Der mit der großen Klappe

Raumwunder Chevrolet II Nova Station Wagon 1965

am1314_chevy_nova_01

Während der Corvair mit ungewöhnlichem Heckmotorkonzept floppte, führte Chevrolet heimlich, still und leise in den frühen 60ern schnell noch den Chevy  II ein. Der konventionelle Wagen zielte im Mid-Size-Segment auf den höchst erfolgreichen Ford Falcon und war als Station Wagon ein richtiger kleiner Laster. Wir sind mit dem 50 Jahre alten Raumwunder Chevrolet II Nova Station Wagon in sein Revier gefahren – zum Bauhof

Die Stadt erwacht zum Leben. Geschäftsmänner und Webdesigner hetzen in überdimensionierten Leasingfahrzeugen zu Terminen und Pitches, Busse donnern über Sonderfahrspuren und Kuriere drängeln sich zwischen allen durch – die Menschen sind unterwegs zu ihren reellen und virtuellen Arbeitsplätzen. Es brummt, es ist laut, es ist lebendig.

Mittendrin rollt ein kantiger Kombi in einer auffälligen 
Lackierung und scheint dabei erhaben über den Dingen zu schweben. Blau, Chrom, weißes Dach. Das Auto ist ein bisschen weniger hektisch als die anderen unterwegs – aber es brummt, es ist laut, es ist lebendig. Und es ist 
komplett reell. Kein Turbo pfeift beim Beschleunigen hinter der Ampel, keine Siebengang-Automatik schaltet elektronisch gesteuert drehfreudig hoch. Stattdessen blubbert ein vergaserbefeuerter großer Motor seinen zufriedenen Takt in den Morgenhimmel, metallische Vibrationen lassen die Luft selbst in einiger Entfernung noch schwingen. Und der Mann am Steuer sieht glücklich aus.

am1314_chevy_nova_02

Das ist der entscheidende Unterschied zu den anderen Arbeitnehmern um ihn herum, mit denen er sich die Straßen teilt. Er hat ein bisschen Zeit, und er sitzt in einem einfachen, zuverlässigen Ami, der garantiert nicht wegen einer gebrochenen Lötstelle in einem Steuergerät liegen bleiben wird. Ein Arbeitstier. Weniger ist manchmal mehr.

Sie hatten damals keine Zeit für Experimente oder wirre neue Ideen bei General Motors. Der revolutionäre und visionäre Corvair mit seinem Motor im Heck („Volkswagen-like“) verkaufte sich schlechter als die Konkurrenz, nicht zuletzt wegen der Sicherheits-Schelte von Verbraucheranwalt Ralph Nader. Chevrolet-General-Manager Ed Cole trat mit einer flammenden Ansprache seinem Team kräftig in den Arsch und setzte eine verdammt knappe Deadline, innerhalb derer ein konventionelles, zuverlässiges Auto mit maximaler Funktionalität entworfen werden sollte.

am1314_chevy_nova_04

Back to basic. Die Designer und Ingenieure arbeiteten Tag und Nacht und setzten in 18 Monaten die kürzeste Entwicklungszeit eines Neuwagens in GM’s Firmengeschichte um. Der erste „Chevy II“ verließ die Produktionsbänder in Willow Run, Michigan, nur wenige Tage vor seiner Premiere am 29. September 1961. Und er kam so klassisch, wie er nur sein konnte. Die Modelle 2-Door-Coupé, 4-Door-Sedan, Convertible und 2- oder 4-Door Station Wagon deckten sich mit dem als Benchmark definierten Ford Falcon, und in den drei Serien 100, 300 und 400 konnten die Kunden fünf verschiedene Ausstattungslinien bestellen.

Das Topmodell 400 bekam den Beinamen Nova, der schon bei der eigentlichen Namensgebung auf dem Plan stand und später auch die direkte Modellbezeichnung des Chevy II werden sollte. Ein Coupé mit Ladefläche bot man nicht an – das wäre zu viel Konkurrenz zum hauseigenen El Camino geworden. Kein Nippes, kein Spökes, nicht viel mehr als ein Auto mit dem Motor vorn, dem Antrieb über die Hinterachse und dazwischen Platz und Funktionalität.

Für die ersten Modelljahre 1962 und 1963 fanden die „Zurück zu den Wurzeln“-Käufer unter den blechernen Motorhauben wahlweise einen 2,5-Liter-OHV-Vierzylinder (66 kW/91 SAE-PS) oder einen 3,2 Liter großer OHV-Reihensechszylinder (90 kW/122 SAE-PS). Diese Triebwerke hatten für amerikanische Verhältnisse gerade einmal die Dimensionen von Mopedmotoren und passten gut in das für amerikanische Verhältnisse recht kleine Auto.

Chevrolet-Kunden hatten die ausufernde Überheblichkeit der 50er-Jahre satt, waren bodenständige Arbeitnehmer und wollten unkompliziert und preiswert unterwegs sein. Die Kraftübertragung besorgten dabei ein Dreigang-Schaltgetriebe oder eine Powerglide-Zweigang-Automatik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code