Tow Truck Driver – Daily Driver

US-Klassiker fürs Wochenende, als Schönwetterfahrzeuge oder zum gelegentlichen Cruisen auf das lokale Treffen haben sich absolut etabliert. Aber taugen die alten Amerikaner auch für den Alltag? Ein Kurzstrecken- und Fernreisebericht

Die Chefs von Oldschool Custom Works in Weinstadt: Christian Rühle (links) und Sönke Priebe

Smallblock und nachgerüstetes Overdrive-Getriebe machen den Buick extrem Langstreckentauglich. Restauriert ist die Technik jedoch nicht

“Was verbraucht denn der?” Jeder Fahrer eines amerikanischen Autos kennt diese Frage, vorzugsweise gestellt von zufällig angetroffenen Passanten. An diesem einen Umstand möchten deutsche Autofahrer immer wieder festmachen, dass so ein Ami im Alltag auf Dauer kaum  bezahlbar wäre. Gegenfrage: Was verbraucht denn so ein altes deutsches Auto?

Pro Kubikzentimeter verbraucht der Amerikaner selten mehr als der Deutsche – der Amerikaner hat meist nur mehr Kubikzentimeter. Noch nicht einmal das taugt als unumstößliche Faustregel. Selbst dem deutschen Sparwunder VW Käfer sagt man unter Umständen einen Durchschnittsdurst von 13 Litern nach, und das bei Hubräumen in der groben Gegend von 1,5 Litern. Wie wärs mit 3,5 Litern mehr? Verbrauch und Hubraum? Durchschnittliche GM-5.0-Liter-Achtzylinder in Pkw kommen mit etwa 15 bis 17 Litern aus, allerdings in Autos von doppeltem Gewicht mit dreifachem Platzangebot …

Nein, Verbrauch darf nicht ausschlaggebend sein bei der Daily-Driver-Überlegung. Alle alten Autos verbrauchen, ganz einfach. Die richtigen Fragen sollten lauten: Wie stehts um die Zuverlässigkeit? Wie ist die Ersatzteilversorgung? Gibt es noch Werkstätten, die weiterhelfen können? Werde ich auf der Autobahn zum Verkehrshindernis? Kommt der Wagen mit den sonstigen modernen Verkehrsgegebenheiten klar?

Riviera vor dem Riviera an der Riviera. Das schwarze Luxuscoupé ist auch im Alter noch reisefreudig

Ein Extrembeispiel ist der 1965er Buick Riviera meines Kompagnons Christian Rühle. Christians schwarzes Coupé darf zwar im Winter in der trockenen Garage stehen. Sobald aber kein Salz mehr auf den Straßen liegt, muß der Riviera für jede erdenkliche Strecke herhalten – vom Kurztrip zur Tankstelle (Sonnenbrillen kaufen!) über die tägliche Fahrt zur Arbeit bis hin zur mehrfach jährlich stattfindenden Reise zur italienischen Seite seiner Familie in Sorrent. Das sind knapp 1.400 Kilometer. Über die Alpen. Mit Kleinkind hinten. Ja, im 65er Riviera.

Das Gegenteil von Christians elegantem, fast 50 Jahre altem Luxusliner ist mein eigener 1991er Chevrolet Caprice. Die viertürige, rundliche “Low Price”-Fullsize-Limousine mit Youngtimer-Status verbringt die schönen Tage in der Tiefgarage. Erst wenn die Blätter von den Bäumen fallen, kommt der weinrote Riese auf die Straße, um Schnee, Glatteis und Streusalz zu trotzen. Jahr für Jahr. 10.000 Kilometer pro Winter, von den Alpen bis ans Meer.

Genau so hatte Buick sich 1965 den Riviera vorgestellt: Luxuriös & europäisch

Reisende soll man nicht aufhalten: Regelmäßiger Buick-Pendelverkehr zwischen Stuttgart und Sorrent

Trotz des Alters- und Klassenunterschieds haben die beiden GM-Produkte eine Menge gemeinsam: Beide kommen auf fünfstellige Jahresfahrleistungen, beide nehmen ohne Einschränkungen am normalen Straßenverkehr teil – und beide haben noch nie eine ernste Panne erlitten.

Was ist das Geheimnis? Es gibt keines. Die USA erstrecken sich vom Pazifik bis an den Atlantik, vom Polarkreis bis in die texanischmexikanische Wüste. Amerikanische Autos sind dafür konstruiert, mit allen Bedingungen fertig zu werden, die sich innerhalb dieser vier Grenzen finden lassen: extreme Kälte, extreme Hitze, unglaubliche Distanzen, schlechte Straßen, gute Straßen, Regen, Salzwasser, Wüsten, Mechanikermangel und schwierige Ersatzteilversorgung in abgelegenen Gebieten, Erdrutsche, Tornados, Sümpfe, Krokodile, Rednecks, Banden- und Drogenkriege, Speed Bumps, Lady Gaga und schlechtes Benzin.

Wasserstraßen: Auch der Buick ist schiffserfahren: Fähre über den Comer See

“Haltbarkeit und Zuverlässigkeit vor Hochtechnologie und Fortschritt” charakterisiert den amerikanischen Automobilbau des 20. Jahrhunderts. So groß können die Unterschiede doch gar nicht sein, was ist mit dem weltweiten guten Ruf deutscher Autos im Bezug auf Zuverlässigkeit und Haltbarkeit? Ein Beispiel: Die DaimlerChrysler-Chimäre legte 2005 den Dodge Charger neu auf – und konstruierte eine spezielle Heavy-Duty-Polizeiversion der wiedergeborenen Legende. Besagte Polizeiversion war nicht in der Lage, sich auf dem US-Streifenwagenmarkt durchzusetzen,  die kurzlebige selbsttragende Karosserie des neuen Chargers sorgte zusammen mit den anfälligen Achsen, der widerspenstigen Elektrik und nicht zuletzt der schlechten Ergonomie für wachsende Unbeliebtheit des zunächst enthusiastisch gefeierten Mopar-Cruisers. Maßstab der Dinge ist und bleibt auf dem US-Streifenwagenmarkt Chevrolets-Fullsize-Limousine von 1991. Diese basiert auf einem Plattformdesign aus den Sechzigern – die Charger-Bodengruppe hingegen ist artverwandt mit einem wesentlich jüngeren, deutschen Design: der Mercedes-Benz E-Klasse. So groß können die Unterschiede sein …

Ordentliches Schiff: 5,45 Meter Chevrolet im Hafen von Kopenhagen

Hoch auf dem Gelben Wagen: Optispark-Totalausfall vor Alpenpanorama, die einzige Abschlepperfahrt meines Lebens

Einzige ernsthafte Panne in all den Jahren: Optispark-Versagen an LT1/L99-Caprices bedeutet erheblichen Raparaturaufwand

Sommerfahrzeug: Nach 15 Jahren im Polizeidienst von Nevada arbeitet der goldene 94er Ex-Undercover-Caprice jetzt als Fernreisewagen. Schweden kennt er auswendig

Dementsprechend kann ich auf über 15 Jahre Alltagsamerikaner mit mehr als 20 verschiedenen Chevys, elf darin bereiste europäische Länder, ca. 350.000 gefahrene Kilometer und vermutlich 60.000 Liter Benzin zurückblicken – mit genau einer einzigen erheblichen Panne. Christians Statistik liest sich ähnlich, ein paar Jahre und Autos mehr, ein paar Länder weniger – und keine einzige ernste Panne.

In aller Fairness, natürlich hat jeder von uns über die Jahre das eine oder andere technische Versagen an seinen Fahrzeugen erlebt, von der eingefrorenen Spritpumpe über defekte Lichtmaschinen, gerissene Keilriemen, undichte Schlauchleitungen oder lose Auspuffrohre – die Sorte Panne eben, die auch den Besitzer eines sieben Jahre alten deutschen Mittelklassewagens an einem Dienstag Nachmittag auf einer x-beliebigen Autobahn ereilen kann. Die Sorte eben, die bei “normalen” Autos mit einem kurzen Besuch der Pannehilfe vor Ort beseitigt werden kann.

So nicht: Vor Glatteis und Leitplanken schützt auch die sprichwörtliche Zuverlässigkeit der GM-Fullsizes nicht – allerdings ist das keins von meinen Autos

Wenn überhaupt, dann liegt der Nachteil der alten Amerikaner darin, daß nicht immer und auch nicht überall kompetente Pannenhilfe oder spezialisierte Werkstätten zur Verfügung stehen. Gewiefte Schrauber wird dieser Umstand nicht schrecken, alle anderen müssen im Ernstfall aber auch nur in der Lage sein, den Transport des Fahrzeugs zum nächsten Spezialisten zu organisieren, was angesichts der räumlichen Überschaubarkeit der Bundesrepublik meist keine allzuernste Aufgabe darstellt. Die Transportkosten sind bei entsprechender Mitgliedschaft in den üblichen Automobilclubs normalerweise auch kein Problem. Vielleicht sollte, wer nicht selber schraubt, das Bereisen des anderssprachigen Auslands im US-Old- oder Youngtimer vorsichtshalber nur mit entsprechender Vorbereitung in Angriff nehmen.

Winterfahrzeug: Mein 91er, aufgenommen in Stuttgart am Tag nach dem Kauf. 14 Jahre alt, 170.000 Meilen, 3.400 Euro

Günstiger Luxus: Der 91er hat alle Optionen, die GM 1991 anbot, inklusive Leder und Bose-Soundsystem

Sieben sorglose Jahre und 70.000 pannenfreie Kilometer später: Der 91er am Straßenrand in Berlin. Das sind Original-GM-Felgen – im Ernst

Ebenfalls unter “Vorbereitung” fällt der Umstand, daß natürlich nicht jeder Klassiker im Falle einer Panne auch mit der notwendigen Ersatzteilversorgung gesegnet ist. Für die gängigen, klassischen Großserienfahrzeuge aus den USA beträgt die Lieferzeit für die nötigsten Teile innerhalb Deutschlands jedoch selten mehr als 24 Stunden. Je kleiner der Hersteller, je exotischer das Modell, umso länger die unfreiwillige Fahrtunterbrechung im Ernstfall. Gute Gründe, sich bei der Wahl des Alltagsamerikaners an den US-Marktführer der damaligen Zeit zu halten, oder zumindest Volumenmodelle anderer Hersteller zu wählen. Jeder Stuttgarter Musclecar-Fahrer kennt die Geschichte des lokalen Chevy-Piloten, der eines sonnigen Sonntags im ländlichen England mit defekter Wasserpumpe strandete … Der willkürlich angesprochene Passant, den er nach einer Werkstatt fragen wollte, war selber Chevy-Besitzer und beschaffte die entsprechende Pumpe aus der heimischen Garage. Kurzum, wer sich an die großen Hersteller hält, wird feststellen, dass ein 40 Jahre alter Chevy es in Zuverlässigkeit und Ersatzteilversorgung (übrigens definitiv auch in Ersatzteilpreisen) durchaus mit modernen Autos aufnehmen kann. Natürlich kann diese Zuverlässigkeit nicht von jedem Schrotthaufen erwartet werden, den man eben aus der Scheune gefischt hat, ein guter Wartungszustand ist (wie bei jedem deutschen Auto auch) Voraussetzung.

Vielleicht sollte man noch berücksichtigen, dass die großen Eisenklötze aus Detroit nicht mit den Reisegeschwindigkeiten einer neuen deutschen Limousine mithalten können. Der geneigte Außendienstler, der 100.000 Kilometer im Jahr mit 200 km/h absolviert, wird aber auch keinen europäischen Klassiker auftreiben können, der für diesen Einsatzzweck geeignet ist. 120 km/h Reisegeschwindigkeit sind allerdings meistens drin, zumindest bei Fahrzeugen ab etwa 1965, noch neuere Autos mit Overdrive-Getrieben können auch schneller. Muss man heute noch erwähnen, dass die so genannte “Historische Zulassung”, auch als H-Kennzeichen bekannt, steuerlich begünstigt ist und ungeachtet des Hubraums oder des Schadstoffausstoßes für Oldtimer gerade einmal 191 € Kfz-Steuern jährlich anfallen? Oder dass die großen Autoversicherer längst das Klassikerfahren entdeckt haben, so dass Vollkaskoversicherungen für Großserienamerikaner meist weniger kosten als zweimal vollzutanken? Selbst der 91er Caprice ist dank D3-Nachrüstung und Oldie-Tarif bei der Versicherung recht geldbeutelfreundlich…

Kein ungewöhnlicher Anblick auf den Straßen von Stuttgart: Sommerfahrzeuge unter sich

Also, sind die Amis jetzt alltagstauglich oder nicht? Nun, verglichen mit dem deutschen Allerweltsauto haben sie sicherlich mehr Style (Riviera), mehr Platz (Caprice), mehr Zylinder (beide), Heckantrieb (sowieso), aber nicht mehr Probleme oder Ersatzteilsorgen – und auch nicht mehr Unterhaltskosten. Also ein klares Ja zur Alltagstauglichkeit. Es bleibt nur die Frage, die “Amifahrer” wohl am zweithäufigsten hören: “Und wo parkt man das Ding?”

Bilder: OSCW

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