Anders als Pebble Beach…

Einmal im Jahr lädt der erlauchte Golfclub von Canton im US-Bundesstaat Ohio zum Glenmoor Gathering – dem Erste-Klasse-Oldtimer-Spektakel der angenehm anderen Art. Wir mischten uns unauffällig unter die Gäste.

Pebble Beach heißt das Zauberwort. Das supermondäne Küstenkaff unter der Sonne Kaliforniens ist eben die allererste Destination, wenn es um automobile Schönheits-konkurrenzen geht. Von den edelsten Karossen der Welt über die reichsten Karossen-besitzer des Universums bis zu … ach, hör’ doch auf. Mal selbst da gewesen? Mal richtig Kohle fürs Ticket abgedrückt und trotzdem nur peinlicher Zaungast geblieben? Mal von diesen unüberbietbar überheblichen Einlassverweigerern den kleinen Unterschied zwischen VIP und Fußvolk erklärt bekommen?

Sogar als jahrelanger Pebble-Beach-Tourist mit privilegiert gemildertem Opferstatus weiß ich inzwischen: Es gibt nicht viele Orte auf dem Globus, an denen es so viel kostet, sich und seinen suboptimalen Sozialstatus demütigen zu lassen. „Wir müssen leider draußen bleiben“ – erinnert noch jemand dieses historische Hundezutrittsverbotsschild am Fleischereifachgeschäft? So wie die dort abgebildeten Köter fühlste dich in Pebble Beach. Da kann die Show selbst noch so Spitze sein …

Lassen wir das Gestänker. Und wenden uns lieber einem Event zu, das nicht weniger hochklassig ist, dafür aber jeden, und zwar wirklich jeden Besucher zu familiär-verbindlicher Gemütlichkeit einlädt. Beruhigend unfrei nach dem Motto „Mittendrin statt nicht mal dabei“. Gibt’s nicht, so was? Gibt’s wohl. Nämlich geografisch ziemlich genau zwischen New York City und Chicago – in Canton, US-Bundesstaat Ohio. Name der Chose: „Glenmoor Gathering of Significant Automobiles“.

Bis zum dritten September-Wochenende anno 2010 kannte ich Glenmoors „Zusammenkunft bedeutender Automobile“ (das bedeutet der etwas kryptische Begriff genau übersetzt) nur vom Hörensagen. Edel, aber nicht elitär, vor allem aber volksnah – so in etwa klang die Essenz, die ich in den vergangenen Jahren immer wieder aufschnappte, wodurch ich immer neugieriger wurde. Bis ich endlich das Flugbillett nach Cleveland löste.
Jetzt – konkret um halb acht morgens – stehe ich hier.
Vor mir: Glenmoor House, ein eher britisch anmutender, riesiger Rotklinkerbau, 1931 in spätgotischem Stil als Priesterschule hochgezogen, heute Herzstück eines ziemlich feinen Golf- und Country-Clubs, dessen Areal gut anderthalb sanft hügelige Quadratkilometer misst. Um mich rum: Hunderte exotischer Karren, die fast noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat (so kommt’s mir jedenfalls vor), viele davon mit laufender Maschine. Denn gleich, erfahre ich von dem strohhutbedachten Lenker eines Vorkriegs-Packard, startet hier – praktisch als Prolog des Klassiker-Wochenendes – die traditionelle „Countryside Tour“, quasi eine aufgabenfreie Genussrallye.

Was es heißt, „mittendrin nach Glenmoor-Art“ zu sein, spüre ich im übernächsten Moment. Erst denke ich, der Fahrer eines skurrilen, knallroten, unbekannten Rennwagen hupt mich an, damit ich meinen Hinter zur Seite bewege – ja, spinnt der Typ? … Um dann einigermaßen verwundert festzustellen, dass er mich zum spontanen Mitfahren einlädt. „Jump in, we’ve got to hurry up“, ruft der Mann mir zu. Und schon sitze ich drin. Worin genau? Gute Frage – die natürlich die Konversation mit meinem Chauffeur startet. Seine Erklärung des Exoten in Kurzform: Williams Speedster, 1958 vom Landmaschinenschrauber Ed Williams aus Illinois als Einzelstück gebaut, vorgesehen für den „Flying Mile“-Wettbewerb der NASCAR in Daytona Beach, Eigenbau-Rohrrahmen mit Ganzstahl-Karosserie, ursprünglich mit einem „Rocket V8“ vom 1950er Oldsmobile (303,7 Cubic Inch oder 4.978 ccm) ausgerüstet, der von 135 hp auf gut das Doppelte getunt war, derart motorisiert auf der Sandstrandpiste von Daytona mit 238,9 km/h gestoppt, 1964 mit einem „427er R-Code“ (Ford-V8 mit 6.998 ccm und 425 hp) bestückt, seitdem unverändert. Und jetzt erstmals in Glenmoor dabei.

Okay, in diesem historischen Marschflugkörper soll ich also die nächsten vier Stunden verbringen. Und zwar linksseitig mit seinem mir eben gerade noch unbekannten Besitzer im Arm – denn die Karre ist so schmalrumpfig ausgeführt, dass zwei Männerschultern nicht nebeneinander passen. Was mir die dringende Frage nach der sexuellen Polarität meines Chauffeurs ins Bewusstsein schiebt. Doch dann gibt Scott Bosés – so sein Name – Entwarnung. Der Soziusstuhl sei nur deshalb für mich frei gewesen, erzählt Scott, weil Celesta, seine Frau, sich weigere, auf den 53 Jahre alten Diagonalreifen durch den öffentlichen Verkehr zu braten. Sie sei derzeit, so Scott, per Mietwagen unterwegs zum Etappenziel, um uns dort Kaltgetränke zu kredenzen. Was angesichts Scotts Fahrweise weiterhin zu meiner Entspannung beiträgt …

Glenmoor gehöre für ihn zu den wenigen Pflichtterminen im Jahr, erzählt er mir. Und das, obwohl er aus dem fernen Kalifornien – genauer: aus Hollywood – kommt. Dort gebiete Scott nach eigenem Bekunden über eine riesige Sammlung ungewöhnlicher Oldtimer (ein Statement, das sich bei späteren Recherchen eindrucksvoll bestätigt). Selbstredend sei er regelmäßig in Pebble Beach. Aber wie es dort ist, wüsste man ja, gerade deshalb bräuchte er ja Glenmoor – praktisch als jährliche Kuranwendung gegen die Anonymität der berühmten Events. Aha, denke ich, sogar die richtig gestopften Teilnehmer haben das bereits verstanden.

Nach rund 120 Meilen kreuz und quer durch Ohios sanft wogende Topografie rollen wir wieder die zweckentfremdete Priesterschule von Glenmoor an. Kurz darauf laufen auch die anderen Fahrzeuge der Auftakt-Ausfahrt ein und positionieren sich auf dem weitläufigen Areal. Zum ersten Mal wird mir jetzt das ganze Ausmaß dieser Veranstaltung bewusst: Hunderte höchstkarätiger Klassiker, vorgeführt von überwiegend erdgebundenen, unkomplizierten Zeitgenossen, und das bei bestem Spätsommerwetter wie in gelassen-gediegener Atmosphäre … mehr geht nicht, denke ich, atme tief durch und genieße meine Passion – unwidersprochen die schönste der Welt.

Am Spätnachmittag wird zur Auktion geläutet. Erstmals beim „Glenmoor Gathering of Significant Automobiles“, das heuer immerhin zum 16. Mal steigt. Der Versteigerer, die Firma Classic Motor Car Auctions, bringt 112 Oldies zum Aufruf, die meisten in hervorragendem Zustand. Exoten, jedenfalls nach US-Kriterien: ein Porsche-Traktor von 1958 und eine nahezu unbenutzte Kastenente von 1971. Mich interessieren eher die Fahrzeuge, die hier heimisch sind. Denn gerade unter den amerikanischen Durchschnittsklassikern finden sich die meisten Highlights des Auktionskatalogs – nach meinem Geschmack jedenfalls.

Das Publikum der Auktion sieht dies offenbar anders. Zwar erreicht die eine oder andere Spezialität ziemlich amtliche Preise – etwa geht eine 1960er Einspritzer-Corvette für etwas über 100.000 Dollar weg. Doch die meisten US-Schiffe verfehlen den Hammerschlag; sie bleiben, wie etwa die vier aufgerufenen Pontiac GTO der Jahre 1964 bis 1970, bei besseren Trinkgeldern hängen … „not sold, next one.“

Unterm Strich gehen nur 26 der 112 Autos weg, und die überwiegend für Schmales. Ein entzückender, aufwändig restaurierter Ford Model A Roadster von 1930 für nur 18.000 Dollar, ein weitgehend unberührter Mercedes-Benz 450 SL mit beiden Dächern für nicht mal 5.000. Zu billig ist auch der Porsche 356 A 1600 Speedster, der bei 100.000 Dollar den Hammerfall spürt – sein Käufer, ein Händler, verlangt für das Stück inzwischen 175.000 Dollar, was eher ein realistischer Marktpreis ist. Klares Ding: Die erste Auktion auf Glenmoor ist ein Flop – mit echter Perspektive für Käufer. Denn 2011, im Rahmen des 17. Glenmoor Gathering, wird trotz des grandiosen Misserfolgs eine Neuauflage erfolgen.

Der Samstagabend endet außerhalb des späteren Erinnerungsvermögens; in launiger Runde gießen wir – Scott, seine Frau und ein paar seiner Sammler-Kollegen – uns so heftig einen auf die Lampe, dass ich am nächsten Vormittag die Breite der Hotelzimmertür-Zarge schätzen lerne. Zwei Kaffee, drei Brausetabletten, und schon bin ich wieder mittendrin.
Schädelschonend behutsamen Schrittes begebe ich mich auf den perfekt gestutzten, flausch- weichen Golfrasen, um zwischen den Massen unglaublicher Karossen lustzuwandeln. Rein zahlenmäßig bekommt der 60er-Jahre-Ami-Freak hier nicht so viel geboten. Aber qualitativ dafür bis zum Anschlag. Ein 1966er Dodge Coronet mit 426er Hemi als „Factory Quartermiler“ mit Kurz-Radstand. Eine 1969er Corvette mit dem sagenumwobenen ZL-1-Package und mutmaßlich knapp 700 hp ab Werk – von zwei werkseitigen Originalen, die insgesamt entstanden. Das allererste Exemplar des 1964er Ford Thunderbolt. Es gibt Leute, die um den halben Globus düsen, um eine einzige dieser faszinierenden Dragster-Legenden live zu sehen.

Das Gros von Glenmoor bilden einheimische Edel-Oldtimer der Vor- und Nachkriegsjahre. Etwa Cadillac, Lincoln und Packard der Spätvierziger. Vor allem aber ganze sechs Duesenberg. Man muss kein Veteranenjünger sein, um die Aura dieser Automobile zu verstehen – wohl nie in der gesamten Historie gab es Wagen, die zeitspezifisch ähnlich aufwändig gebaut und teuer verkauft wurden. Logisch, dass der „Best of Show“-Sieger des Glenmoor Gathering 2010 aus diesem erlauchten Stall stammt; der unfassbare Duesenberg SJ Berverly Berline kostete 1933 etwa viermal so viel wie ein Rolls-Royce, leis-tete dank 6,9-Liter-ReihenAchtzylinder mit Doppelnockenwelle, 32 Ventilen und Zentrifugalkompressor rund 320 PS. Und war derart gerüstet mit rund 210 km/h Spitze der schnellste Viertürer weltweit – für ziemlich genau 30 Jahre.

Technisch weniger dramatisch, aber nochmals glamouröser: das irre Ghia-Showcar DeSoto Adventurer II von 1954 mit elektrisch absenkbarer Heckscheibe und Strahltrieb-Design. Außerdem und vor allem der zwölfzylindrige Rolls-Royce Phantom III von 1939, den das erste und das letzte Bild dieser Reportage zeigt – der zwischen Genie und künstlerischem Wahn rangierende Pariser Blech-Couturier Labourdette kleidete ihn von 1945 bis 1947 zum irrwitzigen „Vutotal Cabriolet“ mit rahmenloser Windschutzscheibe und Schlafaugen um. Klar, geschmacklich geht da mehr. Aber von der stilistischen Dramatik her ist so was schlichtweg untoppbar. Was den Glenmoor-Gast noch am ignoranten Vorbeimarsch hindert? Um nur mal einige Kandidaten rauszugreifen: ein 1947er Buick Roadmaster Estate (als Krönung des Woodie-Auflaufs). Ein 1966er Oldsmobile Toronado mit 1.200 Original-Meilen. Ein 1949er Kurtis Kraft Sport (16 Stück gebaut), der mit Ford-Flathead-V8 ganze 229 km/h schnell lief. Nicht ein, sondern der einzige original erhaltene Bizzarrini 5300 Spyder S.I., 1968 gebaut. Und so weiter, und so weiter.

Apropos Siegertypen: Den fetten Glitzerpott für Platz eins der Klasse „One-of-a-Kind Wonders“, in der sich die Unikate tummeln, holt kein Geringerer als mein gestriger Chauffeur Scott Bosés mit seinem 1958er Williams Speedster. Und zwar mit souveränem Abstand. Noch so eine Entscheidung, die ich ohne Sprechen unterschrieben hätte, wäre ich Teil des Preisrichter-Kommitees. Doch derlei Ämter sind nichts für mich, und auch umgekehrt wird kein Schuh daraus. Immerhin, ich habe mich unterm Strich so wenig daneben benommen, dass ich wiederkommen darf. Zum „17th Glenmoor Gathering of Significant Automobiles“ (www.glenmoorgathering.com), das vom 16. bis zum 18. September 2011 steigt, stehe ich hier wieder auf der Matte. Auch Scott wird wieder dabei sein – er verspricht sogar, mir einen leeren Beifahrersitz für die Auftakt-Rallye mitzubringen. In welcher rasenden Rarität ich nächstes Mal „mittendrin statt nicht mal dabei“ sein darf, verrät er noch nicht. Soll ’ne Überraschung sein, sagt er. Was ich vorsichtshalber mal nicht glaube.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass Scott selbst noch gar nicht klar ist, welche Pretiose er aus seiner Großgarage in Hollywood fischt. Aber welche auch immer er wählt: Dass er die 3.800 Kilometer nach Ohio mit mehr Vorfreude abreißen wird als ein paar Wochenenden früher die 500 Kilometer nach Pebble Beach, weiß er schon jetzt. Wie die ganzen anderen zeigfreudigen Sammler, die dann wieder hierher strömen. Und vor allem die Besucher, die sich hier grenzenlos bewegen dürfen, ohne von VIP-Bereich-Umzäunungen in gesellschaftspolitisch korrekten Bahnen um die Hotspots herumgeleitet zu werden. „Wir müssen leider draußen bleiben“ – die klassische Ausschlussklausel gilt in Glenmoor eben nur für eine Spezies: die der langweiligen Durchschnittskarren.
Gut so.

Bilder: Wolfgang Blaube

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