Vergib mir, ich habe gesündigt!

Vom Biedermann zum Brandstifter. In einem beschaulichen Dörfchen in Österreich wurde einer amerikanischen Limousine die Unschuld genommen – wir trafen uns vor der Dorfkirche zur Beichte.

Es ist still im österreichischen Dornbirn, sehr still. Eingeklemmt zwischen Bodensee und Allgäuer Hochalpen gehen freundliche Menschen ihrem Tagwerk nach, begrüßen sich, kennen sich. Einige der streng katholischen Alten auf dem Dorfplatz heben ihr Haupt in die warme Märzsonne und lassen ihren Blick über die nahe Bergkette gleiten, als sie ein dumpfes Donnern vernehmen. Die Versuchung ist förmlich spürbar. Der heilige Boden vor der blütenweißen Kirche am höchsten Punk der kleinen Ansammlung von Häusern vibriert leicht. Vögel verstummen. Leise, fast ängstlich läuten im benachbarten Tal ein paar Glocken.

Filigrane Elemente der 60er. John Ham könnte mit diesem Auto zu den Mad Men in seine Werbeagentur fahren.

Chromige Knöpfe rund um den Breitbandtacho geben Auskunft über elementare Funktionen, die Warnlampen sind eigentlich immer aus.

CORONET auf dem feinen, kleinen Hupring. Die Krone wird gesäumt vom nur fingerdicken, riesengroßen Bakkelitlenkrad.

Nicht ganz original, aber sinnvoll. Die vorhandene Power macht neben der Werksausstattung noch weitere Anzeigen notwendig.

Fasten Seat Belts. Der dicke Gurt kettet den Fahrer an die ansonsten seitenhaltlosen Stühle ohne Kopfstützen. Bitte vorsichtig fahren.

Robert Willinger weiß, was er tut. Als der sympathische Österreicher im Internet das Inserat eines 1965er Dodge Coronet 500 sieht, beißt er an. Der Coronet, die “Krone”, stellt so ungefähr das dar, was in den 80ern ein VW Passat in Deutschland war. Groß, robust, zuverlässig, nicht ganz billig und irgendwie ein bisschen langweilig. Dieses bestimmte Exemplar aus Reno, Nevada macht da eine kleine Ausnahme. Als Veranstalter der alle zwei Jahre stattfindenden US Car & Bike Show Dornbirn kennt er sich mit Amis bestens aus und ist begeistert von dem Umfang und der akribischen Protokollierung der Arbeiten, die der amerikanische Vorbesitzer an dem Fahrzeug durchgeführt hat. Die komplette Technik wurde erneuert und der Motor neu aufgebaut. Ein 440er V8, und falls Ihnen das nichts sagt – 440 Kubik-Zoll. Das entspricht mit 7,2 Litern knapp acht handelsüblichen Milchtüten. Ein Hubraum wie ein kleines WG-Zimmer, für die Analogie stellen Sie sich nun einmal einen VW Passat mit einem LKW-Motor vor. Seit der Überholung hat das Triebwerk erst 5000 Meilen abgespult. Damit aber kurz vor der Messe die Sünden sichtbar und hörbar werden sind weitere Modifikationen an dem unschuldig weißen Sedan-Klotz vorgenommen worden. Performer Intake, ein Demon Vergaser (das ist ein dämonischer Druckvergaser für den Kompressorlader), eine MSD Zündanlage und Fächerkrümmer bringen es inzwischen in dieser Kombination auf stattliche 350 Höllenpferde, die von einem Alukühler mit zusätzlichem Elektrolüfter leidlich beruhigt und mit Scheibenbremsen vorn und hinten fachgerecht im Zaum gehalten werden.

Wir falten die Hände zum Gebet

Knapp 8 Milchtüten bilden die gotische Kathedrale der Brennräume. Hier wird Kraftstoff in Kraft umgesetzt, ohne Kompromisse.

Willinger leistet noch ein wenig mechanische Überzeugungsarbeit. Der 440er will geliebt werden, auch wenn seine Seele schwarz ist.

Stromerzeugung wie in Biblis A. Der wuchtige Generator ist größer als so mancher Motor eines Kleinwagen.

Schneller als sein Schatten und schlimmer als das Dorf erlaubt. Der Dodge fährt sich im Alltag sorgenfrei.

5 Gedanken zu “Vergib mir, ich habe gesündigt!

  1. Hallo Jens,

    wieder mal ein klasse Artikel der etwas anderen Art. Was für unfassbar – geile Karren es doch gibt.
    Allein der Aussenspiegel, wenn man den im Detail mal in Ruhe betrachtet, Automobilbau war wirklich mal Kunst. Das Heck erinnert ein wenig an den Diplo B, der natürlich erst später kam. Die fetten Bumper, ich liiieebe Chrom, herrlich 😀

    Gruß aus der Werkstatt, Bronx

    • Hallo Bronx,

      schön, dass du dich hier mal wieder blicken lässt. Ich hab’s schön warm gemacht 🙂
      Die 60er waren in den USA das Jahrzehnt, in dem trotz der sagenhaften Größe der Autos eine filigrane Leichtigkeit eingezogen ist. Nach den Eskalationen der Flossen. Der Coronet ist angenehm sachlich, ohne dabei bieder zu sein. Ich mag den auch. Und – dieser hat dazu noch echt BUMMS……

      Jens

      • Hey Jens,

        das trifft es wohl. Die Performance liest sich ja auch beeindruckend. Was ich schmerzlich vermisse, ist eine Angabe über das Drehmoment. Hast Du da noch eine Info drüber? 😉

        Bronx

        • Hi Bronx,

          aber selbstverständlich… Der 440cui Motor hat bei 3200 U/min ein maximales Drehmoment von rund 660 NM. Das sollte reichen für die kleine Tour zu Lidl…

          Viele Grüße
          Jens

          • Jens,

            hey, vielen Dank für die Info! Das ist in der Tat brachial. Sollte für mehr reichen, als nur ums Eck zu pilgern.
            Das schöne ist, man sieht es dem gezeigten Exemplar zunächst nicht an. Ich mag es ja, den eher zurückhaltenden Auftritt aber schön Power im richtigen Moment 😉

            Greetz
            Bronx

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