Ganz Großer Sport – Buick GS400 Convertible

Sie besitzen einen Autoteile-Handel und wollen dem Team eine motivierende Karre vor die Halle stellen, die Platz, Power und Coolness bietet? Konrad Post wählte ein Muscle Car aus den späten 60ern – den Buick Convertible GS400. Der erfüllt die drei Wünsche perfekt und läuft seit mehr als 13 Jahren im Team mit

Das neue Jahrtausend war noch ganz frisch. Der Laden war grad erst übernommen, und das ganze Team um Konrad Post ackerte sich dumm und dämlich, um den Autoteilehandel auf gesunde Füße zu stellen. Nun ist Ahrensburg in Schleswig-Holstein nicht gerade das logistische Zentrum der Republik, aber es gibt hier oben genug Autoschrauber und US-Car-Fans, so dass die harte Arbeit schnell Früchte trug. Der Weg war gut und richtig, und Post überlegte sich aktive Team-Motivation – ein altes Cabrio für alle Mitarbeiter.

Am besten eines aus den USA und am besten eines aus den 60ern, denn da waren die Hüften noch nicht voller Speck und die Linien cooler als in den 70ern. Der coolste und mit Abstand geilste Wagen tauchte 2002 unvermittelt im Netz auf: Ein Buick GS400 Convertible. Der dürfte in Deutschland so ziemlich einzigartig sein. Teamsitzung!

Die Jungs waren sich extrem schnell einig, dass der Wagen das neue Team-Mobil werden sollte. Nur der Preis war ein bisschen zu hoch. Aber im Groß- und Einzelhandel kennt man die Worte, mit denen der sich noch nach unten korrigieren ließe. Das Problem war jedoch, dass so viel Arbeit auf den Tischen lag, dass niemand die Zeit aufbringen konnte, den Wagen anzugucken oder gar zu kaufen. Lösung? Man bat den Verkäufer einfach, doch selbst mit dem Buick ins schöne Ahrensburg zu kommen, was der dann auch tatsächlich tat.

Der großvolumige schwarze Muskel ohne Dach stand funkelnd vor dem Geschäft, Einigkeit bestand auch nach der Inaugenscheinnahme darüber, dass der gekauft werden soll. Und jetzt wurde am Tresen nur noch hart über den Kaufpreis verhandelt. Ständig kamen aufgeregte Kunden herein und ließen sich euphorisch über den geilen Buick da draußen aus. Immer wieder wurden die Verhandlungen unterbrochen von begeisterten Norddeutschen, die sich einfach dazwischendrängten und andeuteten, dass sie das coole Auto selbst kaufen würden, wenn die Jungs es nicht nähmen. Na toll. Super Voraussetzungen aus Käufersicht für Preisverhandlungen.

Schließlich hatte Post die Faxen dick, öffnete die Kasse und legte dem Verkäufer als letztes Angebot die gesamten Bareinnahmen der Woche direkt auf den Tisch. Take it or leave it, nimm das Geld oder das Auto wieder mit nach Hause. Der Mann machte einen etwas längeren Spaziergang und ging dann mit dem Geld nach Hause. Post hatte sein Team-Mobil.

Was die meist männlichen Kunden im Laden so an dem Buick GS400 anmachte, begeistert US-Car-Fans schon seit fast 50 Jahren weltweit gleichermaßen. Ab 1965 bot Buick das HighPerformance- Options-Package GS400 auf Basis des Skylark an und gab dem Mittelklassecoupé damit einen eigenen Modellnamen. Für die Modelle Riviera und Wildcat stand das GS-Package auch zur Verfügung, und beim Konkurrenten Oldsmobile hießen die Anabolika „442“. Aber aus anderen Gründen. Der Gran Sport 400 bezog seinen Namen aus dem Hubraum des damals stärksten 6,6-Liter-“Nailhead”-V8 (400 cui) aus dem Hause Buick, der mit 325 PS und einem Drehmoment von 603 Nm überzeugte und den Wagen gewaltig nach vorne sowie den Adrenalinpegel der jungen Neuwagenkäufer gewaltig nach oben trieb.

15.000 Einheiten verließen noch 1965 die Händler, im Jahr darauf noch einmal so viele. Der Buick GS400 hatte sich in der Muscle-Car-Szene etabliert. Eigentlich hatte er ja etwas über 401 cui, aber bei General Motors war eigentlich ab 400 cui Schluss für die Intermediate-Bodies,. Also verschwieg man das. Und eigentlich wären auch viel mehr PS drin gewesen. Tatsächlich brachte das Auto auf der Straße auch ein paar mehr heraus. Aber die Versicherungen begannen herumzuzicken, also backte man kleine Brötchen, um die Prämien niedrig zu halten.

Die 1968er und 69er Gran Sports waren mit dem 4-Barrel-Rochester-Vergaser auf dem Nailhead und dem TH-400-Automatikgetriebe so gekonnt komponiert, dass sie bis 70 Meilen pro Stunde schneller aus dem Quark kamen als die handgeschalteten Pendants. Die Verdichtung der Motoren wurde so niedrig angesetzt, dass sie mit fast allem fuhren, was sich verbrennen ließ, ohne zu klingeln. Als die Konkurrenz ihre Muskeln gut beworben auf den Markt warf und der 400er Motor nach und nach den Ruf erlangte, ein wenig altbacken zu sein (GM baute den V8 seit 1953), legten die Strategen zwei gehobene Optionen nach: Stage-1, limitiert auf 1500 Fahrzeuge und mit 345 PS gut für 14,4 Sekunden auf der Quartermile. Und die superseltene Stage-2, die dem Nailhead offiziell 360 PS spendierte. Tatsächlich (nur sagte man das wegen der Versicherungen niemandem) waren das auf der Straße annähernd gewaltige 500 PS, was mehrere Kunden und Tester unabhängig voneinander und ungläubig belegten. Das rockte. Während heute mit Effizienz und Tankreichweite geworben wird, druckte man damals bei Buick die 360 PS in die Prospekte und pumpte damit, die Quarermile in 12,5 Sekunden zu schaffen. Das wiederum ist fast schon Dragsterniveau.

 

Dragsterniveau hat das Cockpit von Konrad Posts GS400 auch. Keine Lenkradschaltung, kein Hurst-Shifter – dieser Wagen wird über einen doppelseitigen Schieber auf der Mittelkonsole geschaltet, wie der Gashebel von einem Speedboat. Im Sichtbereich liegen der Tacho, links eine Tankanzeige, rechts eine Uhr, mehr nicht. Weiter unten kauert noch ein nachgerüstetes Ölthermometer, das beruhigt.

Satt blubbernd zieht der GS400 über die Nebenstraßen, erstaunlich kommod für ein Muscle-Car aus den 60ern. Normalerweise rappeln und wackeln viele der hoch gezüchteten Motoren vorne in der Karosserie ungeduldig vor sich hin, weil sie gar nicht wissen, wohin mit ihrer Leistung. Der hier nicht. Aber wenn der 45jährige Dipl. Ing. Fahrzeugbau die Fahrstufe hineinrammt und durchtritt, dann marschiert das Cabrio nach vorn wie von einem dicken unsichtbaren Gummiband gezogen und hinterlässt im Rückspiegel verbrannte Erde und entlaubte Bäume.

 

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Über Jens Tanz

Das Leben ist zu kurz für kleine Autos und austauschbare Geschichten.
Steht auf: Deutsche Alltags-Oldtimer
Fokus: Rollende Klassiker und ihre Menschen
Leidenschaft: Ein gutes Glas Rotwein, Gitarre und die 70er

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