Lauf, Vogel, lauf!

Plymouth Roadrunner 1972

Nach einer Zahlung von 50.000 Dollar waren die Rechte an dem Konterfei des Vogels im Kasten. Im Jahr 1967 klebte man den Cartoonvogel aus Zeitmangel nur in schwarz-weiß auf die ersten ausgelieferten Fahrzeuge. Das harmonierte aber ganz gut mit der optionalen „Performance-Hood“, eine Motorhaube in mattschwarz, die das Muscle-Car die Quartermile vermeintlich gleich wesentlich schneller durchsprinten ließ.

Wer es noch immer nicht glauben kann und sich auf jedem zweiten US-Car-Treffen über die Zeichentrickaufkleber an einigen Coupés gewundert hat – ja, das war werksseitig ernst gemeint und wohl nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten möglich. Der Roadrunner wurde ein erfolgreiches, freches, buntes Markenzeichen für die Plymouthmodelle und provoziert erneut Analogie-Fantasien. Ein Ford Taunus „Biene Maja“? Ein Opel Kadett “Babapapa”? Ein VW 1600 TL in der „Pinocchio“ Edition? Oh man, ist das deprimierend.

Nein.

Vollgas geht allein aus Respekt vor fremdem Eigentum nicht. Mit dem 340cui-Motor ist der original in „Rallye Red“ ausgelieferte Wüstenvogel aus dem Südwesten der USA zwar nicht topmotorisiert, man sagt dem Triebwerk aber eine wesentlich bessere Dynamik und Lebendigkeit nach. Die Augen wandern mehr zum unter der Mittelkonsole versteckten Drehzahlmesser als zum oben liegenden Meilentacho, der mit dicken km/h-Benchmark-Aufklebern zugepappt ist. Aber wenig Gas drückt auch nicht schlecht.

Holy crap: kuppeln, schalten, Gas geben und weg. Der Pistolengriff liegt extrem sexy in der rechten Hand, und nach wenigen Sekunden Eingewöhnung wird man mutiger. Der Plymouth geht so derbe agil und unbeschwert los, als wolle er der Physik und der Trägheit so einfach davonfahren wie die beependen Roadrunner dem Koyoten. Und dabei brüllt er aus seinen beiden Endrohren noch viel lauter als der Zeichentrick-Verfolger selbst.

Erst als im zweiten Kreisverkehr (noch im zweiten Gang) trotz trockener Straße und moderatem Gasfuß die Hinterräder durchdrehen, gewinnt die Ehrfurcht vor der Kraft wieder Oberhand. Ach ja, das‘ ja ein Ami. Und in den wenigen Sekunden nach dem kleinen, unfreiwilligen Drift wächst das Verständnis für die nordamerikanischen Versicherungsgesellschaften, die sich ab 1971 weigerten, derart übermotorisierte Fahrzeuge aufzunehmen. Junge Wilde, die gerade mal ihren Führerschein bestanden hatten und völlig übermotorisierte, heckgetriebene Mittelklassewagen passten nicht gut zusammen.

Nein.

Auf der Überlandstraße erwischt uns eine Radarfalle – nicht. Aber die Cops in ihrer E-Klasse gucken dem krawalligen Laufvogel noch lange nach. Von der Ehrlichkeit und dem brutalen Fahrgefühl könnte man für den Ami glatt einen Ferrari oder Maserati stehen lassen, zumal die Preise zwar kräftig anziehen, aber immer noch bezahlbar sind.

Nach knapp zwei Stunden ist der Spaß vorbei, der Tank so gut wie leer. Das Auto steht zischend und tickend wieder vor seiner behütenden Halle und wartet geduldig auf jemanden, der sich drauf einlassen will. Der lieber „ja“ als „nein“ sagt und ein Stück amerikanisches Lebensgefühl der frühen 70er sein Eigen nennen möchte. Dafür braucht mal allerdings eine gehörige Portion Mut, einen freundlichen Tankwart und einen sensiblen Gasfuß. Good Bye Roadrunner.

Verdammt. Hupen vergessen. Möööpmöööp…

Technische Daten Plymouth Roadrunner

Baujahr: 1972
Motor: V8
Hubraum: 5.572 ccm (340 cui)
Leistung: 300 PS
Max. Drehmoment: 460 Nm
Getrieb: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.240/ 1.940 / 1.295 mm
Gewicht: ca. 1.581 kg
Sprint 0-100 km/h: 8,2 s
Top-Speed: 168 km/h
Wert: ca. 45.000,- Euro

Text und Fotos: Jens Tanz

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Jens Tanz

Über Jens Tanz

Das Leben ist zu kurz für kleine Autos und austauschbare Geschichten.
Steht auf: Deutsche Alltags-Oldtimer
Fokus: Rollende Klassiker und ihre Menschen
Leidenschaft: Ein gutes Glas Rotwein, Gitarre und die 70er

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