Der mit der großen Klappe

Raumwunder Chevrolet II Nova Station Wagon 1965

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Analoger Chrom und Stahl, angucken und anfassen macht glücklich. Mehr braucht man nicht

 

Die Zeiten der sechs Meter langen und zwei Tonnen schweren Full-Size-Schiffe mit Heckflossen und Acht-Liter-Triebwerken schienen (außer bei Cadillac) tatsächlich vorbei zu sein, die generelle Verliebtheit der Amerikaner in den V8 allerdings nicht. Auch wenn der Chevy II in seinen ersten beiden Jahren nicht ab Werk mit einem Achtzylinder angeboten wurde – es gab viele selbst initiierte „Dealer Options“ mit einem nachträglich implantierten Wunsch-V8 des Kunden, vom Small Block bis hin zum Big Block mit Benzineinspritzung aus der Corvette. Solche Kombinationen machten aus dem leichten Auto so etwas wie ein frühes heimliches Muscle Car: Nicht selten sah man kleine, unscheinbare Novas mit hubraumstarken Motoren auf den Drag Strips verdammt gute Quartermiles brennen.

Ob es nun acht oder sechs Töpfe sind, die das Benzin verbrennen, lässt sich im Stopp and Go des modernen Stadtverkehrs kaum sagen. Akustisch sind es acht. Der glückliche Mann legt die Fahrstufen mit der Lenkradschaltung ein und kurbelt das Fenster runter, um die frische Brise hereinzulassen, die über die Alster weht. Eine Klimaanlage besitzt der Wagen nicht.

Überhaupt ist da nur wenig Informationsfluss zwischen Technik und Mensch. Ein Tacho, eine Tankanzeige und je eine Lampe für Temperatur, Batteriespannung und Öldruck. Nur eine Lampe. Jemand hat ein paar Zusatzinstrumente unten links unter das Dashboard geschraubt, aber die interessieren nur am Rand. Der Wagen läuft rund, kraftvoll und stoisch nach vorn. Wenn die Straße einmal so etwas wie eine Biegung vorgibt, wird am blauen Lenkrad in den Dimensionen einer Fahrradfelge gedreht und gedreht und gedreht, bis das Schiff wieder auf Kurs ist.

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Chevrolet Chevy II Bauzeit: 1962-1965 Motoren: 
2.5 R4, 3.2-3.8 R6, 4.6-5.4 V8, 67-220 kW

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Chevrolet Chevy II Bauzeit: 1965-1967 Motoren: 
2.5 R4, 3.2-4.1 R6, 4.6-5.4 V8, 67-220 kW

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Chevrolet Nova Bauzeit: 1967-1974 Motoren: 
2.5 R4, 3.2-4.1 R6, 
5.0-6.6 V8, 67-280 kW

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Chevrolet Nova Bauzeit 1975-1979 Motoren: 
2.5 R4, 3.6 V6, 3.8 R6 , 4.3-5.7 V8, 78-127 kW

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Chevrolet Nova Bauzeit 1985-1988 Motoren: 
21.6 R4, 
54-81 kW

Draußen, wo die Pflastersteine und die Holzplanken lagern, passt das Frachtschiff schon besser ins Bild als zwischen den grauen Lifestyle-Kombis und den schwarzen New-Generation-Kleinwagen mit Ambient-Cockpit-Beleuchtungen und Bluetooth Connect über die Touch Displays des Multifunktions-Panels. Argh. Und hier draußen in der uns umgebenden Ruhe sind wir inzwischen sicher, dass in dem blauen Chevrolet Station Wagon mit der Topausstattung Nova ein V8 arbeitet. Eine Dealer-Option? Der Fahrer dreht am Schlüssel, steigt aus dem Wagen und raucht erstmal einen Zigarillo in der Sonne.

Nicht jeder V8 war ein Eigenbau. Als 1964 die Chevelle in den Showrooms stand, brachen die Verkaufszahlen des Chevy II ein – und um diesem Trend entgegenzuwirken, wurden die ersten Werks-V8 angeboten. Neben dem 4,9-Liter (283 cui)- Achtzylinder mit 145 kW (195 PS) war noch die dritte Generation des Reihensechsers mit 3,8 Litern (230 cui) im Programm. Der Konkurrent Plymouth Valiant hatte so einen ähnlichen unter der Haube und GM witterte nach wie vor Marktanteile mit Straight-Six-Motoren. 1965 (also Modelljahr 1966) blieb den Chevy-Enthusiasten als das Jahr in Erinnerung, in dem aus dem Chevy II eine offizielle Muscle-Car-Rakete wurde. Mit einem 5,4 Liter (327 cui) dicken V8, der eine Leistung von über 300 PS (220 kW) entwickelte, konnte der Nova SS plötzlich mit dem GTO, dem 4-4-2 und dem Mustang 289 mithalten – zumindest was die Geradeausbeschleunigung betraf. Gleichzeitig ereilte den Chevy II das seltsame Los, der einzige Wagen in GM’s Modellpalette zu sein, der in diesem Jahr rückläufige Verkaufszahlen verzeichnete.

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Mehr Drehmoment als ein Audi V8 4.2 Quattro, und das bei einem Kombi. Er ist eben ein echter Laster

 

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