Plymouth Fury 1958 – Der Fury aus dem Film

Plymouth Fury von 1958

Ein alter Plymouth mit Flossen, ein weltberühmter Schriftsteller, eine Jugendsehnsucht – und fertig ist der ganz persönliche Film. Gerettet in die Gegenwart, bezahlt, gegruselt und gefahren. Dies ist die Geschichte von einem roten Monster in einem grünen Tal. Sogar mit Happy End

Klappe, die erste: Es sind gute Zeiten im Amerika der späten 50er Jahre. Rock ‘n‘ Roll sägt aus den Röhrenradios, und der American Way of Life eskaliert im Design der Automobile. Am 6. Februar 1958 rollt in den Chrysler-Werken in Evansville, Indiana, ein rot/weißes Plymouth Savoy Hardtop Coupé vom Band und wird in die Ausstellungsräume der Barker Implement and Motor Company in Lenox, Iowa, geliefert. Der in Deutschland geborene Adolph Beck, mit seinen 70 Jahren längst im Ruhestand, verliebt sich auf den ersten Blick und gönnt sich das relativ preiswerte Auto für seinen Lebensabend.

Ein Plymouth gilt als robust und arbeitsam, eine für Europäer nicht nachvollziehbare Form von Understatement der Chrysler Corporation im Schatten von Cadillac und General Motors. Beck fährt mit seinem Auto jeden Sonntag bei gutem Wetter raus an den See zum Angeln. Bei dem noch heute existenten Autohaus erinnert man sich noch gut an seine Angelruten und die Reusen, die immer aus dem heruntergelassenen hinteren Fenster hingen. Der Plymouth begleitet den alten Mann bis zu seinem Tod 1975. Die Witwe kann mit dem schon lange nicht mehr zeitgemäßen Saurier aus dem Pleistozän nichts anfangen und gibt ihn gegen einen Duster in Zahlung.

Adolph Beck, seine Fische und der Plymouth vor 40 Jahren…

Adolph Beck, seine Fische und der Plymouth vor 40 Jahren…

Stell dich nicht zwischen uns

Stell dich nicht zwischen uns

Wenige Jahre später schreibt der Bestsellerautor Stephen King den Horror-Roman “Christine”, in dem er einen rot-weißen Plymouth Fury von 1958 die Titelrolle spielen lässt. John Carpenter verfilmt die Romanvorlage 1983 und verschafft damit dem Auto einen unsterblichen Platz in den Köpfen der Fans. Die Parallelen lassen sich mit bunten Farben nachzeichnen: Im Film läuft das Auto mit herausstechender Sonderlackierung neben all den beigen “Normalkarossen” vom Band.

Adolph Beck? George Lebay? Nein, es ist nur Andy…

Adolph Beck? George Lebay? Nein, es ist nur Andy…

King lässt den Teenager Arnie Cunningham gegen den Willen seiner Eltern das völlig verwahrloste Fahrzeug in den frühen 80ern vom alten George Lebay kaufen (der erschreckende Ähnlichkeit mit Erstbesitzer Adolph Beck hat). Und damit beginnt der Horror: Plymouth “Christine” stellt sich zwischen Arnie und alle seine Peiniger und radiert diese in Eigenregie der Reihe nach aus. Der Gruselfilm, für den 20 Fahrzeuge über die Klinge springen mussten, weckt trotzdem Begehrlichkeiten und verschafft dem in Vergessenheit geratenen Auto aus den späten 50ern eine neue Fangemeinde. Dabei war es gar kein echter “Fury” da auf der Leinwand, denn das top ausgestattete und motorisierte Modell war schon 1983 schwer zu bekommen. Also mussten Fahrzeuge vom Typ “Belvedere” und “Savoy” herhalten. Die sahen fast genau so aus.

Plymouth Fury von 1958

Klappe, die zweite. Nicht originalitätstreu argumentiert auch Todd A. Timmerding, der unser Savoy Hardtop Coupé von George Lebay – nein, verzeihen Sie – von Adolph Becks Witwe ersteht. In den 90ern kann er mit Hilfe eines verunfallten “echten” Fury seinen Savoy fast ebenbildlich ausstatten: mit den “Hockey-Stick”-Zierleisten an den Seiten, dem originalen Interieur und den “Bumper Wings”, den krönenden Stoßstangenecken. Aus Arnie Cunningham (schüchterner Teenager) wird Andy Schmidt (Dipl. Ing aus Erkrath), als das neue Jahrtausend schon lange in Gange ist.

Auch Andy kennt den Film, auch Andy entwickelt daraufhin in jungen Jahren eine Vorliebe für Amis aus den 50ern. Und auch Andy hat irgendwann genug Geld zusammen, um im Internet nach einem 1958er Plymouth zu suchen und 2010 bei ebay über Christine zu stolpern. Er ist nicht ganz so besessen wie Arnie Cunningham, deshalb erbittet er fachkundige Hilfe von Wolfgang, denn das Zeitfenster der ebay-Auktion wird kleiner. Wolfgang rät jedoch zu Umsicht, denn man liest und hört (auch hier bei uns) ja die haarsträubendsten Geschichten von Blindkäufen in den USA. Und so endet die Auktion um das rassige, zweitürige Hardtop-Coupé zwar mit vielen Mails an den aktuellen Besitzer Scott, aber ohne ein Gebot von Andy.

Alles dokumentiert und belegt. Arnie, nein sorry ANDY hat alles richtig gemacht!

Alles dokumentiert und belegt. Arnie, nein sorry ANDY hat alles richtig gemacht!

Alles dokumentiert und belegt. Arnie, nein sorry ANDY hat alles richtig gemacht!

Jedoch: Der Höchstbietende kauft das Auto nicht. Ein oller Spaßbieter. Vielleicht hat Christine ihn auch nur einmal schräge angesehen – jedenfalls kneift er. Scott meldet sich bei Andy, und man beschließt, die Sache außerhalb des Onlineauktionshauses zu regeln. Der Gutachter von Carchex begutachtet, Wolfgang berät – und nach 52 Jahren auf amerikanischen Straßen verlässt der zum Fury “gepimpte” Plymouth sein Heimatland mit einem Schiff in Richtung Rotterdam. Andy erfüllt sich nervös einen Traum.

Auf diesem Sitz wird Schrottplatzbesitzer Will Darnell zerquetscht, Arnies Freundin erstickt fast. Muss ich nervös sein? Ja

Auf diesem Sitz wird Schrottplatzbesitzer Will Darnell zerquetscht, Arnies Freundin erstickt fast. Muss ich nervös sein? Ja

Armaturen und Schalter – alles heavy duty.

Die Uhr steht Kopf, warum ist nicht überliefert

Die Uhr steht Kopf, warum ist nicht überliefert

Klappe, die dritte. Böse wirkt das rote Auto nicht, was da aus dem Container herausrollt. Aber auch nicht gesund. Eine Leistungsmessung am Motor ergibt riefige und rostige Zylinderlaufbuchsen, zwei Risse im Block, eingeschlagene Ventilsitze und eine lose Steuerkette. Christine kann sich nicht wie im Film selbst heilen und braucht eine komplette Herzüberholung, was eine fünfstellige Summe verschlingt. Und sie trotz Andys Euphorie erst einmal monatelang lahmlegt.

Der Block wird gebohrt und gehont auf +0,03″. Neu kommen: Kolben, Pleuel, Nockenwelle, Ventile, bleifrei-Ventilsitze, Ventilführungen, Kipphebel und Wellen, Ölpumpe, Wasserpumpe, elektrische Benzinpumpe… Zur Krönung wird das Ergebnis noch Gold lackiert, wie beim original Fury-350cui-Motor “Golden Commando”. Verschiedene Scharmützel mit “Bob, dem Blechmeister” und einer eingestürzten Halle verzögern Christines Fertigstellung weiterhin, aber Andy gibt nicht auf. Er baut alles aus, was er mit nach Hause nehmen kann und legt selbst Hand an. Ölwanne, Ansaugbrücke, Abgaskrümmer, Kettengehäuse, Ventildeckel, Antriebswellen, Hinterachse… alles wird im Wohnzimmer vom Jahrzehnte alten Öldreck befreit und neu aufgearbeitet.

Nach Fertigstellung des Motors wird auch das Zweistufen-Getriebe plus Wandler in einer Spezialwerkstatt aufgearbeitet, zwei neue verchromte Stoßstangen geordert, die Felgen gestrahlt und pulverbeschichtet und eine neue Inneneinrichtung sowie neue Weißwandreifen bestellt. Im Mai 2012 erwacht das Fahrzeug erstmals seit der Überführung wieder zu neuem Leben – und besteht den Soundcheck auf Anhieb. Christines Herz schlägt und schlägt und schlägt.

Das Wertgutachten weist eine echte 2+ auf, und getrübt wird Andys Freude nur vom Prüfer, der das H-Kennzeichen abnehmen soll. Nach all der perfekten Arbeit scheitert der Plymouth an einem kleinen Riss im Fahrersitz, ein paar Bläschen an den Schwellern und einer “unzureichenden” Lackierung der unteren Aufbauflächen. Im Film hätte sich Christine in der kommenden Nacht aus der Garage geschlichen und den Prüfer brennend und fauchend vor seinem Haus überrollt.

In der realen Welt flickt Andy den Riss im Sitz notdürftig (die neuen Bezüge sind noch unterwegs) und fährt kurzerhand zu einer anderen Prüfstelle, wo das Kennzeichen mangelfrei erteilt wird. Vielleicht hat Andys Geduld dem ersten Prüfer das Leben gerettet.

Plymouth Fury von 1958

Kraft, wohin das nervöse Auge blickt. Der V8 "Golden Commando" wurde tatsächlich so gebaut!

Kraft, wohin das nervöse Auge blickt. Der V8 “Golden Commando” wurde tatsächlich so gebaut!

Foto: Thomas Bolewski-Wagner

Foto: Thomas Bolewski-Wagner

Klappe, die vierte. Christine ist relativ gut gelaunt, obwohl es regnet. Sie steht ruhig, fast ein bisschen lauernd in ihrer klimatisierten Halle und lässt sich geduldig fotografieren. Nach ein paar Minuten gehen ihre so fotogenen Lichter unvermutet aus… Verwundert spricht Arnie – sorry, Andy spricht selbstredend – mit dem Auto, nimmt das Batterie-Hauptkabel ab und verschraubt es neu. Und alles leuchtet wieder. Er versichert mir, dass Christine mit mir kein Problem habe, ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Sehr witzig – im Kofferraum liegt Chucky, die Mörderpuppe.

Der Mann hat Humor. Meine eigene Nervosität verwundert mich selbst ein bisschen, denn wie so viele andere stehe auch ich hier ebenfalls vor dem Auto meiner Teenagerzeit. Vor dem Auto, das auch mich mit dem Virus der alten Amis infiziert hat. Kombiniert mit der Verehrung für die triviale Prosa des Herrn King fühlt es sich an wie bei der Gegenüberstellung mit dem leibhaftigen Teufel in einer Promi-Show. Die Nackenhaare stellen sich auf, als der 5,2-Liter-V8 brüllend zum Leben erwacht und die Halle mit Donner und wundervollem Abgas füllt. Christine fährt an mir vorbei und fährt an mir vorbei und vorbei.

Die Wuchtigkeit, die fast schon erotischen Linien eskalieren in diesen kraftvollen, fleischigen Heckflossen, rollen mürrisch in die reale Welt da draußen. Andy kurbelt am klein übersetzten, nicht servounterstützten Riesenlenkrad wie ein Ritter, der eine Zugbrücke zur schützenden Burg hochzieht. Gekonnt zirkelt er die hier permanent deplatziert wirkende amerikanische Farbpfütze über die dunklen, schmalen Asphaltstraßen tief in das sagenumwobene Neandertal bei Dortmund, wo der bärtige Vorfahre der Menschheit entdeckt wurde.

Es stirbt sich großartig im dunklen Neandertal, wir halten aber nicht an und bleiben am Leben Es stirbt sich großartig im dunklen Neandertal, wir halten aber nicht an und bleiben am Leben

Es stirbt sich großartig im dunklen Neandertal, wir halten aber nicht an und bleiben am Leben

Plymouth Fury von 1958
Plymouth Fury von 1958 Plymouth Fury von 1958

Der Motor knurrt gesund und beherrschbar, das zweistufige PowerFlite mit den Wahltasten am Armaturenbrett schaltet weich und sauber. Irgendwie ist das trotzdem alles unheimlich. Liegt das nun an dem Film, liegt es an dem Auto oder womöglich an der düsteren, stark bewaldeten Gegend? Andy schaltet das Radio ein, und aus einem versteckten MP3-Player tönt “Bad tot he Bone” von George Thorogood and the Destroyers – der Soundtrack des Films. Andy hat wirklich Humor.

Der Blick zurück geht über die mehrfarbigen Polster entlang der flachen Dachlinie ohne B-Säule über den Kofferraum bis zu den Flossen irgendwo da ganz weit hinter uns. Aus dem Augenwinkel sind dort tief im Grün der Bäume Stoßstangen und Lampen zu erkennen. Ist hier ein Autofriedhof? Stirbt hier noch mehr als nur ein Mensch, der 100.000 Jahre später gefunden wurde?

Plymouth Fury von 1958

“Zeig s mir, Christine…”

Fühlen wir uns von diesen Augen beobachtet? Oder sind es nur wunderbare Stilelemente? Fühlen wir uns von diesen Augen beobachtet? Oder sind es nur wunderbare Stilelemente?

Fühlen wir uns von diesen Augen beobachtet? Oder sind es nur wunderbare Stilelemente?

Träge, fast provozierend wischen die Scheibenwischer die Regentropfen von der gebogenen Panoramascheibe und lassen die Konturen der wenigen Menschen am Straßenrand erkennen, die uns ungläubig hinterherblicken. Wir fahren Christine.

All die Namen und Geschichten, die fiktiven und realen Menschen und die immer wieder unglaubliche Erscheinung eines amerikanischen Autos aus den späten 50er Jahren vereinen sich in diesem Moment zu einem kribbeligen, nicht erklärbaren Gefühl. Während das Auto tickend abkühlt und der Regen auf der heißen Motorhaube zischend abperlt, schlage ich ein Kapitel in meinem eigenen Buch zu und mache einen Haken.

Andy versichert noch einmal, dass Christine sich nur an denen rächt, die sich zwischen ihn und sie stellen. Das habe ich nicht vor. Im Gegenteil. Er ist in Gedanken mit dem Plymouth Fury gerade vermutlich schon auf dem Weg zum nächsten US-Car-Treffen, während dieses gewaltige Auto in meinem Rückspiegel langsam kleiner wird. Irgendwie flößt es mehr als nur Respekt ein. Irgendwas ist da. Da sind doch gerade noch einmal kurz die Scheinwerfer angegangen…

TECHNISCHE DATEN

Plymouth Fury
Baujahr: 1958
Motor: Chrysler Dual Fury V-800 (Poly)
Hubraum: 5,2 Liter
Leistung: 290 SAE PS bei 4.000/min
Gemischaufbereitung: 2 Vierfach Vergaser Edelbrock Performer 1.403/1.404
Getriebe: PowerFlite 2-Gang Automatik
Antrieb: starre Hinterachse mit Halbelliptik Blattfedern
Bereifung: 7,50-14
Länge: 5.197 mm, Breite: 2.015 mm, Höhe: 1.478 mm
Gewicht: 1.580 kg
Wendekreis: 12,90 m
Verbrauch: ca. 18 Liter

Fotos: Jens Tanz

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