Isdera Spyder 036i – Ein Spyder für die Ewigkeit


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Isdera Spyder 036i, 142.000 Kilometer, erste Hand – nein, nicht zu verkaufen, sondern der einzige von nur 17 jemals gebauten, der noch bei seinem Erstbesitzer ist. Das bleibt auch so: Heino Rimek wird sich nie von dem seltenen Exoten trennen. Dazu liebt er ihn viel zu sehr. Und die Aufmerksamkeit, für die er sorgt

Manchmal parkt er in der Hamburger Innenstadt, und wenn er dann zu seinem Auto zurückkommt, gesellt er sich zu den vielen Autofans, die das gute Stück belagern. Die fachsimpeln, er fachsimpelt mit. Dann greift er von innen an den Türöffner und ruft erstaunt: „Oh, der ist ja offen.“ Manche Passanten verstummen ob so viel Dreistigkeit, anderen entfährt so was Schlaues wie „Oha“ oder „Ups“. Dann setzt sich der Mann ins Auto, ruft: „Da steckt ja sogar der Schlüssel!“, dreht ihn um und startet den Sechszylinder. Nein, das könne er nun aber wirklich nicht machen, zetern die Hundertprozentigen – aber er kann es machen. Denn es ist sein Auto.

Die Geschichte von Heino Rimek und seinem Isdera Spyder 036i ist so eine, die nur das Leben schreiben kann. Rimek, 59 Jahre alt, macht sich Ende der 90er Jahre gerade selbstständig, als ein Freund ihm den Tausendsassa Eberhard Schulz als neuen Geschäftsfreund vorschlägt. Man könne doch, und überhaupt, und außerdem baue der Schulz tolle Autos. Er selbst habe bereits einen Isdera Imperator und sei hochzufrieden damit.

Rimek fühlt sich schlicht überrumpelt, ist aber auch von Schulz und seiner Firma beeindruckt. Der Ingenieur baut hier in Böblingen in seiner Firma „Ingenieurbüro für Styling, Design und Racing“ seit 1983 seine eigenen Autokreationen, allesamt auf Mercedes-Basis (siehe Interview). Das erste Modell ist – nach dem „Ur-Auto“ Erator GTE aus dem Jahr 1969 – der Isdera Spyder. Völlig puristisch, aber mit Serienteilen. Komm, Eberhard, bau dem Heino doch mal einen 036i. Das ist ein absoluter Hingucker mit dem Motor aus dem Mercedes 300 E, was 188 PS bedeutet, den Sprint auf 100 km/h in 6,4 Sekunden und eine Top-Speed von 242 km/h.

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Scharfe Kanten, nach vorne und oben öffnende Türen, typische Mercedes-Rückleuchten: Der Isdera Spyder ist der wohl heisseste Benz auf der Welt

 

Und Eberhard baut. Erst als Rimek die erste Rechnung über einen Viertel des Kaufpreises von insgesamt 234.600 D-Mark (inklusive Extras wie speziell konstruierte Pedale und Sitzmaße – wegen der außergewöhnlichen Größe von Rimek, der zum Beispiel Schuhgröße 48 hat) bekommt, merkt er, was da für ein Deal läuft. Er hat keinen Kaufvertrag unterschrieben, eigentlich hat er nur nicht „nein“ gesagt. Leider kann er den Wagen nicht über die Bank finanzieren, denn es gibt ihn ja noch nicht. Nicht mal einen Fahrzeugbrief.

Monatliche Leasingrate: 7000 Mark

Dann kommt irgendwann die Rechnung Nummer zwei. Leider läuft es mit der Selbstständigkeit nicht so gut, wie sich Rimek das anfangs ausgerechnet hat. „Aber der Stolz verbot es mir, vom Kauf zurückzutreten,“ erinnert sich Rimek heute. Nein, er will es schaffen, diesen Traumwagen zu besitzen. Erst ab der dritten Rate kann er mit der Bank handeln, auch wenn die monatliche Leasingrate 7000 Mark beträgt und er den Vertrag von drei auf fünf Jahre verlängern muss.

Das ist alles lange her, und noch heute freut sich Rimek an dem außergewöhnlichen Fahrzeug. Nur 17 Stück mit verschiedenen Motoren hat Schulz gebaut, seines ist das einzige in erster Hand. Die meisten Teile spendierte Mercedes, die Rundinstrumente stammen von Porsche.

Schlauch durchs Auto – für das Regenwasser

Aber, was fasziniert denn so an dem Wagen? Platz bietet er nicht viel. Der Fahrer hat sogar zwischen den Füßen die Lenksäule, was sehr gewöhnungsbedürftig ist. Vielleicht ist es seine asymmetrische Form. Seine Flügeltüren, deren Scharniere vorne unter dem Windabweiser angebracht sind. Sein wohl einmaliger Regenschutz: Fahrer und Beifahrer können, während sie im Auto sitzen, die Persenning mit Reißverschlüssen am Inneren des Wagenrandes befestigen und stecken, ebenfalls dank Reißverschlüssen – den Kopf samt dann nötigen Helm durch eine Aussparung. Dann sehen die Piloten aus, als würde jeder in einer Einmannsauna sitzen. Nur die Instrumente, die auf der Mittelkonsole thronen, schauen heraus, schließlich muss der Fahrer ja wissen, wie schnell er ist. Allerdings leiden die Instrumente dadurch ein bisschen, was man ihnen auch ansieht. In der Mitte der Persenning befindet sich übrigens noch ein Loch. Da kann man einen Schlauch andocken, der das Regenwasser durch den Wagen und durch den Wagenboden herausführt.

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Instrumente, wo sie hinpassen: Die zweitrangigen in die Tür, der Drehzahlmesser hinters Lenkrad, der Tacho über die mögliche Persenning

 

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Heino Rimek simuliert Regen: Fehlt nur noch der Helm. Helfende Hände sind bei der Fixierung der Persenning allerdings nötig.

 

142.000 Kilometer ist Rimek bereits mit dem Auto gefahren, ohne große Probleme. Nur einmal ist der Keilriemen gerissen, und er hat es wegen der Windgeräusche bei der Höchstgeschwindigkeit von ca. 260 km/h nicht gemerkt, die Überhitzung ließ den fünften Kolben fressen. Der Motor, der dann bei etwa 60.000 Kilometer eingebaut wurde, ist fast wie der ursprüngliche, nur statt einem Zwei- ein Vierventiler. Jetzt leistet der 320-E-Motor 230 PS, der Wagen schafft damit den Sprint in 5,6 Sekunden und eine imposante Höchstgeschwindigkeit von 265 km/h.

Und einmal ist ihm jemand rückwärts in die Front gerasselt – zum Glück hat Schulz sämtliche Gussformen für die Kunststoffkarosserie noch und kann alles neu gießen. „68 Tage war der Wagen in Reparatur,“ regt sich Rimek noch heute auf, „das war das Schlimmste daran.“ Immerhin: Heute darf auch sein Sohn Max (22) den Wagen fahren, Sohn Michel (17) freut sich darauf, es bald tun zu dürfen. Der könnte von den Erfahrungen seines Bruders profitieren: „Die Mädels sind in dem Auto nicht so entspannt. Einmal bin ich zu schnell gefahren, da hat die einen Tag lang nicht mehr mit mir gesprochen…“

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Vom Motor sieht man nicht viel

TECHNISCHE DATEN

Isdera Spyder 036i
Baujahr: 1989
Motor: Sechszylinder-Reihenmotor 12 V
Hubraum: 3.000 ccm
Leistung: 138 kW (188 PS)
Max. Drehmoment: 300 Nm bei 2.500/min
Getriebe: Fünfgang-Handschalter
Antrieb: 
Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.160/1.710/1.130 mm
Gewicht: 970 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 
6,4 Sek.
Top-Speed: 242 km/h
Kaufpreis 1989: 234.600,- inkl. MwSt.

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Fotos: Löwisch

,,Heute ist alles noch besser‘‘

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Isdera-Chef Eberhard Schulz

Isdera-Autos – Spyder, CW 311, Imperator, Commendatore, Autobahnkurier – sind lange her, die Isdera GmbH gibt es aber noch: Der ehemalige Porsche-Entwickler Eberhard Schulz ist aktiv wie eh und je. Und freut sich seines Lebens.

TRÄUME WAGEN: Herr Schulz, wie geht es Ihnen heute?
Eberhard Schulz: Danke, ausgezeichnet. Früher war alles besser, und heute ist alles noch besser. Ich lebe im Luxus, mir fehlt nichts, ich bin Herr meiner Seele. Mir geht’s gut.

TW:
Sie arbeiten noch?
Schulz: Ja, nach wie vor in Sachen Klein- und Großentwicklung von Autos. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass die Produktionsautos, die wir vor 18 oder 19 Jahren gemacht haben, heute zur Reparatur wieder zu mir kommen.

TW:
Wie sind Sie beim Spyder auf die ausgefallenen Ideen gekommen wie Türscharniere vorne, Instrumente in der Tür, asymmetrischer Auftritt?
Schulz: Wir haben bei Porsche mal einen Wettbewerb gehabt, Thema „Jugendauto“. Als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich mich daran erinnert, und wollte ein kleines leichtes Auto bauen, mit der Charakteristik eines Einsitzers. Die vorne angeschlagenen Türen habe ich beim Lamborghini Countach abgeguckt. Die hatten allerdings nur 
schmale Scharniere von vier Zentimetern. Dadurch wackelte die Tür immer und traf nie das Schloss. Hab ich eben eine breite Basis gemacht…

TW:
Der Wagen hat schon damals für viel Furore gesorgt.

Schulz: Er – und der ein Jahr später debütierende CW 311 – waren auf den Genfer Salons der Hit. Da kamen sie alle, der Piëch, der Lapine, der Giugiaro. Und Kritiker des Spyder glaubten, ohne Scheibe könne man doch nicht schnell fahren, aber da habe ich gesagt, dass machen die Formel-1-Fahrer doch auch, dann war Ruhe.

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Mercedes CW 311

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Isdera Autobahnkurier

TW: Und was ist bei Regen?
Schulz: Kein Problem wegen der Konstruktion mit der Persenning. Ich bin damit mal bei strömendem Regen nach Frankreich gefahren, da störte nur die Bugwelle mit Dreckwasser beim Überholen von Lastwagen. Da habe ich den Kopf einfach zur Seite gedreht, damit der Dreck auf die Seite des Helmes schlägt, so blieb das Visier sauber.
TW: Sogar Prinz Charles saß mal in einem Ihrer Wagen.
Schulz: Stimmt, 1987, in einem meiner Flügeltürer. Das war vor dem Kino in Cannes zu den Filmfestspielen. Da versuchten die jungen Leute auf einem Markt, ihre Filme zu verkaufen oder zu verleihen. Da kam Prinz Charles – ihn hat das Auto interessiert, nicht die Filme. Da habe ich mit Hochwohlgeboren ein bisschen englisch parliert.
TW: Wissen Sie genau, wer Ihre Autos heute besitzt und wo sie fahren?
Schulz: Ich habe ein gutes Archiv, und weil jeder bei mir anruft, der einen Isdera kauft, weil er die Historie des Autos wissen will, kenne ich alle Aufenthaltsorte. Alle Spyder fahren noch, auch alle Imperatoren bis auf zwei. In der Schweiz fährt ein Spyder, in England ein Flügeltürer, in Japan zwei, sogar in den USA war einer, der ist jetzt aber wieder in Deutschland.
TW: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Schulz: Gerne. Aber wenn wir noch einmal telefonieren, rufen Sie mich auf dem Handy an. Wenn ich dann unterm Auto liege, dann will ich da auch liegen bleiben können…

Fotos: Schulz, Löwisch

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