Kapitän des Dragstrip

Halvor Överby (63) und seine Frau Gerd (55) sind mit ihrem blauen Opel Kapitän eine Institution der schwedischen Dragracing-Szene. Am Ende des Strips erreicht der Opel mit einem rund 700 PS starken 9-Liter-V-8 eine Geschwindigkeit von fast 280 km/h…Wir trafen die sympathischen Kettenraucher auf eine Schachtel Zigaretten im Fahrerlager…

Ich weiß“, lacht Gerd, „bei euch zu Haus ist mein Name ein Männervorname“. Sie holt Kaffee und einen großen Aschenbecher und wir machen es uns vor ihrem Renntransporter, einem riesigen alten Scania-Bus, gemeinsam qualmend gemütlich. Alte Liebe rostet nicht, das ist das erste, was mir durch den Kopf geht, als ich die Geschichte der beiden sympathischen Nordlichter höre. Gerd und Halvor lernten sich in den wilden 70ern kennen, hatten beide stets Interesse an Autos und fuhren am liebsten alte Amis. Als Halvor seiner Gerd allerdings die Aufwartung machte, fuhr er schon einmal einen alten Kapitän.

Seit dem ersten Dragrennen, das 1975  im Mantorp Park veranstaltet wurde, war beiden klar, dass sie selbst als aktives Team dabei sein wollten. Weil Geld auch bei den Överbys nicht vom Himmel fällt, zogen Jahre durchs Land, bis sie mit einem selbstaufgebauten Mustang endlich dabei sein konnten. Bis in die 90er waren sie ihrem Pony aktiv und auch erfolgreich. Dann, typisch schwedisch, hatte der Sohnemann erst einmal Vorrang und Gerd und Halvor begleiteten seine Rennen bei den Junior-Dragstern. Als der Nachwuchs im Jahr 2000 zu alt für die Youngster-Klasse wurde, entdeckte er den heißen Kapitän und schlug sofort zu.

Eine Zeitlang „bewegte“ Överby-Junior den Exoten, Baujahr `62,  im Straßenverkehr. Natürlich gern nachts am Rand der Stadt und immer zügig. Zu dieser Zeit hatte der blaue Kapitän noch einen 468 cui-Motor unter der Haube und die originale Elektrik. Dann schnackte Halvor ihm seinen Sohn ab und richtete ihn für Rennen in der so genannten Super Street-Klasse her. In dieser Klasse geht es um Gleichmäßigkeit. Ziel ist, die Viertelmeile möglichst exakt in einer 10,9er Zeit zu fahren. Hilfsmittel wie die Trottle Stop-Systeme (die aufwendig programmiert werden und wirklich helfen, um die Zeit exakt fahren zu können) sind nichts für Halvor. Der hat`s im Blut. Und ist gut dabei. Das Team startet in verschiedenen skandinavischen Serien. 2004 und 2005 gewann er die NDRS-Serie in Folge, wurde danach zweimal Zweiter, einmal Dritter, 2009 Vierter und 2010 wieder einmal die Nr.1.

Nach einem kapitalen Motorschaden sitzt unter der Haube des blauen Rüsselsheimers mittlerweile ein 540 cui-Motor des Tuners Marlin mit groß dimensionierten 850er Holley-Doublepump-Vergaser. Halvor hat die Technik für den Renneinsatz weiter verfeinert: Vorn sind Rennscheibenbremsen verbaut, die Hinterachse stammt aus dem Mopar-Regal. Für unsere Fotos baute er eigens die Front ab, was in gut 10 Minuten vonstattengeht. Und zeigt, dass neben der Karosserie, Anbauteilen und dem Bodenblech nichts mehr an diesem Wagen original ist. Sei`s drum..

Sogar die sonst auf Originalität bedachten Mitglieder des schwedischen Alt-Opel-Clubs sind Fans von Gerd und Halvor. So wie die Dorfgemeinschaft der Överbys ohne deren Unterstützung das Rennengagement des Teams nicht möglich gewesen wäre. Denn Halvor ist zwar ein exzellenter Mechaniker, zählt aber eben nicht zur Fraktion derer mit besonders dickem Portemonnaie. Deshalb organisierte ihr Dorf eigens eine Rock’n’Roll-Party deren Erlös komplett in die Rennkasse der Överbys floss. Nachbarschaftshilfe auf schwedisch…

Für einen Menschen, der es wirklich verdient hat. Denn neben seinen Erfolgen wird Halvor unter den Aktiven auch dafür geschätzt, weil er stets hilfsbereit ist, immer mit Werkzeug und Ersatzteilen aushilft. Ohne seine Frau, die beste, „die es gibt“ (Halvor) läuft alles nicht. Wenn sie fehlt, wird der routinierte Racer sehr, sehr unruhig (Gerd). So wie bei einem Rennen in Norwegen. Als die Durchsage kam, dass sich die Teilnehmer am Vorstart sammeln sollten, war Gerd partout nicht zu finden. Zum ersten Mal in all den Jahren. Halvor fuhr aus der Haut und zum Track. Klar, dass er zuvor wie immer den Transporter abgeschlossen, dabei aber dummerweise seine Frau, die drinnen nur kurz in Ruhe telefonieren wollte, eingeschlossen hatte. Zum Glück kam ein Fahrlagernachbar zur Hilfe und befreite sie. Nachdem sie an der Start gesprintet war, schmollte Halvor kurz, um dann, als er seinen Fehler bemerkt hatte, laut zu lachen, seine große Liebe in den Arm zu nehmen und anschließend – Ehrensache – einen super Lauf hinzulegen…

Bilder: Michael von Klodt

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