Oldtimer-Fahrtraining – Bis das Fahrwerk knackt

Wer mit seinem Klassiker das Abenteuer sucht und gleichzeitig lernen will, kann das ganz legal auf den Spielfeldern des ADAC: Einmal im Jahr bieten die Fahrsicherheitszentren des Clubs bundesweit einen Oldtimer-Trainingstag an. TRÄUME WAGEN war dabei

So richtig wohl ist hier keinem. Wasser spritzt überall aus dem Boden auf die merkwürdig hellen Fahrbahnen, die Streckenführung ist eng, und überhaupt: Der Gedanke, mit dem eigenen Oldie zu driften, das oft mehr als 40 Jahre alte Fahrwerk zu quälen und die Speichenräder zu martern, macht hier keinen wirklich froh.

Wir, das sind eine Gruppe von zehn Oldtimerfans und -Besitzern – wie die meisten Autofahrer verweichlicht vom Benutzen modernster Elektronik in unseren Alltagsautos. Wer damit bereits Extremsituationen erlebt hat oder wer damit Fahrsicherheitskurse absolviert hat, interessiert hier nicht. Alle sind da, weil keiner weiß, wie eigentlich der Oldie im Ernstfall reagiert. Jüngere Menschen haben von der “Stotterbremse” noch nie gehört, die meisten haben keine Ahnung, wann ihre blattgefederte Hinterachse trampelnd die weitere Haftung der Räder verweigert.

Nicht nur die Übungen sind aufregend, auch die Vielfalt der Autos: In diesem Kursus sind die Engländer stark vertreten (TR4, TR6, MGB), gemischt mit Pagoden-SL, Mitsubishi Starion und Fiat X1/9

Auf dem Tagesablaufplan steht: einen Notfall entschärfen ohne Servolenkung sowie ohne die elektronische Stotterbremse ABS, ohne Antischlupfsysteme, ohne den Stabilitätsgaranten ESP. Und zum Glück alles gefahrlos: Wir sind im ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Lüneburg – 21 Hektar Asphalt, Gleitflächen, Kiesbetten. Hier wurde die Idee geboren, den Lenkern von Oldtimern in Deutschland die Chance zu geben, die eigenen Grenzen und die der Autos kennen zu lernen.

Einmal jährlich – normalerweise am 3. Oktober – gibt es in knapp einem Dutzend ADAC-Fahrsicherheitszentren bundesweit diesen Nostalgikertag, pro Teilnehmer für rund 100 Euro (Infos: 0180-5121012, www.adac.de/fahrsicherheitstraining). Initiator ist der Lüneburger FSZ-Geschäftsführer Bernd Beer. Der schockierte vor mehr als drei Jahren in einer Rede vor 200 ADAC-Aktiven die Honoratioren, als er vorschlug, dem Tag der Deutschen Einheit eine neue Bedeutung zu geben. “Dabei dachte ich an ein Fahrertraining nur für Trabant-Besitzer oder für Ostauto-Fahrer,” sagt er. Das verwarf er zwar wieder, doch der Weg von aussterbenden Zwickauer Plasteprodukten bis zu Oldtimern aus aller Welt war schließlich nicht mehr weit.

Die wichtigsten Hilfsmittel für das gefahr- und schadlose Üben: Pylonen und Wasser. Die rotweißen Hütchen simulieren Straßenränder, Menschen oder andere Hindernisse, das Wasser schont Räder und Reifen

Jeder der vier Kurse an diesem Tag ist voll ausgebucht – mehr als zehn Teilnehmer pro Gruppe auf einmal werden nicht angenommen. Den ersten Slalomparcours umrunden wir wie auf rohen Eiern, bis uns Instruktor Björn Klinge rügt für so viel Umsicht und zum Gas geben auffordert: “Tastet Euch heran, aber dann fahrt so schnell, wie ihr es Euch und Euren Wagen zutraut.”

Mein alter MGB ächzt mächtig im Fahrwerk. Das Heck des 44-jährigen Engländers wedelt, die Federn sind ausgereizt, das Auto fängt an zu schlingern. Der dritte Lauf durch den Slalomparcours – für moderne Autos noch bei fast doppeltem Tempo eine echte Lachnummer – gerät zur ersten schweren Aufgabe.

Kein Wunder, dass sich immer mehr Zuschauer einfinden, um von der Leitplanke aus Klassiker in Aktion zu bewundern. Befeuert vom eigenen Ehrgeiz und der Erkenntnis, dass die alten Blechkisten noch ganz schön was auf dem Kasten haben, werden die Autos immer dynamischer bewegt. Der MGB schiebt in der Kreisbahn erstaunlich lange über die Vorderräder, bis er halbwegs kontrolliert zum Driften gebracht werden kann. Florian ist überrascht, wie schnell sich sein Triumph Stag dreht, wenn er die Physik herausfordert, und Wolfgang lernt, wie er seinen Kleinst-Roadster MG Midget wieder einfängt, wenn das Auto beim Bremsen Pirouetten drehen will. Andreas jüngerer Fiat X1/9 bleibt dagegen schon recht stabil. Wenig Regung zeigt sich trotz gut einem Vierteljahrhundert alten Reifen bei Markus Mitsubishi Starion, Baujahr 1984 – dessen Hinterachse wird bereits elektronisch stabilisiert. Noch weniger tut sich bei Berts Mercedes 300 SL, der hat sogar schon ABS. Auf anderen Stationen zeigen Ford Mustang, Ford Capri, VW Käfer, Strichachter-Mercedes, Alfa GTV und diverse Porsche wie 356, 911, 924 und 928, was sie (noch) können, aber hier im Norddeutschen Raum ist die englische Fraktion in der Mehrheit: MG, Mini, Morgan, AC Cobra, TR3 bis 6.

Größe, Kraft und Alter spielen keine Rolle, solange es kein Laster, Rennwagen oder Neuwagen ist: Mitmachen kann jeder Oldiebesitzer, der lernen will

Vor und nach jeder Übung – manchmal auch dazwischen, wenn viele Fehler gemacht werden – bittet der Instruktor zum Sammeln. Dann gibts Manöverkritik. Wenn gewünscht, werden Sektionen wiederholt oder übersprungen

Tatsächlich ist der Bedarf an sicherem Spaß mit Sammlerstücken groß – jedes Mal sind die vier gleichzeitig stattfindenden Kurse am 3. Oktober früh ausgebucht. Das Standardtraining bevorzugen meistens Eigner von mehr als 30 Jahre alten Autos, das Intensivtraining – noch dynamischer und mit viel mehr Wassereinsatz – nutzen eher die Youngtimerfahrer.

Erstes Gebot: Nichts muss, alles kann. “Hier wird hauptsächlich Rücksicht auf die Fahrzeuge genommen,” beruhigt Klinge die Teilnehmer anfangs, bevor der bekennende Harley-Fahrer mit seinem 94er-GMC-Pick-Up die Meute zu den Stationen leitet. Die bestehen unter anderem aus Slalom zum Warmwerden, Vollbremsen und Ausweichen auf bewässerten Gleitflächen, Bremsen bei verschiedenen Reibwerten für rechte und linke Fahrzeugseite, Kreisbahnfahren bis zum Ausbrechen und einer Gefällestrecke mit anschließender Gleitbahnkurve.

Schäden an den Autos sind selten – zur Sicherheit kann man für den Übungstag eine Vollkaskoversicherung abschließen.

Warten aufs Starten

“Einmal touchierte ein Citroën DS eine Leitplanke und verbog sich seinen Kotflügel,” erinnert sich Beer. Ein andermal überschätzte ein Roadsterfahrer die Qualität des Unterbodens eines Autos – der Wagen blieb über der eine Barriere simulierenden Wasserfontäne stehen, die dann das gute Stück von unten flutete. Aber so etwas kommt selten vor.

Meistens sind alle Beteiligten begeistert. Genauso wie Beer. Der bekommt mit seiner Idee nicht nur an einem normalerweise geschäftsarmen Feiertag seine Anlage voll, sondern lässt sich selbst den Duft von patiniertem Leder und Bleizusatz nicht nehmen: “Diese Autos in Aktion zu sehen ist doch etwas ganz anderes: Hier riecht man noch unverbrannte Kohlenwasserstoffe, hört Gummi quietschen, und der Sound der Autos ist einfach klasse.”

Bei den Ausweichversuchen an den Wasserfontänen sollten die Dächer der Oldtimer nicht nur geschlossen sein, sondern auch möglichst dicht. Es ist eine Menge H2O, das da aus dem Boden schießt…

Manchmal tut eine übertriebene Aktion dem Klassikerfreund aber in den Ohren weh – wenn zum Beispiel die Gleitfläche zu Ende ist und das Auto mit den Oldtimerreifen auf kleinen Rädchen quer zur Fahrtrichtung über den Asphalt schubbert. Oder wenn sich ein mager motorisierter Karmann Ghia die absichtlich steil angelegten Harrnadelkurven zum Gefälleberg hoch boxt.

Trotz dem einen oder anderen Mehrverschleiß: Die Teilnehmer sind nach dem Tag reicher als vorher. Die gewonnene Erfahrung kann wahrscheinlich jeder mal irgendwo draußen auf der Straße einsetzen…

Nicht immer klappt alles gleich auf Anhieb – aber dank weicher Materialien und extra rutschigem Bodenbelag, der gewässert wird, verlaufen ungeplante Ausflüge grundsätzlich glimpflich. Wer sich dazu an die Anweisungen des Instruktors hält, muss sich um sein Auto keine Gedanken machen

Platz zum Üben

Bilder: Roland Löwisch

Ein Gedanke zu “Oldtimer-Fahrtraining – Bis das Fahrwerk knackt

  1. Suche Geschenkgutschein für Fahrertraining Oldtimer TR6 für 2014.
    Gutschein sollte aber kurzfristig verfügbar sein.
    Gebiet Rhein-Main bevorzugt .
    Gerne auch Rundstreckentraining.

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