Kaufberatung: VW Golf I Generation Golf 1

Kaum zu glauben, aber in zwei Jahren werden die ersten Exemplare des VW Golf 40 Jahre alt, und nächstes Jahr ist auch die letzte Limousine reif fürs H-Kennzeichen. Aber wo sind sie geblieben, die über 6,2 Millionen, die bis 1983 vom Band liefen, den Ur-GTI als Kultauto einmal ausgenommen? Verrostet, verbastelt, verheizt – und abgewrackt. Mit wenigen Ausnahmen wie dieser hier. Wir zeigen, weshalb

Es war ein Wagnis: Das meistgebaute Auto der Welt, der Käfer, brauchte Anfang der 1970er einen Nachfolger, der sich wie sein Ahn vom Start weg als Stückzahlenkönig an die Spitze seines Marktsegments setzen musste. Dabei brach er optisch und technisch mit allem, was typisch für den Käfer war: Die vom jungen italienischen Designer Giorgio Giugiaro komplett neu entwickelte Karosserie war sein Meisterstück, aber nicht mehr rund, sondern betont eckig. Darunter arbeitete jetzt kein Boxermotor mehr im Heck, sondern ein Reihenmotor, der – untypisch für die Zeit – vorne quer eingebaut wurde. Er trieb die Vorderräder anstatt der Hinterräder an und wurde überdies nicht mehr mit Luft, sondern mit Wasser gekühlt. Wenn das schief gegangen wäre, wäre Europas größte Autofabrik mit einer ausschließlich für dieses Werk errichteten Retortenstadt drum herum baden gegangen, zigtausende Arbeiter im strukturschwachen Zonenrandgebiet wären ihre Jobs losgeworden. Man mag sich die Folgen eines Flops gar nicht ausmalen – und brauchte es zum Glück auch nicht, denn der Golf überholte, obwohl er nicht das erste Auto mit diesem Konzept am Markt war, vom Start weg wieder einmal alle Mitbewerber. Er war kaum teurer als der Käfer, und wurde gleich  als echter Volkswagen akzeptiert und schuf sogar die nach ihm benannte Klasse.

Dabei bekam er – wie der Käfer – schnell das Image der Klassenlosigkeit. Mit ihm war der Banker ebenso unterwegs wie seine Frau, wie der Verwaltungsbeamte, der Kohlekumpel und der Dorfpfarrer. Er machte vor der Oper oder dem Waldorf Astoria eine ebenso gute Figur wie vor der Frittenbude. Um das zu schaffen, bedurfte es besonderer Qualitäten, und die hatte der Golf, obwohl er nicht perfekt war.

Denn schon bald zeigte sich seine Rostanfälligkeit – zweifellos bis heute sein größtes Manko. Selbst mit der kleinsten Maschine und nur 50 PS war der Golf bei geringen Verbrauchswerten (wichtig nach der Ölkrise) zwar sehr agil unterwegs, aber das Geräuschniveau auf der Autobahn bei Tempo 120 war eine Zumutung. Umsteiger vom akustisch erträglicheren Käfer verziehen ihm das, denn der Golf entschädigte mit einer funktionierenden Heizung, mit reichlich Platz im variablen und gut zu beladenden Kofferraum und mit einer Übersichtlichkeit, dank derer auch Ungeübte in kleinste Parklücken kamen. Später revolutionierte der Golf Diesel die Charakteristik des Selbstzünder-Prinzips grundlegend, denn er war nicht nur besonders genügsam, sondern auch besonders drehfreudig und flink. Noch fixer ging es mit dem Golf GTI, der nur durch Zufall ein Riesen-Erfolg werden durfte (siehe Infokasten).
Trotz dieser Erfolgsstory: Einzig die GTI wurden sofort als Kultobjekt von einer festen Fangemeinde vereinnahmt (siehe Infokasten). Die Brot-und-Butter-Gölfe der ersten Generation sind dagegen fast alle weg. Insofern rief die Begegnung mit dem hier gezeigten, überaus gepflegten “Normalo-Golf” mit 50 PS und LX-Ausstattung sofort alte Erinnerungen wach – an besagtes Motorengeräusch, an den antiquierten Handchoke für den Kaltstart und auch an typische Mängel, die man damals bei fast jedem Golf mit dieser Motorisierung erlebte – wie die über der Lichtmaschine chronisch öldurchlässige Zylinderkopfdichtung. Erstaunlich genug, dass es sich um einen handgeschalteten Golf handelt, denn die meisten der wenigen guten Einser-Gölfe stammen aus pfleglicher Rentnerhand und haben üblicherweise den 70-PS-Motor und Automatikgetriebe.

Unser Referenzauto aus dem Bestand des Hamburger Oldtimerhändlers Mirbach ist aber nicht nur eine weitestgehend von Rost verschonte optische Genugtuung, er fährt sich trotz seiner Laufleistung von gut 150.000 Kilometern ungewöhnlich “frisch”. Nichts klappert oder poltert, die Bremsen packen kräftig zu, Kupplung und Schaltung arbeiten leicht und exakt wie am ersten Tag, und auch die Sitze sind nicht ausgesessen. Als ehemaliger Mitarbeiter eines großen Mietwagenunternehmens erinnerte ich mich sofort an unzählige gleich ausgestattete Leihfahrzeuge, die damals den Grundstock des Angebots darstellten – und sich genauso fuhren wie dieses Exemplar, dem ich deshalb gefühltes Jahreswagen-Niveau attestieren würde.

Als Cabriolet überdauerte der Golf I (Fertigung bei Karmann von März 1979 bis August 1993) den gesamten Produktionszeitraum des Golf II, und in Südafrika lief er sogar bis Ende 2009 als Citi Golf vom Band. Ende 2008, also vor der “Abwrackprämie”, waren laut KBA-Daten noch 4.518 Golf I (ohne Cabriolets) zugelassen. Es wird Zeit, sich einen zu sichern.

5 Gedanken zu “Kaufberatung: VW Golf I Generation Golf 1

  1. Ein klasse Bericht. Genau das alles trifft zu. Vom Rost über die Radlager, bis zu den durchgerosteten Türen. Alles erlebt mit diesem, ansonsten extrem robusten und genügsamen, Auto.

    Herzlichen Dank dafür!

  2. Ohne Frage – ein schöner Bericht zu einem schönen Fahrzeug.

    Was mich jedoch stört ist die Tatsache, dass hier der Golf als Pionier einer neuen VW-Epoche bezeichnet wird. Das stimmt nämlich so nicht! Für diesen Kampf ist damals, 1970, der VW K70 mehr oder weniger unfreiwillig in den Ring gestoßen worden. Sein wassergekühlter Frontantrieb hat ihn aus eigenen sehr konservativen Reihen (“Luft kann nicht gefrieren und nicht kochen!”) viel Prügel und Missgunst einstecken lassen müssen. Heute weiß man, dass diese ablehnende Einstellung ungerechtfertigt war.

    Da der K70 eigentlich von NSU stammte (VW hatte sich die Marke damals einverleibt), konnten nur wenige Teile aus dem großen Wolfsburger Ersatzteielregal entnommen werden, war also nicht so recht VW-kompatibel. DAS hat ihm nach nur fünf Jahren den Garaus gemacht. Dennoch gilt er inzwischen bei VW zurecht als Vorreiter der wassergekühlten Fronttriebler. Aber diese Zusammenhänge kriegen häufig selbst junge Journalisten der VW-internen oder -nahen Berichterstattung nicht richtig auf die Reihe. Es ist halt schon über 40 Jahre her.

    Der Golf hingegen hat unmittelbar danach den noch rauchenden Kriegsschauplatz betreten und glücklicherweise großräumig abgeräumt. Wäre er damals nicht gewesen, wäre VW sicherlich nicht das geworden, was es heute ist.

    Zur Erklärung, warum ich mich hier so für den K70 einsetze: ich selbst besitze zwei Fahrzeuge dieser inzwischen sehr seltenen Baureihe und bin auch im Vorstand des 1. Internationalen K70-Clubs e.V. (Im Internet unter http://www.k70-club.de).

    Gruß
    A. Kernke

    • @ A. Kernke: An keiner Stelle in meinem Text steht, dass der Golf I “Pionier einer neuen VW-Epoche” war (obwohl das durchaus auch nicht falsch gewesen wäre). Auch ich weiß natürlich, dass das Unternehmen die “Amme” des verkaufszahlenmäßig eher glücklosen K70 war, dem damals ersten wassergekühlten Volkswagen, Engineered by NSU. Vor dem Golf kam unter anderem ja auch noch der wassergekühlte Passat als Ableger des Audi 80. Aber der zielte ja auch auf die Mittelklasse (VW 1600), die für den Unternehmenserfolg damals nicht dieselbe Stellung hatte wie der Golf. Der hatte die höchst anspruchsvolle Aufgabe, den gefühlten “Kern” der Marke, den Millionenseller Käfer zu beerben, und das hätte, wie dargestellt, bei dem radikalen Konzeptwandel durchaus schief gehen können. Nichts anderes steht in meinem Text. Ansonsten finde ich auch die martialische Wortwahl “Kampf” / “rauchender Kriegsschauplatz” ja doch ein wenig übertrieben, gelle? Es geht hier (zum Glück) ja nur um Autos …

      • @Martin Henze: Im Absatz “Es war ein Wagnis…” überkam mich aber das Gefühl, dass hier dem GOLF die damalige Wende des Volkswagenkonzerns zugesprochen werden könnte. Dass der Golf später ja wirklich die Karre aus dem Dreck gezogen hat, ist unumstritten.

        Zu meiner martialischen Wortwahl:

        1. Übertreibung veranschaulicht die Sache.

        2. Doch so übertrieben ist meine Wortwahl ja gar nicht! Einen ganzen Konzern auf ein neues Gleis zu bringen IST definitiv Kampf. Dabei können sogar Köpfe rollen und Manager führen wilde WortGEFECHTE. Immerhin ging es auch um eine aufwendige MaterialSCHLACHT – an deren Ausgang letztendlich das Überleben oder der Untergang einer ganzen Marke hing und es somit auch um sehr viel Geld und Macht ging. Es ist wohl kein Geheimnis, dass die Autoindustrie damals wie heute ein riesiges Haifischbecken aber alles andere als ein rosaroter Ponyhof ist. Beispiele gibt es genug: GM versus Opel oder auch Porsche versus VW.

        3. UND dass es hier NUR um Autos geht, hat ja wohl grad niemand geschrieben, dessen Metier genau dieses Thema ist, oder? WAS wäre denn bitte “TRÄUME WAGEN” ohne Autos?

        Abgesehen davon sollte meine “kleine” Einlassung ja gar keine Kritik an Text & Inhalt darstellen. Alles locker! Ich “kämpfe” (da isser wieder!) für den K70… der Kleine ist lange genug getreten worden *Schnief* – frag’ mal Jens Tanz 🙂

        Gruß aus dem VW-Land Niedersachsen
        vom wahrscheinlich längsten K70-Fahrer der Welt
        Andreas Kernke

  3. Ich kann eine menge Sachen nicht ganz Nachvollziehen.Fahre nun einen gg LX seit 7 Jahren mit einer Jährlich Laufleistung von immer um die 15.000 Km. Von Anfang an war der Endtopf durch und wurde damals noch vor der Zulassung von mir ersetzt. Kostenpunkt 17 Euro (ebay) , und der hängt bis Heute noch drunter. 2x musste ich schon die Vergaserhalsdichtung wechseln. Kosten glaube Stückpreis ca. 15 Euro und dauert jeweils so 45 Minuten wenn mans gemütlich angehen lässt.Bremsen hab ich seit 7 Jahren nicht gewechselt, die verschleissen einfach nicht. Schläuche behalte ich im Auge und hab ich auch zuerst ( vor 7 Jahren gewechselt). Rosten tut er etwas am hinteren Radlauf, hinten ganz unten in der Ecke. Da geh ich jedes Frühjahr mit der Drahtbürste + Bohrmaschine mal drüber, zieh die stelle mit Spachtel wieder leicht nach, und Pinsel das mit angemischter Farbe aus der Dose wieder drüber – Fertig für 1-2 Jahre.Die Frontschürze ist im Frühjahr oft etwas verpickelt, da wird jeder einzelne Rostpickel mit son Glasfaserstift kurz freigekratzt und dann mit pinseltupfer und Lack wieder flott gemacht.Da ist auch nix durch, sondern eine prozedur die man jedes Jahr machen sollte solange es nur oberflächlich ist.Die meissten hier Bericht aufgeführten Problemstellen beim Golf1 kann ich nicht bestätigen. (Durchgerostete Türböden, verschlissene Lenkung, Antriebsmanschetten etc.) Das waren vielleicht eher Probleme für die Golfs vor Modellpflege, aber nicht wirklich für die letzten seiner Art, und der obere ist nunmal auch ein LX, also Bj `83. Mann muss solche Wagen eben täglich bewegen und wie jedes andere Fahrzeug benutzen,egal ob Winter, Kurzstrecke oder an einen Tag mal 1000 Km und mehr abspulen. Die Leute die Ihren Oldi nur im Sommer rausholen, haben Angst vor Ihr eigenen Auto. Angst davor das etwas kaputt gehen könnte. Angst davor zu wissen das man bei seinen Standauto Null gefühl für die Kupplung, der Bremsverzögerung , der Lenkung hat, und so sieht man Sie im Sommer nur kurz mal rumzotteln, oft langsamer als der Gesetzgeber es erlaubt. Na Danke. (Ich hätt auch kein Vertrauen bei ein Auto was das ganze Jahr steht überhaupt irgendwo anzukommen)

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