Dodge Coronet 1959 – Die Krone der 50er


Also späte 50er. Die Einschläge kamen näher, als Bettina in Pullman City im Harz ein Buick LeSabre fast über die Füße fuhr. Gewaltig groß, viel Chrom und extrem schräge Heckflossen. Warum nicht einen LeSabre? Wenn es schon ein altes Auto sein soll, dann kann es doch auch in die Extreme der späten amerikanischen 50er passen. SL 190 kann ja jeder.

Der erste Flossentermin fand in Dänemark statt, wo ein LeSabre angeboten wurde. Diese kleine Reise war allerdings komplette Benzinverschwendung, denn der Wagen war gerade noch rollfähiger und überteuerter Kernschrott. Aber das Schicksal hatte sich schon ganz gut eingeschossen: Bei einem US-Car-Treffen auf Schloss Winsen-Luhe stand ein prachtvoller Dodge Coronet und wurde ein Volltreffer. Die Druds waren sich einig – so einer soll es werden.

Der Coronet der Chrysler-Tochter Dodge wurde schon mit dieser Bezeichnung seit 1949 angeboten. Er war das Spitzenmodell der Marke nach dem 2. Weltkrieg und schnorchelte zunächst mit einem seitengesteuerten Reihensechser.   Ab 1953 war der Coronet dann eines der ersten amerikanischen Fahrzeuge, die optional den „Red Ram“-V8 eingebaut bekamen – mit seinen halbkugelförmigen Brennräumen war er bereits das, was man später als „HEMI“ bezeichnete und was bei Chrysler als „High Performance Motoren“ noch heute angeboten wird.
Bis 1959 entwickelte Dodge den Coronet mit klassischen Aufbauten weiter. Es gab ihn als zwei- oder viertürige Limousine, als zwei- oder viertüriges Hardtop Coupé (ohne B-Säule) und als viertürigen Kombi (seltener sind heute nur noch aus Seen gefischte Bugatti). Wer es dezent wollte nahm den 3,7-Liter-Sechszylinder, alle anderen griffen zum auf 5,3 Liter angewachsenen „Red Ram“-V8. Weniger sollte es auch nicht sein, Benzin war billig und das mehr als fünf Meter lange und fast zwei Tonnen schwere Stahlungetüm musste ja irgendwie vorwärts kommen.

Accessoires und Kleidchen: Hier stimmt einfach alles


Der 59er Coronet basiert auf seinem Vorgänger von 1957, ist aber länger, breiter und flacher. Die Bumper, der Grill und die Heckflossen wirkten damals auf die Presse so, als wären sie von den Designern 1:1 vom Vormodell übernommen worden – aber extrem vergrößert.  Der Wagen stand in seinen wuchtigen, gedrungenen Ausmaßen fast wie eine überzeichnete Karikatur des Vorgängers da, nicht mal der legendäre 59er Cadillac schlepp­­te so viel Chrom über die Highways wie der Coronet. Trotzdem rangierte diese landgebundene Yacht nur im mittleren Preissegment, was lediglich vier Prozent der Käufer dazu animierte, eine Klimaanlage für 468 Dollar zu ordern. Die konnte man ja nicht sehen. Die meist gekauften Optionen waren die Servolenkung (92 Dollar), fast schon lebenswichtige Servobremsen (42 Dollar) und die Zweifarbenlackierung (18 Dollar). Erst ab 1965 gab es wieder Coronet, die sich allerdings komplett von diesen ersten Sauriern unterschieden und als Mid-Size auf der Muscle-Car-Welle mitschwammen.

Vorwahltasten für die Automatik. Schalten muss hier niemand mehr

Elvis wackelt, stilsicher und cool. A whop-bap-a-lula

Panoramaglas-Windschutzscheibe, verschwenderische Heckflossen über Raketenrückleuchten,zweifarbiger Lack, der vorne und hinten von so wuchtigen Chromstoßstangen flankiert wurde, dass der Wagen eine sehr bodengebundene Schwere bekam. Bettina und Michael machen sich an Bettinas Geburtstag im September 2013 auf den Weg zu einem Händler nach Holland.   Der dort angebotene Coronet (die „Krone“) war kerngesund und komplett. Er stand so cool da, dass er den Druds gar keine Chance ließ, es sich noch einmal zu überlegen. Allein der Seitenspiegel wiegt mehr als ein Motorroller, und die Chromleisten über den Doppelscheinwerfern ziehen sich so elegant zur Mitte des Kühlergrills herunter, dass der Wagen einen böse anzugucken scheint – wie im Comic die heruntergezogenen Augenbrauen. Die beiden tauften den Schlitten „Grandma“ und holten ihn drei Wochen später mit einem Trailer ab. Das einzige Manko an dem Dodge waren die vorderen Trommelbremsen, die sich nicht mehr aufarbeiten lassen wollten. Also wurde der „4 Door Sedan“ auf Scheibenbremsen und ein Zweikreissystem umgerüstet, damit fühlen sich die Druds im heutigen Straßenverkehr auch ein wenig wohler.

Türen wie in einem Diner oder einer Bar

Pfeil nach vorn, Blick nach hinten: Spiegelkunst

Die Werbung übertreibt diesmal nur ein kleines bisschen….

Lagerhalle mit Deckel im Kleinwagenformat

Zwischen Candy Shop und Milchbar

Wenn wenigstens vorn Scheiben zupacken, muss man bei Geschwindigkeiten jenseits der 100 km/h nicht immer einen Anker mitführen. Mit diesem ansonsten unrestaurierten Originalzustand waren die deutsche Zulassung und das H-Kennzeichen nur noch ein Augenzwinkern, ganz ohne bösen Blick.
Die einen begeistern sich für Schmetterlinge, die anderen sammeln Silberlöffel – die Druds stehen eben auf Chrom und Heckflossen. Das tun sie mit Leib und Seele. Michael sitzt entspannt in seiner Highschool-Jacke am Steuer, während Bettina in ihrem blauen Kleid mit den türkisen Punkten (fast wie der Dodge…) auch direkt aus einem Hollywood-Film der 50er kommen könnte. Stilvoll.

Wir mögen uns gar nicht so recht auf den Rücksitz hocken, denn da sitzen schon ein paar verspielte Accessoires aus der Zeit. Zwei schicke Handtäschchen, ebenfalls in diesem wundervollen Türkis, und ein farblich abgestimmtes Kofferradio. Sogar die Sitzbänke sind zweifarbig und in einem schicken Muster gesteppt, Omas Sofa könnte nicht gemütlicher sein.  Alles andere besteht auch hier drin aus Platz, lackiertem Metall und Chrom. Allein das Cockpit mit seinen drei Rundinstrumenten und dem quer darüber platzierten Breitbandtacho (bis 120 Meilen) funkelt so verwirrend, dass erst auf den zweiten Blick der ebenso glänzende große Hupring auf dem riesigen dünnen Lenkrad ins Auge fällt. Heutige Hersteller gießen allein aus diesem Stück Metall eine komplette Felge…
Michael Drud legt die Fahrstufe per Knopfdruck am Dashboard ein, der Saurier setzt sich bullernd in Bewegung. Kaum zu glauben, dass es Maschinen gibt, die so etwas bewegen können, zudem noch bei Bedarf bis an Geschwindigkeiten von fast 180 Stundenkilometern heran. Wir cruisen in einem Relikt aus den Milchbar-Zeiten und den Chrom-Diners, während draußen der Frühling des Jahres 2015 an uns vorbeizieht. Es lässt sich definitiv nicht verhindern, dass Passanten – na, Sie wissen schon… Sobald der Dodge irgendwo stehen bleibt, und sei es nur an einer Ampel, werden die Smartphones gezückt.
So einen Schlitten aus den 50ern zu fahren macht nicht nur einen selbst, sondern auch eine Menge unbeteiligter Menschen am Straßenrand unkompliziert glücklich. Und sind wir doch mal ehrlich – das Leben ist doch schon ernst genug. Oder?

TECHNISCHE DATEN

Dodge Coronet 4-door Sedan
Baujahr: 1959
Motor: V8
Hubraum: 5.241 cm3 (326 cui)
Leistung: 190 kW (258 PS)
Max. Drehmoment: 475 Nm
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.522/2.032/1.440 mm
Gewicht: 1.720 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 10,2 s
Top-Speed: 180 km/h
Wert: ca. 19.000 Euro

Text und Fotos: Jens Tanz