Klas(s)iker auf türkisch

Die Oldtimer-Spezialwerkstatt am Bosporus

Bei “SS Klasik” ist alles etwas anders: die Arbeitsweise, der Umgang, die Arbeitszeiten. Kein Wunder – liegt die Oldtimer-Spezialwerkstatt doch direkt am Bosporus.

Wir waren dort…

Wenn Fikrit nicht weiter weiß, fragt er am besten Murat. Der muss es wissen. Schließlich ist er der Chef.
Und wenn Murat dazu gerade nichts einfällt, holt er Abdullah hinzu. Der könnte es auch wissen, der ist zweiter Chef. Betrifft die Fragestellung aber gerade nicht sein Spezialgebiet, holt Fikrit noch Ibrahim, Mustafa, Ramazan, Fatih, Mussa und Butahan. Gemeinsam wird das Problem gelöst. Irgendwie. Und irgendwann. Vielleicht in nur kleinen Schritten. Aber zur Zufriedenheit aller.

“SS Klasik” ist eben keine Oldtimerwerkstatt wie jede andere. “SS Klasik” ist durch und durch türkisch.
Kein Wunder, befindet sich die Werkstatt doch am Stadtrand von Istanbul, gerade noch auf der europäischen Seite, mit der Metro etwa 35 Minuten vom Stadtkern “Taksim”, nördlich der Europastraße 80. Hier, an der Ehi Evran Cd., ganz in der Nähe des Dogus Power Center, haben sich unzählige Werkstätten niedergelassen. Porsche, BMW, Toyota, Saab, Rolls- Royce. Und dazwischen Oldtimerspezialisten wie Murat Yurdusev mit SS Klasik.

Die Firma von Murat ist in drei Abteilungen eingeteilt, die in dem großen Autokomplex an unterschiedlichen Stellen firmieren: Die Zentrale, wo Autos gewartet, repariert und geputzt werden, die Karosseriewerkstatt für Totalrestaurierungen samt Motorentnahme und Kabelbaumaustausch sowie eine Lackiererei. Der Ton untereinander ist moderat bis kumpelhaft: Chefgebahren gibt es nicht, und auch optisch ist keine Hierarchie zu erkennen. Hauptsache, der Laden läuft. Und das tut er. Yurdusevs Auftragsbücher sind voll. Und ist mal eine Lücke frei, wird ein Oldie wie eine Corvette Stingray oder ein Ford Thunderbird auf eigene Kosten aufgebaut und später mit sattem Gewinn verkauft. Allerdings wird an den Autos nicht unbedingt nach westlichem Standard gearbeitet, auch wenn überall gehämmert wird, es aus einer anderen Bude höllisch dröhnt und es aus einer weiteren Garage Nerven zerfetzend klappert. Bei SS Klasik- tatsächlich einer der renommiertesten türkischen Oldtimerspezialisten – wird nach Lust und Laune an den Autos geschraubt: Was heute nicht funktioniert, funktioniert vielleicht morgen. Auf konkrete Abholungstermine kann hier niemand bauen.

Dafür wird ausgesprochen penibel gearbeitet – jedes Detail muss stimmen. Alle Kabel werden einzeln überprüft, jeder Knopf drei Mal getestet, und sogar jede Schraube muss die richtige Farbe haben. Hat sie es nicht, wird sie eben passend angemalt. Das Geschäft läuft prächtig, befinden sich doch im Umfeld des Werkstattareals viele Bürohochhäuser mit solventer Kundschaft. Da lohnt es sich, rostige Karosserien aus den USA zu besorgen, die ehemaligen Schmuckstücke von Grund auf aufzubauen und sie für mindestens 80000 Euro an die türkischen “dinks” (double income, no kids) zu verkaufen. Und davon gibt es immer mehr: Die türkische Hauptstadt hat in den vergangenen Jahren einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, und besondere Autos sind als Statussymbole hoch begehrt.

Interessenten von Klassikern aus der SS-Klasik-Werkstatt können allerdings keinen edlen Showroom betreten, um  ihren künftigen Oldie zu bewundern – so etwas hat Murat Yurdusev nicht. Die fertigen, halbfertigen und noch gar nicht angefassten Oldies stehen einfach am Straßenrand. Und über so etwas westlich Dekadentes wie Geschäftszeiten lächelt er milde: Spätestens gegen 9 Uhr morgens ist jeder Angestellte da, und erst gegen 23 oder sogar 24 Uhr wird der Schraubenschlüssel abgelegt.  Egal, ob der junge Auszubildende oder der erfahrene 60jährige Hand anlegen. Bereits seit 14 Jahren gibt es SS Klasik – wahrscheinlich besonders deshalb, weil trotz des scheinbaren Chaos eine Art Grundordnung existiert. So hat zum Beispiel jedes Werkzeug seinen Platz, den es nach Gebrauch sofort wieder einnimmt, damit auch die Kollegen nicht lange suchen müssen. Und Teile, die nicht aufzutreiben sind, werden akribisch selber hergestellt. Manchmal auch unter tatkräftiger Mithilfe von Kollegen anderer Werkstätten – Fachleute gibt es in diesem “Autostadtteil” genug.

Sosehr sich Murat, Abdullah, Ibrahim, Mustafa, Ramazan, Fatih, Mussa, Butahan und wie sie alle heißen aber auch mit Oldtimern beschäftigen – selber hat keiner einen. Das wird aber eher mit den hohen Preisen zu tun haben als mit Misstrauen in die eigene Qualität – die Kunden aber sollen sehr zufrieden sein. Sagt Murat. Und der hat immer Recht, er ist ja der Chef. Und wenn er mal nicht Recht hat, gibt er das auch zu. Sagen seine Kollegen. Nur nicht vor uns.


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