Der treue Begleiter – Chevrolet 3100 Pick-up 1956

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Nachkriegs-Pick-ups waren einst die Garanten für geschäftige Mobilität auf dem Lande – heute sind sie in Amerika und auch bei uns Lifestyle-Laster und gefragte Oldtimer. Ein gutes Beispiel ist der restaurierte 3100-Halbtonner von Chevrolet aus dem Jahr 1956

Sobald sich amerikanische TV-Serien einst mit Country-Themen beschäftigten, tauchten sie als treuer Begleiter auf: Pick-ups. Sie rollten zum Beispiel zuverlässig bei „Flipper“ und „Lassie“ ins Bild – ob der Collie von der Ladefläche eines Dodge D100 sprang oder Flipper am Strand der Florida Keys Hilfe bekam vom Jeep Gladiator Townside, Simon & Simon im Dodge Power Wagon über die Dust-Roads drifteten oder Colt Seavers und sein Sierra Grande von GMC lustig von Folge zu Folge hüpften – ein Pick-up war immer zur Stelle wenn es galt, dem Helden zu helfen und ihn gut aussehen zu lassen. Aber auch im wahren Leben waren es diese Arbeitstiere von Dodge, Ford und vor allem Chevrolet, die jeden Tag klaglos ihren wenig glamourösen Job taten und so ziemlich alles auf der Ladefläche von Alabama bis Wyoming bewegten.
Nach der „AK“-Serie von Chevrolet aus dem Jahr 1941 waren die „Advance-Design“-Trucks seit 1947 die unangefochtenen Platzhirsche auf dem amerikanischen Pick-up-Markt. 1954 jedoch machte sich Ford am anderen Ende Detroits daran, mit dem Overhead-Valve-V8-Motor in seinem F100 dieses Monopol zu brechen. Die leistungsstarken OHV-Motoren wurden schon in den Oberklassewagen seit den frühen 1950ern verbaut und lösten den alten Flathead-V8 ab. Nun auch in den Lasteseln von Ford verbaut, gruben sie schnell den Chevys das Wasser ab.

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Ein verchromter Heizkörper? Nein! Der üppig gestylte Grill des Chevy. Kaum zu glauben, das die Grills in der späteren Fahrzeuggenerationen noch auffälliger und größer wurden

Die Antwort des Chevrolet-Managements kam ein Jahr darauf: die „Second Series“, intern „Task Force“ genannte Baureihe, fegte mit ihrem 265 cui (4.343 cm3)-OHV-V8 den „Y-Block“ von Ford von den Straßen wieder zurück auf Platz zwei der Charts. Dieser Motor wurde auch in die Corvette und den Bel Air gepflanzt und war sehr populär bei Stock-Car-Fahrern, was ihm den Spitznamen „Mighty Mouse“ einbrachte. Mit einem Drehmoment von 366 Nm und 160 SAE-PS zog der V8 richtig gut, sowohl auf dem Dragstrip als auch den Pferdeanhänger. Im Jahr 1957 war der Motor zusammen mit der optionalen Rochester-Einspritzung auf 283 cui (4.638 cm3) und 283 SAE-PS angewachsen und damit der erste Serienmotor im low-price-field, der ein PS pro cui auf die Rolle des Prüfstands brachte. Standard allerdings war die 235,5 cui (3.859 cm3)-Thriftmaster-Six-Maschine, die rund 120 PS und ein Drehmoment von 284 Newtonmeter lieferte. Verteilt wurde die Kraft durch verschiedene Getriebe wie dem Drei- oder Vier-Gang-Synchromesh mit optionalem Overdrive, einem verstärktem Heavy-Duty-Dreigang- oder einer Viergang-Automatik.

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Auch beim Design ging GM neue Wege, um den Kampf zu gewinnen. Schon 1951 zeigte der Visionär Harley Earl das „Le Sabre Concept Car“ auf der Motorama Motor Show. Von ihm übernahmen die Task-Force-Modelle als erste die „Sweep-Sight Windshield“ genannte Frontscheibe. Sie sollte durch ihre Biegung und die zurückversetzten A-Säulen eine bessere Sicht auf die Landschaft gewährleisten.
Dazu passend gab es als Option die „Wraparound“-Heckscheibe für bessere Sicht auf die Ladung. Die geschützt versenkten Scheinwerfer, Runningboards als Tritt zum einfacheren Zugriff auf die Ladefläche von der Seite, die robuste Massivholz-Ladefläche mit stählernen Skid-Strips und der optionale Allradantrieb zeigten, wofür die Laster gebaut wurden: für den täglichen, harten Arbeitsalltag zwischen Bergwerk, Wald und Feld. Erst Jahrzehnte später schafften die Pick-ups den Sprung vom Kuhstall auf den Kudamm, auf die Kö und nach Schwabing als Lifestyle-Laster.
Statt Proseccokühler gab es anno 1955 einen Overdrive für die Halfton-Pick-ups, 12 Volt Bordspannung, schlauchlose Reifen und (Achtung Luxus!) eine Servolenkung. Die 3000er Modelle gab es sogar mit besagter Viergang-Automatik. Verschiedene Radstände von 114 inches (289 cm) des Halbtonners über 123,25-inch (313 cm) des Dreiviertel-Tonners bis 135-inch (342 cm) beim Eintonner sowie diverse Ladeflächengrößen boten für jede Anwendung die passende Lösung. Je nach Achse und Federkombination war eine Zuladung bis zu 3.100 Pound (1.400 Kilo) möglich. Das entspricht rund 707 Sixpacks Budweiser und lies kein Männerherz unberührt.

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Der Kühlergrill im Eierkartonlook blieb bis 1956 am Wagen, das Emblem auf der Haube wurde in diesem Jahr breiter und die Beschriftungen auf den Kotflügeln rutschten über die Gürtellinie. Wie unzufrieden die Designer mit der Form des Grills waren, zeigen die schnellen Designwechsel 1957 und 1958. Ab diesem Jahr gab es auch die Varianten „Apache“ für leichteres Geläuf, „Viking“ für den mittleren und „Spartan“ für den richtig schweren Einsatz. Gleichzeitig gab es neben der Bulleneier-Pritsche auch die Fleetside-Box, deren Ladefläche über die ganze Breite des Führerhauses reichte und nochmal zusätzlich Ladefläche bot.
Als Nutzfahrzeuge wurden die stillen Helden rücksichtslos verbeult und geschunden, bis sie irgendwann auf dem Scrapyard landeten oder einfach auf dem Feld hinter der Scheune dem Verfall preisgegeben wurden. Entsprechend viele Schätze sind hier noch zu heben, wenn auch meist in erbärmlichen Zustand. Über amerikanische Verkaufsrestaurierungen ist schon genug lamentiert worden – sparen wir uns das also.
Unser 1956er Foto-3100-Halbtonner-Pick-up Truck machte da keine Ausnahme. Per Telefon gekauft im fernen Kalifornien mit angeblich guter Substanz, sollte er eigentlich zum Werkstattwagen der Firma Rolltec werden. Als er dann auf dem Hof der Werkstatt vom Hänger rollte, kam das böse Erwachen: „All show and no substance…“ Beim Restaurator hochwertiger Rennfahrzeuge kann selbst das Arbeitspferd nicht in so einem Zustand herumhumpeln. Also blieb nach eingehender Untersuchung nur die Möglichkeit, ihn komplett zu strippen und neu aufzubauen. Der Rahmen, alle Achsteile und der komplette Aufbau wurden gestrahlt. Nachdem das Blech von den Flicken der letzten 58 Jahre befreit war, wurde es neu gedengelt, gebogen, geschweißt und verzinnt – das übliche Programm des Blechners eben. Vom blanken Metall aus wurde der Lack wieder Schicht für Schicht aufgebaut, um am Ende in sattem Rotmetallic zu erstrahlen. Der Farbton stammt zwar von der Corvette, aber immerhin war er von GM.

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Pick-ups waren in den Fünfzigern genau so liebevoll gestylt wie Pkw,das gilt auch für die Fahrerkabine

Stoßstangen, Grill und Embleme wurden komplett überarbeitet und neu verchromt. Parallel dazu wurde die Technik revidiert und professionell optimiert. Dem Kupferwurm wurde sein Lebensraum durch einen neuen Kabelbaum entzogen. Der Rahmen wurde vor dem Pulverbeschichten geändert, um einen komplett neu aufgebauten 350er-Small-Block aufzunehmen. Die ausreichende Versorgung des Motors besorgen der Holley-Vergaser in Kombination mit einer Ansaugspinne von Edelbrock, eine bewährte Konfiguration am 350er.
Zur Entsorgung sammeln zwei keramikbeschichtete Fächerkrümmer die Gase jeweils vier in eins und leiten sie durch eine Zwei-Zoll-Auspuffanlage durch Flowmaster-Töpfe ins Freie – eine Eigenkonstruktion von Rolltec, die natürlich den kompletten Wiederaufbau selbst bewerkstelligten. Um den Kraftzuwachs auch auf bundesdeutschen Straßen zu bändigen, verbaute der Hockenheimer Rennstall einen Zweikreis-Hauptbremszylinder mit Bremskraftverstärker und Scheibenbremsen an der Vorderachse. Diese realisieren die zuverlässige Verzögerung über Gummis der Dimension 225/70 R15 auf 6×15-Stahlfelgen. Deren Kollegen auf der Hinterachse bieten mit 275/60 R15 etwas mehr Bodenfläche, um das Drehmoment auch nutzbringend auf die Straße zu bringen. Dort verzögern komplett revidierte Trommelbremsen bei Bedarf den Vortrieb des Halbtonners. Leichte Tieferlegung durch andere Blattfedern und Gasdruckdämpfer passen das Fahrwerk an den etwas anderen Fahrstil in Good Old Europe an, auch um die halbe Tonne Zuladung im Alltag nutzen zu können.

Die Ladefläche bot aus archäologischer Sicht sicher viel Potential, war aber nicht wirklich zu gebrauchen. Also wurde sie aus Massivholz komplett neu aufgebaut und mit verchromten Skid-Strips versehen. An diesem Punkt des Projektes dämmerte es den Mannen um Ralf Schellhorn, dass es keiner wagen würde, auf dieser perfekten Ladefläche verdreckte Motorblöcke oder Ölfässer zu den Rennen zu transportieren. Auch der Innenraum mit Schlingenteppich und die neu bezogene Sitzbank in hellgrauem Leder schienen auf einmal zu schade für den harten Schrauberalltag – eine harte Erkenntnis nach so viel Arbeit und Schweiß. Was also tun? Good things come to those who wait: Eine Kundin, die einen anderen Wagen zur Restaurierung in der Werkstatt hatte, sah den Pick-up und verliebte sich auf den ersten Blick in den strahlenden Helden des Alltags. Sie ließ nicht locker, bis der Schlüssel des Chevrolets in ihrer Tasche steckte und sie ihn zurück aufs Land entführen konnte. Ob dabei ein Collie auf der Ladefläche bellte, entzieht sich unserer Kenntnis…

Herzlichen Dank an Matthias Meckel vom Technik Museum Speyer für die Location
(www.technik-museum.de).

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TECHNISCHE DATEN
Chevrolet 3100 ½ ton pick-up truck
Originalfarbe: gelb
Baujahr: 1956
KW / PS:  ca. 200–250 PS
Typ: Chevy Small Block 350 cui
Vergaser: Holley
Ansaugkrümmer: Edelbrock
Zündung: kontaktlos
Krümmer u. Auspuff: 2“Fächerkrümmer
Bremsen: Vorne: Scheiben, Hinten: Trommeln
Stoßdämpfer: Gasdruck
Federn: Blattfedern
Sonstiges: Vorne: Stahlfelgen 6×15 mit 225/70 R15
Hinten: Stahlfelgen 8×15 mit 275/60 R15

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