La Bestioni – Das Biest vom andern Stern

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Der Amerikaner Gary Wales baut aus alten US-Firetrucks halbneue Race-Monster. Wir haben uns seine jüngste Kreation, den gelben „La Bestioni“, etwas genauer angeschaut

Für die einen ist Gary Wales der personifizierte Untergang von automobilhistorischem Kulturgut, also der vermenschlichte Shiva, der Zerstörer. Für die anderen ist er ein Gott des Customizing, und somit einer der Kreativsten in der Menge der privaten Autobauer. Egal, wie man ihn auch sieht: Gary Wales ist mit Sicherheit ein ganz besonderer Typ.

Nicht umsonst haben die Verantwortlichen der Pebble Beach Car Week ihn mit seinem jüngsten Werk, das wie seine anderen auch „La Bestioni“ – also „das Biest“ – heißt, eingeladen. Er darf sein gelbes Sechsmetermonster auf dem geheiligten Rasen von „The Quail“ präsentieren, zwischen echten alten Aston Martin, genialen Porsche 356, Race-Vetten und Spykers neuestem Roadster. Und wahrscheinlich fragt nur der mitteleuropäische Durchschnittsbesucher mit offenem Mund: „Was’n das?“

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Sehr amerikanisch: Gary Wales mit seinem „La Bestioni“ bei „The Quail“ auf der Pebble Beach Car Week. Der Ex-Broker baut immer mal wieder Eigenkreationen auf uralte Chassis

Auf die Frage hat Gary Wales gewartet. Er schiebt sich die Sonnenbrille auf die Stirn und fängt an zu erzählen: „Das ist eine Feuerwehr von 1919. Nur ein bisschen anders. Der Leno findet das geil.“
Der „Leno“, das ist natürlich US-Talkstar Jay Leno, der eine Garage voller Exoten besitzt und bekanntlich auf riesige offene Zigarren mit Kettenantrieb steht.

In seiner Internet-Sendung „jaylenosgarage.com“ hat er Wales und seiner Rakete auf 40-Zoll-Rädern ganze 20 Minuten gewidmet, inklusive Testfahrt.

 

 

Tatsächlich nimmt Wales gerne mal ein tolles altes Auto (in diesem Falle ein American LaFrance-Feuerwehrwagen von 1919), befreit es von allem Alltagsballast und baut auf dem Rahmen irgendetwas Neues, Stilbrüche inklusive. Er lässt den Motor unberührt (hier ein 14 Liter großer Reihensechszylinder mit etwa 120 PS, gebaut mit drei Paaren von je zwei Zylindern, damit man nicht gleich den ganzen Motor ersetzen musste, wenn es Schäden an einem Block gab, 18 Zündkerzen und einem Drehmoment wie ein Dampfhammer), nutzt auch das originale Getriebe (eine Dreigang-Handschaltung) und die Kraftübertragung (durch Kette auf die Hinterräder), und dann beginnt die Kreativität. Er dengelt den Kühler neu, schraubt aus alten Bentley und Rolls-Royce irgendwelche Schalter ab, nutzt ehemaliges Interieur von Maharadscha-Karren, kreiert einen fiesen kleinen Teufel als Kühlerfigur und verkauft alles zusammen an Amerikaner, die sonst schon alles haben.

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Die Schalter und Instrumente sind garantiert alt und echt – aber aus vielen Autos zusammengesammelt

 

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Was nicht passt, wird passend gemacht – oder gleich nachgebaut. Auch die Karosserie ist selbst gedengelt

 

Es gibt übrigens bereits mehrere „La Bestioni“, und keiner sieht aus wie der andere. Allerdings gleichen sie sich: Die Basis ist fast immer ein alter Feuerwehrwagen, sie sind zweisitzig und riesig. Wales: „Sie sind eine Hommage an die Rennmonster von einst, wie zum Beispiel der Mercedes Blitzen-Benz oder der Fiat von 1910 mit seinem 28-Liter-Vierzylinder, dem ‚Biest von Turin’.“

Wales macht die Alu-Paneele für die Karosserie selber, lässt sechs Harley-Davidson-Vergaser den Motor füttern, bestückt das Monster mit Servo-Lenkung, Servo-Bremsen und einem Ford-Differential. Die Masse wird gebremst durch moderne, innenbelüftete Scheibenbremsen vorne. Die Seitenlichter stammen von einem 1915er Rolls-Royce Silver Ghost, im Cockpit prangt ein alter RR-Magneto-Schalter.

Wales weiß, wie man mit Umbauten Kohle machen kann. Der ehemalige Broker kam zunächst durch Zufall auf den Dreh mit alten Autos: „Bei meinem ersten Date mit einer wunderschönen jungen Frau habe ich zuviel getrunken und mein Auto gecrasht.

am1113_race_monster_14Als ich aus dem Krankenhaus kam, habe ich ihr gesagt, dass mein nächster Wagen ein besseres Handling haben muss. Sie sagte, sie wüsste da was, und zeigte mir einen Allard L Four Place Tourer mit Motor aus einer Feuerwehr, eine Granatelli-Hemi-Maschine. Ich verliebte mich in beide. Den Wagen behielt ich zehn Jahre lang, die Lady ist noch heute meine Frau.“

Bei dem Unfall muss noch etwas „click“ gemacht haben in Wales Hirn. Denn später begann er, mit Ferraris zu handeln. Und dann killte er einen: „Okay, ich habe meinen 1959er LWB California Spider mit Karosserie von Scaglietti einmal in einem Straßenrennen gegen eine 427-Corvette zu sehr gestresst – da sind mir die Ventile um die Ohren geflogen…“

Auf die Idee, Autos nicht zu restaurieren, sondern aus ihnen ganz persönliche Custom-Cars zu machen, kam Wales, als er einen Talbot Lago gegen einen 1947er Franay Bentley B 20 BH tauschte. Das seltene Stück gabs nur in Einzelstücken. Sofort engagierte er den Rolls-Royce-Mechaniker Roger Ford, dazu Kent Fuller, einen der besten Hot-Rod-Bauer, um gemeinsam mit ihnen den Wagen neu aufzubauen – allerdings nicht nach alten Plänen. „Ich hatte die Plattform und die Basis für eines der weltgrößten Showcars – und ich tat es…“

Der fertige, neue Franay gewann rund 50 Awards, RR und Bentley haben ihn voll anerkannt. 2006 wurde das Auto für stolze 1,728 Millionen Dollar versteigert, im Januar brachte das Auto bei Barrett-Jackson 2,75 Millionen Dollar.

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Was für eine Kette! Den mächtigen Kettenantrieb auf die Hinterräder hat Gary Wales nicht angerührt, die vorderen Bremsen allerdings sind neu: innenbelüftete Scheibenbremsen

 

Ganz so viel wird Gary Wales für den gelben „La Bestioni“ nicht erhalten. Vor ein paar Jahren kostete so ein „La Bestioni“ noch 167.400 Dollar, ein anderer später 225.000 Dollar, den Preis für die Gelbe Gefahr setzt Wales bei 360.000 Dollar fest.

Viel Geld für eine – wenn auch perfekt – zusammengebastelte Zigarre auf Rädern.

Technische Daten

La Bestioni
Baujahr: 1919/2012
Motor: Reihensechszylinder
Hubraum: 14.000 ccm (900 cui)
Leistung: 88 kW (120 PS)
Max. Drehmoment: k.A.
Getriebe: Dreigang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder (über Kette)
Länge/Breite/Höhe: 6.096/1.828/2.133 mm
Gewicht: k.A.
Beschleunigung 0-100 km/h: k.A.
Top-Speed: 160 km/h
Wert: 360.000 Dollar
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Weitere Werke von Wales: 1952er Rolls-Royce Silver Dawn Mallelieu, 1917er La Bestioni und 1947/8 Rolls-Royce Bentley dual cockpit 4 door Roadster

 

Fotos: Roland Löwisch

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