. Als im Juni 1966 der Wagen präsentiert wurde, wurde Chevrolet General Manager Pete Estes zunächst gefragt, was ein Camaro überhaupt sei. Seine Antwort lautete: “Ein kleines bösartiges Tier, das Mustangs frisst.” Kein Wunder, schließlich war das Auto Chevrolets Gegenangriff auf den Mustang, denn die Mutter aller Pony-Cars verkaufte sich seit 1964 in den Staaten wie geschnitten Brot. Was den Namen des Wagens angeht, ließ Chevrolet damals verlauten, dass sich “Camaro” aus dem französischen Wort “camarade” ableiten würde, was sich mit “Kamerad” oder “Freund” übersetzen ließe. Ford wiederum spottete umgehend, dass es sich bei dem Begriff “Camaro” um eine Krabbensorte handeln würde. Inzwischen ist Ford das Höhnen vergangen, denn in bislang fünf Generationen wurden insgesamt mehr als fünf Millionen Exemplare des Camaro verkauft. Und nicht nur das: Die Krabbe verkauft sich in den Staaten inzwischen weitaus besser als das Pony. Wie dem auch sei: Man könnte zumindest salomonisch von sich geben, dass man mit einem Krabbenfreund auf Sylt ja nicht allzu schlecht beraten ist.

Pause im Strandkorb, über den graublauen Himmel segelt eine Möwe mit den Wolken um die Wette gen Meer. Neben dem Strandkorb steht der Wagen. Schwer, still und weiß schimmernd wie ein Moby Dick mit orangenen Rallystreifen. Keine Korea-Kiste, sondern ein Amerikaner mit Wumms. Ein Wagen, den man hart anpacken muss, nichts für zarte Gemüter. Keine Manierismen, kaum Manieren – ein Buddy eben. Es ist Zeit für ein Bier. Wenn auch ohne Umdrehungen, Dosendröhnung mit den Zähnen zu öffnen ist meine Sache nicht. Dafür habe ich Salz auf der Haut, sandige Kletten im Haar, den Sound des fetten Motors noch in den Ohren und ein letztes Filmzitat auf den Lippen: “Charlie, der wie immer die ganze Reise über schlief, war unser Nahkampfexperte. Ein ruhiger Typ, aber eine Bestie, wenns drauf ankam. Schlafendes Dynamit.”

Nischen-Gesellschaft

Chevrolet Camaro Cabrio
Motor: 6,2-Liter V8
Leistung: 318 kW/432 PS
Kraftübertragung: 6-Gang-Schaltgetriebe
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
Antriebsart: Hinterradantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4.836,8/1.917/1.378 mm, geöffnet 1.319 mm
Radstand: 2.852 mm
Gewicht: 1.890 kg
Grundpreis: 43.990,- Euro
Bilder: Olaf Gallas/Chevrolet

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