Kaufberatung Dodge Challenger Coupe

Keine Frage, wie alle Muscle-Cars ist auch der Dodge Challenger in der heutigen Autolandschaft ein Dinosaurier. Und so fährt er sich auch – dafür wird er geliebt. Doch angesichts der Tatsache, dass fast alle Challenger heute aus den Staaten kommen, wo sie oft eine wilde Heizer-Karriere hinter sich haben, ist genaues Hinsehen vor dem Kauf erste Pflicht

Der Chally – so versoffen wie Charles Bukowski

Er kam spät, beinahe zu spät: 1969 präsentierte die Chrysler Corporation den Dodge Challenger als Schwestermodell zum ebenfalls völlig neu gestalteten Plymouth Barracuda. Was der konnte, war seit 1964 hinlänglich bekannt: Er war – in den Augen der US-Amerikaner – ein sportlicher “Kompaktwagen”, der sich im Laufe der Jahre zu einem häufig als Wettbewerbsfahrzeug eingesetzten Muscle-Car mauserte. In der dritten Generation (ab 1970) teilte sich der überarbeitete Plymouth Barracuda mit dem neuen Dodge Challenger das “E-Chassis”, das allerdings beim Challenger einen um fünf Zentimeter längeren Radstand aufweist. Sonst gibt es sowohl bei der Karosseriegestaltung als auch beim Interieur und nicht zuletzt bei der Antriebstechnik weitgehende Übereinstimmungen.

Nun stehen wir also vor einem Challenger des letzten Baujahres und lassen seine Proportionen auf uns wirken. Ganz klar: Im “alten Europa” ist das Coupé mit einer Länge von 4,86 Metern und einer Breite von fast zwei Metern ein “Schiff”. Daran ändert auch der neckische Coke- Bottle-Hüftschwung wenig, der dem Wagen zu Eleganz und Linie verhilft, unterstützt von den rassigen schwarzen Zierstreifen mit der R/T-Kennung (für “Road and Track”) an den Flanken, wobei diese nachträglich appliziert wurden. Echte R/T-Modelle gab es nur bis 1972.

“Schiff” ist übrigens auch der richtige Begriff, um die unendlichen Weiten des Innenraumes mit dem entrückten Armaturenbrett zu charakterisieren, genauer: Raum-Schiff. Und wenn man drinnen sitzt, die Hand am Automatik-Shifter auf der breiten Mittelkonsole, die mit sich allmählich lösender d-c-fix-Holzdekorfolie beklebt ist, den Blick auf die in tiefen Höhlen liegenden Instrumente gerichtet, dann fühlt man sich ein wenig wie weiland Captain Kirk auf der Kommandobrücke der Enterprise. Jaja, der Challenger ist schon unheimlich Seventies…

Die Sonne strahlt hell, und so klappen wir die Sonnenblende herunter, die auf der Fahrerseite oben einen putzigen Aufkleber preisgibt: “In conformance with Federal Motor Vehicle Safety requirements this car is equipped with a belt interlock system” – mit dem war 1974 bereits jedes US-Auto ausgerüstet. Es folgt eine genaue Anweisung, wie Fahrer und Beifahrer sich zu setzen und anzuschnallen haben, damit die Anlassersperre (in Kanada-Ausführungen nicht enthalten) deaktiviert wird.

Hemis sind extrem teuer

Obwohl unser Chally nicht aus Kanada stammt, sondern seine Jugend laut Registration Card (offenkundig ziemlich wohlbehütet) in North Carolina verbracht hat, lässt er sich problemlos starten, ohne dass der Gurt im Schloss ist. Nach dem Anlassen des von einem 4-Barrel-Holley-Vergaser mit zündfähigem Gemisch versorgten V8-Aggregats mit 360 cui (5,9 Liter) Hubraum vibrieren nicht nur die Fensterscheiben der näheren Umgebung, sondern auch die gesamte Karosserie ist in nervöser Spannung. Das Geräusch erfüllt schon mal alle Erwartungen. Auch wenn es nicht der legendäre “Hemi” ist, der in den letzten Challenger-Baujahren nicht mehr angeboten wurde.

Überhaupt gab es den Challenger in seiner lediglich gut vierjährigen Bauzeit mit sieben Motorvarianten, die kleinste ist ein 145-PS-Sechszylinder. Die leistungsmäßige Spitze markiert mit 425 PS tatsächlich der 426er Hemi (7,0 Liter Hubraum), wobei auch der bis auf die halbkugelförmigen Brennräume sehr konventionell aufgebaut ist – meilenweit entfernt von der ingenieusen Raffinesse der italienischen Alfa-Aggregate derselben Ära, die ebenfalls hemisphärische Brennräume haben, ohne viel Aufhebens davon zu machen.

Zurück zu unserem Challenger, der mit 245 PS auch schon durchaus manierlich motorisiert ist. Eine Gedenksekunde nach dem Verrücken des Shifters auf “D” bremst der mit hartem Schlag zugeschaltete Wandler die Leerlaufdrehzahl auf Schiffsdiesel-Niveau herunter. Schon wieder “Schiff”…

Es ist Zeit, den Fuß vom Bremspedal zu nehmen und das Fahrpedal durchzutreten. Mit der Anmut eines Sumo-Ringers nimmt der Challenger Fahrt auf. Trampelnd pariert die blattgefederte Starrachse auf dem Weg zur Hofausfahrt der Firma Mensch-Automobile in Seevetal bei Hamburg, dem Anbieter des US-Boliden, ein paar Schlaglöcher. Dank vorderer Scheibenbremsen, mit denen seit 1970 alle US-Autos ausgerüstet sind, kommt der Wagen mit kräftiger Servounterstützung auch sofort zum Stehen.

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