Dunsfold Collection – Reise ins Zentrum des Land Rover Universums

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Alle zwei Jahre zeigt Philip Bashall seine Autos – die „Dunsfold Collection“ gilt als die größte Land Rover-Sammlung der 
Welt. Wir durften mit fünf seiner seltenen Prototypen über den angrenzenden Acker hoppeln – alles seeeeehr englisch…

Zugegeben – es fällt ein bisschen schwer, sich vorzustellen, die Queen höchstpersönlich auf der Ladefläche herumzukutschieren. Der Acker, auf dem wir kurven, ist so bucklig wie altgediente Butler im Buckingham Palast und voller Kuhfladen in der Konsistenz von Black Pie. Das Auto quietscht und klappert wie die Gelenke des Dukes of Edinburgh. Der Fahrersitz zwingt den Chauffeur in die Position eines Bittstellers im London Tower, und die Federung ist so hart wie die Spielweise des englischen Fußballs. Und trotzdem ist es eine Ehre, dieses Auto bewegen zu dürfen.

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Königlicher Ritt ohne Queen: Testfahrt im „Ceremonial and Parade Vehicle“ auf dem Dunsfold-Acker

Denn es ist ein ganz spezieller Prototyp: ein „Series I 88’’ Ceremonial and Parade Vehicle“, 1968 gebaut für die Britische Rheinarmee und von ihr selbst zum „VIP- und VIP-Begleitwagen“ umgebaut. dunsfold-collection-056 Dazu sägten die technisch versierten Soldaten ein bisschen an der Karosserie herum, bedienten sich in Sachen Radkappen und Spiegel beim VW Käfer, legten einen Teppich in die Ladefläche und fertig war das „Queenomobil“. Nach rund 4.000 gelaufenen Kilometern kam das Auto zurück nach Großbritannien, und jetzt fristet es sein Gnadenbrot am besten Ort, den es sich vorstellen kann: in der Dunsfold Collection.

Die gehört heute Philip Bashall (55) und gilt als größte Land Rover-Sammlung weltweit mit 123 Autos, davon neun Series I, sieben Series II, sechs Series III, zehn Defender 90 und 110, 35 Range Rover, zehn Discovery, acht Freelander, 28 Militärautos und neun Concept Cars. Die sammelt Bashall alle zwei Jahre zusammen (siehe Interview rechte Seite) und zeigt sie auf dem Springbok Estate im Ort Dunsfold, Surrey, in unmittelbarer Nachbarschaft des Dunsfold Aerodrome, wo die Petrolheads von Top Gear ihre wilden Tests fuhren. Gut 5.000 Land Rover-Infizierte kommen dann mit ihren eigenen oftmals sehr seltenen Land Rovern und campen, was das Clubleben hergibt.

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„Ich würde gerne ein Museum aufbauen“ TRÄUME WAGEN sprach mit dem Dunsfold Collection-Eigner Philip Bashall über die Zukunft der Sammlung, die Suche nach weiteren Exponaten und seine persönlichen Präferenzen

Die Sammlung besteht aus 123 Land Rover – wo bewahren Sie die auf?

Philip Bashall: Die Autos stehen hier in Dunsfold verteilt in einem Umkreis von rund zehn Kilometern – in Hallen, Scheunen, Garagen. Ich hoffe, irgendwann ein Museum daraus machen zu können. Für die Ausstellung müssen wir die meisten Wagen auf Trailern hierher bringen, weil zum Beispiel die Prototypen nicht auf öffentlichen Straßen fahren dürfen. Allerdings kommen auch einige auf eigener Achse mit einer Händlerzulassung.

Das heißt, alle Autos sind fahrbar?

Bashall: Die meisten haben alle selber ihre Position hier auf dem Acker bezogen. 50 bis 60 Prozent aller Autos wären sogar fähig, sofort eine große Testfahrt zu bestehen. Ein paar unfahrbare Showcars sind allerdings auch dabei.

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Einer von vielen: abgerockter Busch-Landy

Suchen Sie für den Ausbau der Sammlung gezielt nach bestimmten Autos?

Bashall: Dafür habe ich keine Zeit. Aber ich schaue generell, was auf dem Markt ist. Besonders wichtig sind für mich seltene Prototypen, Sondereditionen, Launch Cars. Wenn es etwas zu retten gibt, versuche ich das natürlich – es kommt allerdings auf den Preis an. Im vergangenen Jahr habe ich mich besonders um Range Rover-Jubiläumsmodelle gekümmert.

Und was weckt in diesem Jahr Ihr Interesse?

Bashall: Etwa zehn Jahre alte Modelle. Einen Freelander habe ich vor kurzem für 250 Pfund gekauft – mit kaputter Maschine. Aber es ist eine Limited Edition zu 50 Jahre Land Rover. Wir haben den Motor repariert, jetzt ist das Auto 25.000 Pfund wert. Dann kam ein Linley-Range Rover herein – nur sechs dieser von dem Neffen der Queen, Sir David Linley mitgestalteten, ganz in schwarz gehaltenen Range Rover wurden gebaut, nur vier haben überlebt. Das war mal der teuerste Land Rover ever mit einem Kaufpreis von mehr als 100.000 Pfund.

Verkaufen Sie auch Autos?

Bashall: Nicht aus der Sammlung. Aber ich habe ja noch ein Geschäft namens Dunsfold DLR, da restaurieren wir besondere Land Rover auf Kundenauftrag. Seit 1968 verkaufen wir auch Ersatzteile in alle Welt – teilweise sind die 50 Jahre alt, aber in perfektem Zustand. Series I und II sind unsere Spezialität, dann kostet so ein restauriertes Auto auch schnell mal 55.000 Pfund. Aber wenn der Name „Dunsfold“ auf einer Restaurierung steht, kann der Kunde sicher sein, dass er sein Geld bei einem späteren Verkauf des Autos auch wieder herein bekommt.

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Minerva-Reste 
(oben), Prototyp für einen modernen Landwirthelfer-Landy

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Nicht alle Landys sind edel, aber alle sind großartige Helfer –

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wie der Kabelleger-Landy hier

Wenn Sie sich entscheiden müssten – welches Auto aus der Sammlung ist Ihr Favorit?

Bashall: Da gibt es zwei. Eines ist der grüne 100-inch Pick-up für das Schweizer Militär. Das Auto ist nicht zu lang und nicht zu kurz und mit dem V8 bestens motorisiert – der perfekte Land Rover. Das andere ist ein Unikat: der Amphibien-Land Rover aus Aluminium. Auf dessen Kotflügel saß ich bereits als Achtjähriger und habe damals zu meinem Vater gesagt: „Den will ich haben.“ Es hat zwar 40 Jahre gedauert, aber es hat geklappt.

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Einzelstück (oben): Voll funktionierender Amphibien-Landy – eines der Liebslingsstücke des Collection-Besitzers Bashall

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Neu und alt sowie ungewöhnlich, Hauptsache Land Rover: Alle zwei Jahre eine Show des Erfindungsreichtums

Ein erster Blick auf die je 
nach Modell chronologisch 
aufgereihten Autos lässt schon mal unsere Kinnlade abklappen. Ist das älteste Modell (der allererste Prototyp des Land Rover mit mittig platzierter Lenkung) noch eine Nachbildung aus dem Jahr 2005, folgen dann sehr frühe Serienautos wie der Series I mit der Zulassung KBP747 vom Oktober 1948. Der Erstbesitzer fuhr 32.000 Meilen damit, das Auto wurde mit seinem Tod 1962 weggestellt und erst 1988 wieder entdeckt. Kurios das gelbe Auto des „Bertram Mills Circus“: Am (unechten) Steuer saß ein echter Elefant – der wirkliche Fahrer aber war versteckt in einer Holzbox am Ende des Landys. VAC265 ist ein Motorentestträger für den neuen 2,25-Liter-Rover-Motor, das feuerrote Spielmobil ist eine Feuerwehr aus dem Jahr 1956.

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Zur Sammlung gehört auch einer von nur neunzehn gebauten und zwei noch bekannten Series 188 SAS Vehicle von 1957. Dieses Exemplar wurde als Film- und Theaterauto eingesetzt. Was der Dunsfold Collection nicht gehört, ist eines der noch existierenden Prototypen aus einer Serie von 43 Stück. Insgesamt 20 gibt es noch (nicht zuletzt deshalb, weil die Rahmen feuerverzinkt wurden), immerhin 17 davon hat Bashall in diesem Jahr unter einem Zelt versammeln können.

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Zelt der Ur-Landys: 17 Stück auf einen Streich hat Bashall zusammenrufen können

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Einst ein Zirkusgefährt: Auf dem Holz saß ein echter Elefant, der Pilot des Autos kauerte in der Box dahinter

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Auch martialisches Militär-Gerät gehört zur Sammlung

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Dieser Prototyp wurde lange mit diversen Karosserien bestückt

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Voll Schizo-Disco: Zwitter aus Camel-Trophy-Discovery und Zivilvariante

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Bitte einsteigen: Phalanx von testbaren Dunsfold-Ausstellungsstücken

Natürlich mit dabei: HUE166 – der berühmte allererste Vorserien-Landy, das Messemodell für die Weltpremiere des Autos am 30.4.1948 auf der Amsterdamer Motor Show. Jetzt wird es wieder Zeit, ein Auto zu fahren – und zwar ein babyblaues Series II-Exemplar. Der 88’’ ist ein ganz spezielles Auto: Unter der Haube arbeitet ein Buick-V8 – der Motor, der zum Beispiel auch in Rover eingebaut wurde. Der Land Rover aus dem Jahr 1967 war ein Motoren-Tester, bevor die Maschine in den damals nagelneuen Range Rover eingebaut werden sollte. Nach dem Test arbeitete das mit größeren Bremsen ausgestattete Auto lange als Schlepper auf dem Land Rover-Testtrack in Gaydon. Noch heute geht das unscheinbare Auto ab wie die Corgies der Queen bei Gewitter… Der nächste Testwagen ist ein seltenes 100-inch-Exemplar, das einst die Schweizer Armee bestellte und fuhr – eines von Bashalls Lieblingsautos.  Dann steht noch ein Beige-farbener 110er von 1980 zur Verfügung: Ein Prototyp von insgesamt 25 Stück, nur vier existieren noch. Dieser hier wurde mit diversen Karosserien bestückt. Im November 1983 wurde das Auto ausgemustert und zerlegt, bis es 2005 zur Dunsfold Collection kam und eine Vollrestaurierung genoss.

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Der letzte, für uns fahrbare Landy ist ein fetter roter Defender aus dem Jahr 1995, bestückt mit einem Vierliter-V8 und Automatik, vermutlich ein Getriebe-Testträger, der später auch für andere Tests herhalten musste. Das originale Dach ist weggerottet, weil das Auto lange draußen stand – Dunsfold hat es nun mit einem Surrey-Top bestückt. Die Dunsfold Collection geht übrigens zurück auf den Land Rover-Besitzer und -Enthusiasten Brian Bashell, den Vater von Phillip. 1968 begann 
er mit einem 109-inch APGP-Militärauto aus dem Jahr 
1962 und spezialisierte sich schnell auf seltene Prototypen und Pre-Production-Cars, als „Dunsfold Collection of Land Rovers“ gibt es die Sammlung seit 1993. Unterstützt von Jaguar Land Rover und dem British Motor Industry Heritage Trust wuchs sie ständig. 2014 wurde die Sammlung übergeführt in einen Trust, dem neben Philip Bashell die Enthusiasten und Kenner Richard Beddall und Gary Pusey vorstehen.

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Panzer-Landy und Gäste-Landy: Manche der Besucherautos sind ähnlich skurril wie die Austellungsstücke

Neben den 1:1-Autos gehören zur Sammlung noch mehr als 2.000 Modellautos sowie unzählige Original-Zeichnungen, Marketingmaterial, Handbücher und mehr.
Noch einmal streifen wir durch die exakt aufgereihten, unglaublichen Autos, darunter ein 58er-Series II mit Transportband, ein fetter Forest Rover als Umbau von Roadless Traction of Hounslow und der skurrile Forward Control, das erste Produktionsauto der Mini-Truck-Serie von 1966. Pre-Productions Cars der Serie 111 mit langem Radstand, ein 72er Landy als vergitterter Kabelleger. Defender der Fiennes-Expedition von 1998 und einer von drei originalen Filmautos aus dem Lara-Croft-Tomb-Raider-Film begeistern genauso wie die vielen Range Rover, darunter der älteste Überlebende mit der Karosserienummer 100/6 – damals stand auf dem Prototypen als Modellname noch „Velar“. Zwei von Carmichael mit einer zusätzlichen Achse ausgerüstete Range Rover waren für die Schweizer Bundesbahnen und eine Firma im mittleren Osten bestimmt.

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Daneben parken der berühmte „Beaver Bullet“ (der Range Rover, der alle bisherigen Tempo-Rekorde für 4×4-Diesel brach), diverse Range Rover Sport-Prototypen, der 89er Discovery 1 Press-Launch-Car mit amphibischen Fähigkeiten, der „Schizo-Disco“ von 1994, der auf der einen Seite einen Camel-Trophy-Wagen simuliert und auf der anderen einen Straßen-Discovery, ein Freelander-Chassis mit der Karosserie eines Maestro Vans von 1994 und, und, und – too much to list… Es wird später Nachmittag, es wird dunkel, und es fängt an, sehr englisch wie aus Eimern zu regnen. Das einzige Auto, dass Bashall unter ein schützendes Zelt fährt, ist der Queen-Pick-up. Hat er keine Sorge um die anderen , teilweise sehr offenen Autos? Bashall: „Warum sollte ich? Der Regen wäscht doch nur den Staub ab…

” ich liebe diese Briten…”

Fotos: Roland Löwisch, 
Land Rover

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