Bitter SC 3.0 1984 vs. Bitter CD 5.4 1978 – Bitter sweet Symphony

Die seltenen Edel-Coupés von Erich Bitter aus Schwedt sind ein Fall für Kenner. Gelungen kombinieren die Modelle CD und SC Großserientechnik von Opel mit atemberaubender Optik

Der Mann hatte ein Problem: Das Auto war fertig – aber wie sollte es heißen? „Schreib doch einfach deinen Namen ran,“ riet ein gewisser F.A. Porsche. Der Selfmademan beherzigte den Vorschlag und begann Anfang der Siebziger mit dem Bau von Autos unter eigenem Namen: Bitter.

Im Kreise exklusiver Manufakturen findet der aufstrebende Autobauer Erich Bitter schnell seine Nische. Bitter ist nicht nur ein talentierter junger Konstrukteur und Rennfahrer – er ist perfektionistisch veranlagt, vielseitig, sportlich und interessiert sich besonders für Mode. Seine geistige Haltung spiegelt sich von Anfang an in seinen Autos wider: Das richtige Gespür für Formen und sein Hang zur Qualität.

Geschmackvolle Rundinstrumente mit Bitter-Signet

Seitliche Luftschlitze zur Beatmung des Achtzylinders

Geschickt versteckt: der Tankstutzen im Heck

Luxus wie beim Italiener, vom Vorbesitzer weiter verfeinert

Der Unternehmer weiß genau, wie seine Luxusautomobile komponiert sein müssen, damit sie trotz GM-Großserienkomponenten glaubwürdig funktionieren. Die beiden erfolgreichsten Modelle der Firmengeschichte sind bis dato zweifelsohne das große GT-Modell Coupé Diplomat (CD) und das danach aufgelegte SC Coupé auf Senator-Basis. Gemeinsame Kennzeichen: Luxus, Eleganz und gesalzene Preise. Und natürlich eine viel höhere Zuverlässigkeit als bei anderen Kleinserienfahrzeugen. Grund genug, die beiden Oldies noch einmal in voller Fahrt zu genießen.

Dicker V8-Brocken von GM

Feiner als im Bitter ging es auch bei der Konkurrenz nicht zu

Komfort pur: trotz des Alters, der CD bietet massig elektrische Helfer

Diplomat Coupé

Die feine Linie des großen CD ist die eines klassischen Gran Turismo. Sie erinnert zwar zunächst an den ab 1970 gebauten Frua CD, stammt aber – wie die meisten Bitter-Entwürfe auch – aus der Feder von George Gallion und zeichnet sich durch eine vorversetzte Windschutzscheibe und eine kantigere Formgebung mit markanterer Gürtellinie und weniger Chrom aus. Der aus den USA stammende Opel-Mann Gallion versteht es bestens, den Design-ideen Erich Bitters eine ansprechende Form zu schenken und trägt so entscheidend zum Erfolg der kleinen, aber feinen Marke bei.

V8-Glamour aus deutschen Landen

Der schönere Senator
Auf der IAA 1973 in Frankfurt ist die Weltpräsentation des CD der ganz große Coup, die Kombination aus Schlafaugen-Front und aufregendem Fastback-Heck schlägt ein wie eine Bombe. Für das mit mindestens 58.000 Mark sündhaft teure 5,4-Liter-V8-Coupé gehen mehr als 150 Bestellungen ein. In der kurz darauf folgenden großen Ölkrise wird allerdings der Großteil wieder storniert. Ein herber Rückschlag für die noch junge Firma, doch dank eines kreativen Bürgschafts-Finanzierungskonzeptes für solvente Kunden kann der Verkauf dann doch noch planmäßig anlaufen. Stars und Sternchen fahren auf Bitter ab. Konsul Weyer ordert genauso bei Bitter wie Kicker Paul Breitner, Sängerin Ireen Sheer und Volksmusikstar Heino.

Original Fabrikschild aus dem Jahr 1984

Sechs Jahre später hat sich das Design-Ideal weiterentwickelt: Die Ziffern stehen nun auf hellem Grund

Ein typisches Heck der Achtziger-Jahre

In Grau gehalten wirkt das Leder-Interieur in Verbindung mit dem edlen Furnier noch wertiger

Sicherlich schätzt die Kundschaft neben dem eleganten Äußeren und der hohen Exklusivität auch die inneren Werte: Der Fahrgastraum setzt bis in den letzten Winkel auf beste Materialien und gediegenen Komfort, macht italienischen Luxusschmieden Konkurrenz. Sonderwünsche werden von Erich Bitter besonders gerne erfüllt. Vom schillernden Sonderlack über HiFi-Anlagen bis zum Autotelefon ist damals bereits alles möglich, beinahe jedes Fahrzeug wird nach Kundenvorgaben individualisiert. Trotz gesunder 230 Serien-Pferde aus einem Chevrolet Small-Block: Motorisch hätte eine aufgebohrte S-Version mit brachialen 5,7-Liter-Motor aus dem Pontiac GTO den CD in die Liga der Supersportler vom Schlage eines Lamborghini Miura katapultieren können. Aus dieser kühnen Idee gehen allerdings nur vier über 370 PS und maximal 250 Kilometer pro Stunde schnelle Einzelstücke hervor.

Auch das Senator Coupé verfügt über eine Automatik-Schaltung

Für den Vortrieb sorgt hier ein Sechszylinder-Reihenmotor, der aus drei Litern Hubraum 180 PS generiert

Die Seriennummer in Messing geschlagen

Senator Coupé

Das Ende der eleganten Flunder CD kommt schneller als erwartet. Mit Opels Entscheidung, den Diplomat 1977 einzustellen, läuft für Bitter zwei Jahre später die technische Basis endgültig aus. Außerdem muss sich die Firma dringend einen neuen Auftragsbauer suchen. Der bisherige Partner Baur soll für BMW den neuen M1 fertigen und verfügt über keinerlei zusätzliche Kapazitäten.
Bitter muss sich wohl oder übel Gedanken über einen Nachfolger ohne prestigeträchtigen V8 an einem neuen Produktionsstandort machen. Das SC Coupé wird mit einem Sechszylinder entwickelt und 1980 der Weltöffentlichkeit präsentiert. Technische Basis ist der neue große Opel, die Baureihe Senator. Beim großen Preis von Monaco 1980 fungiert der Bitter SC als offizielles Pace Car.Formal orientiert sich auch das zweite Coupé an italophilen De-signtrends, soll aber höhere Stückzahlen als der CD erreichen.

Zwei Coupés für Kenner

TECHNISCHE DATEN

Bitter SC 3.0
Baujahr: 1984
Motor: Sechszylinderreihenmotor
Hubraum: 2.968 cm3
Leistung : 180 PS (132 kW) bei 5.800/min
Max. Drehmoment: 248 Nm bei 4.800/min
Getriebe: Dreigangautomatik
Antrieb: Heckantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4.910/1.820/1.370 mm
Leergewicht: 1.515 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 9,6 s
V-Max: 210 km/h
Zeitwert: 22.500 Euro

TECHNISCHE DATEN

Bitter CD 5.4
Baujahr: 1978
Motor: Achtzylinder-V-Motor
Hubraum: 5.354 cm3
Leistung: 230 PS (170 kW) bei 4.700/min
Max. Drehmoment: 426 Nm bei 3.100/min
Getriebe: Dreigangautomatik
Antrieb: Heckantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4.855/1.845/1.285 mm
Leergewicht: 1.720 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 9,9 s
V-Max: 220 km/h
Zeitwert: 24.000 Euro

 

Unverwechselbar: schön sind beide Modelle, am Ende entscheiden persönliche Vorlieben

SC und CD waren Bitters größte Modellerfolge

Hilfreich ist sicherlich auch die trapezförmige Linienführung, die  deutliche Design-Gemeinsamkeiten mit dem luxuriösen Ferrari 400 pflegt. Hauptmanko des viersitzigen SC ist anfangs noch die grausam schlechte Blechqualität der bei Carrozzeria OCRA gebauten Exemplare. Später montierte Fahrzeuge sind viel besser. Sie entstehen zunächst bei Carrozzeria Maggiora S.p.A. in Turin und dann – aufgrund der weiter steigenden Nachfrage – bei Steyr in Graz. Um dem Wunsch der Kunden nach konkurrenzfähiger Motorleistung zu entsprechen, bietet Bitter den SC Ende der Achtziger endlich auch mit einem vom Tuner Mantzel um 0,8 Liter vergrößerten Triebsatz an. Das Drehmoment steigt von 248 auf beachtliche 327 Newtonmeter, die Leistung von 180 auf immerhin 210 PS. Trotzdem bleibt der SC eher ein schneller Cruiser.
Bis 1989 entstehen 461 SC Coupés sowie 22 Cabriolets und fünf viertürige Limousinen. Danach baut Bitter zwar weiterhin interessante Autos auf, schafft jedoch leider keine vergleichbaren  Stückzahlenerfolge mehr.

Ein B für den Jet-Set
Was aus heutiger Sicht wie ein Märchen klingen mag, gelingt Bitter in den siebziger und achtziger Jahren trotz aller Widrigkeiten: Der internationale Jet-Set registriert innerhalb kürzester Zeit wohlwollend die Edel-Automobile mit dem markanten B im Logo. Besonders der klassisch gezeichnete CD mit grummelndem V8 kann noch heute betören. Seine wunderschöne Linie ist eigenständig und erinnert dennoch an nochmals viel teurere Iso- und Lamborghini-Modelle. Dem strengeren, aber nicht uninteressanten SC gebührt der Titel des erfolgreichsten und vielfältigsten Bitter-Modells aller Zeiten.

Text: Lars Jakumeit
Fotos: Christian Dietz

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