Cadillac Fleetwood 75 1962 – Luxus Lounge für fette Feten

Es gab Zeiten, da wurden Frischvermählte in weißen Kutschen mit glänzenden Schimmeln in die Flitterwochen geschickt. Viel cooler ist der 62er Cadillac Fleetwood, der mit Platz für acht Personen auch dem aufgerüschtesten Brautkleid einen stylischen Rahmen bietet

Die Sechziger Jahre waren nicht gerade arm an repräsentativen Limos. Frankreich hatte den DS, Italien den großen Lancia, die Genossen reisten im ZIL oder Tschaika, die Briten hatten die Wahl zwischen Rolls-Royce, Daimler und Vanden Plas. Und über allem leuchtete der Stern aus Stuttgart. Von all dem gänzlich unbeeindruckt warfen die Amis einen Zweieinhalbtonner in den Ring, eine Luxuskarosse erster Güte, die nicht nur mit gigantischen Ausmaßen, sondern mit allen Gimmicks aufwartete, die im vernünftigen Europa eher unüblich waren. Der Caddillac Fleetwood protzt mit elektrischen Fensterhebern. Automatischer Klimaregelung. Elektrischen Sitzen. Sitzheizung für alle. Zigarettenanzünder (ja, das war mal ein wichtiges Thema) für jeden Passagier. Holz, Leder und Edelpolster satt. Wer amerikanische Verschwendung liebt, ist hier richtig.

Westside.cars in Hamburg hat sich so einen Dinosaurier an Land gezogen. Und er fasziniert heute noch so wie vor einem halben Jahrhundert. Wer ganz um den Caddie Fleetwood Seventy-Five herumgehen möchte, muss zwischendurch eine Pause einlegen. Schließlich ist der Wagen zwei Meter breit und annähernd sechs Meter lang. Ist man endlich bei der Fahrertür angelangt stellt man zum einen fest, dass die sich behäbig wie bei einem Tresor öffnen lässt und zum anderen, dass am Volant nicht ganz so viel Luft ist wie auf den besseren Plätzen. Mag daher kommen, dass sich die oberen Zehntausend seinerzeit lieber chauffieren ließen als selbst zu fahren. Unverständlich.

Mit einem Dreh am Zündschlüssel wird der 6,4-Liter-V8 geweckt, 313 PS brabbeln sonor und gehen massiv unter die Haut. Ein Druck auf das tellergroße Gaspedal und der Koloss setzt sich in Bewegung, smooth, easy, souverän. Zumindest geradeaus. Verunzieren Löcher den Asphalt oder sucht man sich kurviges Geläuf aus, grollt der Caddie. Dann kommt das Klischee der Amischaukel zum Tragen, was angesichts von Abmessungen und Gewicht aber kaum verwundert. Aber geradeaus läuft´s, die Dreistufen-Automatik katapultiert den Brocken in schlanken elf Sekunden auf 100, bei 186 ist Schluss. Man sollte lediglich im Hinterkopf behalten, dass der 100-Liter-Tank endlich ist und bei dieser Gangart für knappe 300 Kilometer reicht. Reservekanister? Kann man zu Hause lassen, bringt ohnehin nur ein paar Meter.

So what, wer Caddie fährt, muss nicht schnell sein, die galaktische Fuhre sorgt auch so für ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Gesellschaft im Fond kann die Beine auch dann strecken, wenn die Notsitze in Fahrtrichtung aufgeklappt und belegt sind. Beliebtes Zubehör: die Trennscheibe, 1962 sind 904 Caddies mit und 696 ohne ausgeliefert worden. Man kann sie von den hinteren Sitzen hochfahren und den Fahrer damit außen vor lassen, ebenso das Radio und die Regelung der Innentemperatur, was die Kompetenzen klar verteilt. Einmal im Rollen, hört man auch fünfzig Jahre nach der Jungfernfahrt keine störenden Geräusche. Einmal Luxus, immer Luxus.

Cadillac vermarktete seine teuersten und bestausgestatteten Modelle seit 1946 unter der Bezeichnung Fleetwood, benannt nach einem Karosseriebauer, den sich General Motors 1925 einverleibt hatte. Die Series 75 stellte die Spitzenmodelle der Marke, hat einen längeren Radstand als die Series 61, 62 und 60 Special und bietet ein höheres Dach und damit mehr Kopffreiheit. Als Jörg Banzhaf von westside.cars den Dino an der Ostküste entdeckte, setzte er umgehend seine Jungs vor Ort darauf an. Dann ging alles ganz schnell: die technische Begutachtung verlief positiv, die Kaufabwicklung war für den versierten Hamburger Import- und Oldiespezialisten ein Heimspiel und wenige Wochen später rollte der rote Riese auf den Hof von westside.cars in Langenhorn. „Wir mussten nicht viel machen, der Wagen war in einem ausgezeichneten Zustand“, freut sich Jörg Banzhaf auch sechs Monate später noch über den Neuzugang, „natürlich haben wir ihn für die TÜV-Abnahme umgerüstet, neu gebuchst und hergerichtet. Aber komplett umbauen oder restaurieren mussten wir ihn nicht, sogar der Lack ist original und im Top-Zustand.“

Nun steht der Fullsize-Caddie auf der Homepage des Oldie-Enthusiasten. Doch eigentlich will er ihn gar nicht verkaufen, denn die VIP-Schaukel erfreut sich größter Beliebtheit als Mietfahrzeug. Ob Hochzeiten, Firmenjubiläen oder Film- und Fotoshootings: der Fleetwood ist einfach perfekt für den besonderen Tag im Leben. Ab 199 Euro ist man dabei, wahlweise mit Chauffeur. Endlich mal ungestraft dekadent sein ….

Cadillac Fleetwood
Baujahr: 1962
Motor: V8 16-Ventiler
Hubraum: 6.384 ccm
Leistung: 230 kW (313 PS)
Max. Drehm.: 583 Nm bei 3.100/min
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.650/2.047/1.501mm
Gewicht: 2.134 kg (leer)
Beschleunigung 0-100 km/h: 11 s
Top-Speed: 186 km/h

Fotos: Nico Meiringer


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