Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evo 2

Homologation, Evolution, Testosteron. Wenn du einen Rennwagen in die DTM schicken willst, brauchst du eine straßentaugliche Serie. Mercedes-Benz hat das von 1989-1990 ausgerechnet mit seinem spießigsten Mittelklässler realisiert – und zusammen mit AMG ein schwarzes Projektil geboren, was uns heute noch das Fürchten lehren kann. Wir haben einen von nur 502 originalen 2.5-16 EVO II in seiner Höhle geweckt

Das riesengroße Rolltor donnert und rumpelt in den schweren Schienen zur Seite. Es ist so gewaltig, weil da auch Flugzeuge durchpassen müssen. Draußen schwirren Mücken im Schein einer einzelnen Laterne, drinnen ist es stockdunkel. Jack stapft mit sicheren Schritten durch die Dunkelheit und legt einen großen Kippschalter an der gegenüberliegenden Wand um. SCHONK. Es klickt und britzelt kurz, dann flackern drei Deckenlampen und geben einen vagen Blick auf die Szenerie frei. Viele gelbe Benzinfässer. Ein silbernes Flugzeug. Ein schwarzes Auto. Jack zieht seine Baseballcap etwas tiefer in die Stirn. Wir nennen ihn einfach nur Jack. Nicht wegen des Benzins. Nicht wegen des Flugzeugs. Es ist das Auto, wegen dem wir uns bedeckt halten. Das schwarze Teil ist seltener als so mancher Ferrari, und es ist begehrter als die britischen Kronjuwelen. Denn man kann mit ihm (im Gegensatz zu den Klunkern der Queen) fahren. Und wie man mit ihm fahren kann!

Schon in den 80ern brachten die Schwaben ihrem braven „Baby Benz“ 190 E halbwegs das Fliegen bei, indem sie ihn mit einem großen 16-Ventiler bestückten. Volker Weidler und Roland Asch trieben das Leichtgewicht bei der DTM auf Platz 2 der Gesamtwertungen. 1989 legte man noch eine Schippe obendrauf und brannte den 2.5-16 auf den Asphalt, der so manch bravem Familienvater seine gerade erst teuer erworbene 90-PS-Limousine madig machen sollte. Mit 195 PS und rund 230 km/h räumte der mit dem Zusatz „Evolution“ versehene Daimler das Feld einmal komplett von hinten auf. Niemand hielt ihn auf, und berauscht von den Siegen bereitete man in Stuttgart gleich die zweite Ausbaustufe des Rekordwagens vor. Von 1989 bis 1990 liefen genau 502 blauschwarz metallic lackierte 190 E vom Band und wurden rübergebracht zu AMG, die damals noch ein eigenständiges Unternehmen waren. Diese dort entstehende Homologationsserie, welche zwingend in der Tourenwagenmeisterschaft das Serienmodell vorgibt, war das brutalste, was Vatis Augen bis dahin gesehen hatten. Ein extrem hochdrehender Vierzylinder mit 235 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von über 250 km/h. Spoiler, die sich so gewaltig und so tief auf den Boden drückten, dass die Bumper bei McDrive zum unüberwindbaren Hindernis wurden. Ein Heckflügel, der jeden Manta in die Schäm-Ecke verwies. 17-Zoll-Felgen, auf denen 245/40 ZR 17 Reifen klebten und die eine nennenswerte Verbreiterung der Kotflügel nötig machten. Im Inneren triefte aus jedem Karo der gemusterten Rennstühle das Adrenalin, das schlichte Cockpit hatte drei Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole bekommen. Das Auto war eine so klare Ansage, dass sogar Porschefahrer andächtig und respektvoll ihre Golfmütze zogen.

Vielleicht schmunzelt Jack, so genau ist das im Zwielicht nicht zu erkennen. Er geht einmal um den Wagen herum, streicht mit der Hand über den Heckflügel und schließt die beiden Türen auf. Innen riecht es wie in einem Neuwagen, der Tacho zeigt nur etwas über 30.000 echte Kilometer. Der Evo II war ursprünglich nach Südfrankreich ausgeliefert worden, die gelben Scheinwerfer sind quasi original. Und jetzt hat er seinen Weg nach Hause gefunden, zu welchem Kurs ist nicht überliefert. Auf Auktionen bringt ein gepflegtes Exemplar, wenn man denn überhaupt eins zu packen bekommt, inzwischen gut und gern mal 200.000 Euro auf die Waage. Dafür bekommt man auch schon ein nettes kleines Häuschen auf dem Land. Das kann allerdings genau so wenig fahren wie die Kronjuwelen der Queen. Der schwarze, böse Keil hier kann. Und wie er kann.

Es geht alles sehr schnell. Handgerissene fünf Gänge. Wie es sich für einem Rennwagen gehört sitzt der erste links unten. Auf dem Schalthebel ist die Homologationsnummer eingestanzt. Nummer 412. Mit kurzen Gasstößen geht es aus der Halle raus. Die Lenkung ist so direkt, dass man im Geist die letzte Betriebsfeier auf der Kartbahn rekapituliert. Das Fahrwerk ist so straff, dass man es wissen will. Ungewohnt. In einem 190er sitzen und es echt wissen wollen. Das wissen wollen, was über 5000 Touren abgeht, sofern man sich am Anfang traut, den Motor so hoch zu drehen. Darunter liegt das maximale Drehmoment sowieso nicht an. Jack traut sich. Wie Ken Block in seinen besten Zeiten drückt der junge Mann den Evo um die Halle rum, immer wieder, schaltend, Gas gebend und mit einer Hand lenkend. Vier Mal. Fünf Mal. Kurz bevor der Kameramann auf dem Rücksitz eine neue Unterhose verlangt und der Beifahrer sein Abendessen an das Fundament der grauen Mauern entlässt, ist es vorbei. Fahren mit Lichtgeschwindigkeit, zurück in der Zeit. Wieder die Halle, dämmeriges Licht, Stille. Nur der Motor tickt leise. Wo sind wir? Jemand verletzt? Hat jemand Fotos gemacht? Nein. Ist jetzt aber auch egal.

Der Evo II ist kein Auto für den Alltag. Er könnte eins sein, Platz genug für die ganze Familie nebst Kindersitz wäre sogar auf den tief reingezogenen Rücksitzen, und einen Kofferraum gibt es auch. Aber in Zeiten, wo schon preiswerte Mittelklasselimousinen geklaut und geschlachtet werden holt man so einen Zeitzeugen lieber nur zu besonderen Anlässen raus. Der Mercedes ist wie ein guter Wein. Er erzählt vom Zeitgeist der späten 80er und frühen 90er, wenn man ihn rausholt. Und wenn man ihn trinkt, ist es ein unvergleichliches Erlebnis. Sie sind wieder da, die guten rauen Zeiten des nicht elektrisch gesteuerten Motorsports. Und die Zahlen waren phantastisch: 1990 dritter Platz mit Kurt Thiim. 1991 zweiter Platz mit Klaus Ludwig. 1992 erster Platz, ebenfalls mit Klaus Ludwig. 16 Siege in 24 Rennen, so etwas hat es in der Geschichte der DTM danach nie wieder gegeben.

Unter dem schwarzen Kleid des bösen Autos wabert noch immer Abwärme hervor. Jack muss weiter und verschließt hinter uns das Rolltor. Draußen ist es inzwischen stockdunkel. Da drin lauert der 2.5-16 auf seinen nächsten Einsatz. Er schläft nie. Er ist immer wach und allzeit bereit. Tief durchatmen jetzt – und zurück in die Gegenwart

Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evo 2

Baujahr: 1990
Motor: Vierzylinder Reihe
Hubraum: 2.463 ccm (150 cui)
Leistung: 173 KW (235 PS) bei 7.200 1/min
Max. Drehmoment: 245 Nm bei 5.000 1/min
Getriebe: Fünfgang Schaltung
Antrieb: Hinterrräder
Länge/Breite/Höhe: 4.530/1.720/1.342mm
Leergewicht: 1.340 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 7,1s
Top Speed: 250 km/h
Neupreis 1990: 109.400 D-Mark

Text: Jens Tanz
Fotos: Julian Morris / morrisviews-foto.de


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Über Jens Tanz

Das Leben ist zu kurz für kleine Autos und austauschbare Geschichten.
Steht auf: Deutsche Alltags-Oldtimer
Fokus: Rollende Klassiker und ihre Menschen
Leidenschaft: Ein gutes Glas Rotwein, Gitarre und die 70er

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