Der Saab 96 – Eine aufregende Nummer

am0114_saab_schweden_01

Fußballfans denken bei der 96 an Hannover, Autofans an Schweden: Diese Zahl trägt einer der erfolgreichsten Saab aller Zeiten. Das Exemplar von Nico Gasparatos aus dem Jahr 1971 ist dem Wettbewerbswagen von Stig Blomqvist nachempfunden – 
und deshalb stärker und vielleicht auch schöner als jeder Serienwagen

Okay, es ist nicht ganz das Original. Das steht im Saab-Museum in Trollhättan. Aber das Exemplar von Saab-Spezi Nico Gasparatos aus Hamburg sieht zumindest so aus wie der Rennwagen von Stig Blomqvist. Mit Käfig, Sperrdifferenzial, Gruppe-2-Fahrwerkskomponenten, Fächerkrümmer, und alles eingetragen in FIA-Papiere. Sogar die Sticker stimmen exakt überein.

am0114_saab_schweden_03 am0114_saab_schweden_05
am0114_saab_schweden_04

Fast fertig für die nächste Rallye: Sportmotor, Sportlenkrad, Sportsitze

 

Nur der Motor, der stimmt noch nicht ganz: „Zurzeit ist ein leicht getunter Serienmotor installiert, der 90 PS leistet,“ sagt Gasparatos, denn der Rennmotor wartet noch auf seinen Vollendung. „Der Vorbesitzer des Saab 96 hat das Aggregat einfach nicht dicht bekommen…“ Das Problem: die Abdichtung des Zylinderkopfes. Aber wenn Gasparatos das richtet, ist sein alter Schwede ein Sahnestück mit einem Gruppe-2-Motor, der mit Hilfe eines Weber-Doppelvergasers 130 PS aus 1.750 Kubik zaubert.
Den jüngsten Auftritt konnten die Norddeutschen beim Hamburger Stadtparkrennen 2013 genießen – da durchpflügte der finnische Rennfahrer Simo Lampinen das Feld mit Gasparatos’ Saab. Und der mag Drehzahlen.

5.000 Umdrehungen, auch mal 6.000, erlaubt Gasparatos bei der Ausfahrt vor den Toren Hamburgs. Nur dann zieht der Motor gut. Dass der Wagen auf Sportlichkeit ausgelegt ist merkt man aber schon beim Einsteigen: Ein Schalensitz mit Vierpunktgurt empfängt den Piloten, und ebenso ein dickes, dreispeichiges Lenkrad. Das ist ganz oben markiert, damit man bei wildem Kurbeln die Geradeausstellung besser findet. Mittig auf der Lenksäule thront der Drehzahlmesser, und mehr braucht man eigentlich nicht – höchstens noch die Lenkradschaltung, deren Gangführung gelernt sein will.

am0114_saab_schweden_06

Würdiger Auftritt beim Hamburger Stadtparkrennen: Ex-Rallye-Profi Simo Lampinen

am0114_saab_schweden_02

Ungewöhnlich auch die nach rechts versetzten Pedale, der schmal werdenden Front geschuldet. Ebenso gewöhnungsbedürftig die Motorhaube, die komplett abnehmbar ist und deshalb mit einem Lederriemen gesichert wird. Darunter befindet sich der V4, der noch längst nicht den möglichen Platz im Motorraum einnimmt. Vorne dran hängen vier Zusatzscheinwerfer – unmissverständliche Hinweise auf die sportlichen Gene.

Dabei war Motorsport nicht der erste Gedanke, als Saab im Jahr 1960 recht zufrieden auf seine Vergangenheit blickte: Rund 70.000 verkaufte Fahrzeuge seit dem Bau der ersten Autos 1947 waren ein guter Anfang. Aber nach dem Saab 93, der fünf Jahre lief, wurde es an der Zeit, einen Nachfolger zu präsentieren: den 96. Als Flugzeugfirma achtete Saab wieder auf gute Aerodynamik, ebenso auf den bereits als Markenzeichen etablierten, aufrecht stehenden Grill. Er wurde vier Zentimeter länger als sein Vorgänger, das Dach fiel flacher aus und das Heck steiler ab. Damit bekamen die Hinterbänkler mehr Platz, und der Kofferraum durfte nun zu Recht als solcher bezeichnet werden.

am0114_saab_schweden_09 am0114_saab_schweden_10

Unverwechselbar: Saab-Nase und Sicherungsgurt über der Haube

 

Zunächst erhielt das neue Auto den Dreizylinder-Zweitakter aus dem Vorgänger – aber 841 Kubik Hubraum und eine Motorleistung von 38 PS machten aus dem 900 Kilo schweren 96er keine Rakete. Immerhin war Tempo 125 km/h drin – es gab Schlimmeres zu jener Zeit. Hochmodern war Saab in Sachen Fahrwerk: Vorne waren die angetriebenen Räder an doppelten Querlenkern aufgehängt, rundum arbeiteten Teleskopstoßdämpfer und Schraubenfedern. Anfangs verzögerten Trommelbremsen den Vortrieb, doch schon kurz nach der Einführung spendierte Saab an der Vorderachse Scheibenbremsen. Die Kraftübertragung übernahm eine konventionelle Handschaltung samt Dreiganggetriebe, schon ab 1961 gab es ein vollsynchronisiertes Vierganggetriebe.

1964 erfuhr der 96 das erste Facelift. Das konnte man wörtlich nehmen: Optisch auffällig waren die Änderungen vor allem an der Front. Die bisherige „Rundnase“ wurde durch einen Kühler in Form einer „Langnase“ ersetzt. Unter der Haube war der Motor dank überarbeitetem Zylinderkopf und anderer Kurbelwelle auf 44 PS erstarkt. Wichtiger aber war: Als erstes Serienfahrzeug der Welt besaß der renovierte 96 zwei getrennte Bremskreisläufe.

am0114_saab_schweden_11 am0114_saab_schweden_12

Kaum zu glauben, aber der 96 besitzt einen echten Kofferraum

 

Weil der Vorgänger im Sport recht gut abgeschnitten hatte, stellte Saab dem 96 auch ein Sportmodell beiseite – den GT. Ein Solex-Dreifachvergaser sorgte für 52 PS, was für 150 km/h reichte. 1964 stieg die Motorleistung sogar auf 57 PS. Aber 1966 machten neue Abgasgesetze dem Zweitakter den Garaus. Etwas Neues musste her.

Bei der Motorensuche – für einen eigenen reichten die Ressourcen nicht – blieben die Schweden bei Ford hängen. In Deutschland war gerade der Taunus 12 M herausgekommen, mit einem nagelneu entwickelten V4: dreifach gelagerte Kurbelwelle, Ausgleichswelle, über Stirnräder angetriebene zentrale Nockenwelle, hängende Ventile, und dann auch noch in vier verschiedenen Stärkestufen (40, 50, 55 und 65 PS). Saab ließ sich nicht lumpen und entschied sich für die stärkste Version. Das bedeutete: 65 PS und 117 Nm aus 1,5 Liter Hubraum bei 4.700/min, was für den Sprint auf Tempo 80 km/h in 12,5 Sekunden reichte.

am0114_saab_schweden_07 am0114_saab_schweden_08

Bis 5.000/min gibts kein Problem, kurzzeitig sind auch 6.000/min drin

 

Zum Erfolg des 96 trug ein Mann besonders bei: Eric Carlsson. Der Rennfahrer pilotierte einen 96 bei den Rallye-Weltmeisterschaften, und aufgrund seiner Art, den Wagen hin und wieder auf den Kopf zu legen, bekam er den Beinamen „Carlsson auf dem Dach“. Später raste der 
schwedische Rallye-Profi Stig Blomqvist mit dem 96 von Erfolg zu Erfolg. Er fuhr 1964 seine erste Rallye und wurde Zweiter bei einem lokalen Wettbewerb bei Karlstad – natürlich in einem 96. 1971 brachte er dem Saab-Team die ersten internationalen Erfolge mit dem Sieg bei der 1.000-Seen-Rallye in Finnland, der Schweden-Rallye und der RAC-Rally in England. In der Herstellerwertung brachte es Saab den Vizemeistertitel.

am0114_saab_schweden_13

Ganz schön flott: Gasparatos 96 bei der Kurvenhatz

am0114_saab_schweden_14 am0114_saab_schweden_15

Große Änderungen hat der Saab 96 in seiner 20 Jahre dauernden Karriere nicht erfahren. 1969 beschränkte sich das Facelift auf eckige Scheinwerfer sowie größere Front- und Heckscheiben. 1974 gab es einen schwarzen Kühlergrill, 1977 neue Heckleuchten und einen dezenten Spoiler. Erst am 11. Januar 1980 war dann doch Schluss mit dem 96 – nach 547.221 Exemplaren.

Der rote Lampinen/Gasparatos-Saab mit der Fahrgestellnummer 96620760 ist übrigens zu haben: Für 22.000 Euro wechselt er den Besitzer. Und Gasparatos verspricht, dass dann auch der 130-PS-Wettbewerbsmotor eingebaut ist. Garantiert dicht.

Technische Daten

Saab 96 (Serienversion)
Baujahr: 1971
Motor: V4
Hubraum: 1.498 ccm
Leistung: 48 kW (65 PS)
Max. Drehmoment: 117 Nm
Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Vorderräder
Länge/Breite/Höhe: 4.050/1.570/1.470 mm
Gewicht: 950 kg
Beschleunigung 0-80 km/h: 12,5 Sek.
Top-Speed: 155 km/h
Preis 2013 (restauriert): 22.000 Euro

am0114_saab_schweden_16

Fotos: Roland Löwisch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code