Fett Holz vor der Hütte: Mario Mayer und sein 66er Ford Fairlane Squire

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Fett Holz vor der Hütte: Mario Mayer und sein 66er Ford Fairlane Squire

Die Krönung des trashigen USA Designs sind unechte Holzplanken aus Metall, die damals auch noch Hochwertigkeit verströmen sollten. Mario Mayer hat sich gleich drei Wünsche auf einmal erfüllt: Muscle-Car Power, Kombi mit Platz und Woody Design, wie es uneuropäischer nicht sein könnte. Sein kantiger Fairlane Squire von 1966 bedient viele Sehnsüchte und Vorurteile – und ist dabei so geil, wie ein Ami aus den 60ern nur sein kann

 

Was ist das?

Es ist lang, breit, laut und sieht aus wie ein Stapel Palettenholz. Na?

Mario Mayer aus Dingelstädt/Eichsfeld findet das nicht witzig, lächelt aber aus Höflichkeit. Alles gut, Mario, wir reißen die Witze nicht aus mangelndem Respekt vor diesem Auto hier, es sieht nur einfach höchst ungewöhnlich aus. Und der gemeine Deutsche hat erstmal Probleme mit allem, was unbekannt ist, was nicht so aussieht wie erwartet. Auf die Flanken ist dickes Holz genietet. Hochglanzlackiert und farblich harmonisch mit einem Rahmen abgesetzt, als hätte Van Gogh ein Fachwerkhaus gemalt. Nein. Beim Näherkommen ist es doch nur lackiertes Blech und Vinyl. Nicht mal die Nieten sind echt. Das Holzimitat zieht sich einmal um das ganze Auto rum und ist in seine Linie perfekt integriert, eine allerletzte Hommage an den Automobilbau der Vorkriegszeit. Da waren die Rahmen der Autos tatsächlich aus Holz, irgendwann stellte man fest, dass andere Materialien auf lange Sicht ein bisschen besser geeignet waren. Hier ist es Dekoration. Stil. Geschmack. Der Motor grummelt bassig im Standgas. Der Familienvater setzt seine Sonnenbrille auf, sein Sohn steigt aus und stellt sich lässig neben die Heckklappe. Style, Digga.

Marios Ford Fairlane Squire von 1966 ist ein waschechter „Wagon“, ein Kombi mit Platz und Plüsch für die Strecke von Tucson nach Atlanta. Kombinationskraftwagen trugen viele Namen und hatten viele Nutzungsziele, bevor sie zu Lifestyle Gleitern avancierten und man sie als Shooting Brake oder Sports Utility Vehicle bezeichnete. Westdeutsche Handwerker und Unternehmer luden über Jahrzehnte ihren gesamten Schrott in holperige Kombis, Caravans, Variants, Avants, Tourings und Turniers, das lange Ding war hier immer nur ein kleiner Laster. Am Wochenende ging es dann mit der Familie in einer Limousine zu Tante Rosemarie nach Bielefeld. In den 70ern kam das T-Modell von Mercedes und machte den Kleinlaster schicker, komfortabler und plüschiger. Deutschlands erster „Lifestyle“ Kombi zog endlich mit Features nach, die in den Vereinigten Staaten von Amerika schon seit Jahren die langen Autos mit der Heckklappe dominierten. Alles Metall im Inneren verkleidet, bequeme Sitze, zusätzliche Sitze im Heck, Teppiche auch auf der Ablage und gut zu öffnende Heckklappen.

US Familien schätzten den Komfort und die Bequemlichkeit in ihren Automobilen, die vielen kleinen elektrischen Helferchen, die Air Condition und den Plüsch. Kein Wunder – die deutschen Caravan, Variant oder Touring Piloten legten mit den Blagen und den Haustieren vom niedersächsischen Uelzen zu Tante Rosemarie in Bielefeld vielleicht mal 200 Kilometer zurück. Konnte man ertragen, zum Abendbrot war man wieder zu Hause. Oder man nahm eben die Limousine. Wenn aber Bob und Caren mit ihren Kindern Aaron und Shelly und dem Hund Bill aus Tucson zu Tante Penny nach Atlanta fahren wollten, waren das 1700 Meilen. Und dabei ist das quasi nebenan. Kein Wunder also, dass der gemeine Familien-Amerikaner es bequem liebte. In einem Opel Kadett Caravan fährst du diese Strecke mit der ganzen Familie nur unter Androhung der Todesstrafe. Die gibt es übrigens in den Bundesstaaten Arizona und Georgia noch heute. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mario kommt aus einer Familie mit Autohändlerwurzeln, und nach ein paar Jahren mit einem Fairlane Convertible zuckten die Dealergene in Richtung etwas größerem mit vier Rädern. Aber warum nicht wieder einen Ford? Was der Konzern da in den 60ern in Detroit zusammengeschraubt hat, konnte sich durchaus sehen lassen und war auch im Alltag preiswert zu bewegen. Das robuste, seit 1955 unter diesem Namen laufende Modell war ursprünglich eine gut ausgestattete Fullsize Limousine und trug den Namen als Hommage an den Wohnsitz von Henry Ford, Fair Lane in Dearborn, Michigan. Ab 1962 war der Fairlane „nur“ noch Midsize, die volle Hütte übernahm das Modell Galaxie. Aus deutscher Sicht entsprach allerdings jedes Modell in seinen Dimensionen dem kompletten Wohnsitz von Henry Ford, hier gibt es WG Zimmer mit wesentlich weniger Grundfläche als ein Fairlane.

Die vierte Generation der Ford Fairlanes bekam für nur zwei Jahre übereinander gestapelte Scheinwerfer, und die hatten es Mario besonders angetan. In Georgia trieb er einen Woody Wagon auf, den ein 80 Jahre alter Grandfather fast 50 Jahre lang durch die Staaten bewegt hatte. Angeblich komplett rostfrei und in gutem Zustand, was von Deutschland aus nicht komplett überprüft werden konnte. Der 42 Jahre alte Maurermeister vertraute deshalb den Aussagen seines Teilehändlers Dollner Classics in Stockbridge, Georgia und kaufte ihn nach dessen Angaben ansonsten blind. Das Vertrauen wurde nicht enttäuscht, der Wagen zeigte sich nach der Verschiffung in Bremerhaven exakt wie beschrieben. Lediglich ein paar blinde Passagiere kamen unplanmäßig mit nach Germany: Eine komplette Kolonie giftige Schwarze Witwen wohnte mit dem Auto in dem Container! Mario Mayer musste noch zwei weitere Tage warten, bis die krabbelnde Gefahr soweit gebannt war. Man versicherte ihm, dass sich auch im Auto keine Spinnen mehr verstecken würden.

Vater und Sohn setzen synchron die Sonnenbrillen wieder auf, als hätten sie sich abgesprochen. Wir steigen bei dem komplett originalbelassenen Wagon auf den geräumigen Rücksitz, und es geht los durch die Berge irgendwo östlich von Kassel. Und wie das losgeht! Mit 200 PS und fast 400 NM Drehmoment drückt der über fünf Meter lange Midsize (haha) Gleiter geschmeidig nach vorn und bullert dabei dieses wundervolle Lied, was da drüben in Nordamerika einfach ganz normal ist. Aber was hier sofort Assoziationen an Roadtrips und weite Highways auslöst. Der Fairlane fährt einfach. Alles funktioniert, und überall ist eine Menge Platz zum Dasein. Besonders hinten, auch wenn da heute nix rumliegt. Die Heckklappe ist mehr eine Hecktür mit versenkbarem Fenster und lässt sich in allen ihren Dimensionen nur auf einem echten, amerikanischen Großparkplatz komplett öffnen. Wenn die auf ist, scheint der Wagen doppelt so lang. Hinter ihr, in dem tennisplatzähnlichen Laderaum, ist noch eine kleine Bodenklappe, unter der man auch locker noch drei Mexikaner über die Grenze schmuggeln könnte. Plus eine Einbauküche.

Die Dreigangautomatik schaltet unbemerkt, der Motor grummelt vorn ungedämpft, aber leise unter der Haube. Was dem Deutschen sein VW Variant oder sein Passat war, das war dem Amerikaner sein Fairlane. Und damit es nicht zu langweilig wurde orderte der treue Vorbesitzer eben noch diese unechten Woodpanels, die Anspielung auf eine damals schon lange vergangene Automobilbaukunst. Im Einheitsbrei europäischer Kraftwagen hüpft das Herz vor Freude, wenn so ein Kasten daherkommt. Viele gibt es selbst in den Staaten nicht mehr, in Deutschland dürfte dieser Woody einzigartig sein. Mit der Kraft eines Muscle Cars und dem Platzangebot eines Kleinlasters stellt der Fairlane alle europäischen Maßstäbe in die Ecke und definiert sie neu. Das bekommen nicht alle mit, deshalb fahren sie auch heute noch Passat und Mondeo. Das sind ja auch gute Autos, aber eben anders als der hier. Und ohne Holzimitat. Mario grinst wissend, als wir uns von ihm und seinem Sohn verabschieden. Der aufgewirbelte Staub legt sich langsam wieder. Irgendwo zwitschert eine Lärche, ganz hoch oben. Und ist da nicht gerade in der geöffneten hinteren Tür, ganz unten unter dem Teppich, ein Spinnenbein weggeschlüpft?

Ford Fairlane Squire
Baujahr: 1966
Motor: V8
Hubraum: 4.736 ccm (289 cui)
Leistung: 150 kW (200 PS) bei 4.400/min
Max. Drehmoment: 390 Nm bei 2.400/min
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb : Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.100/1.850/1.510 mm
Leergewicht: 1.660 kg
Top Speed: 170 km/h
Wert: ca. 22.000 Euro

Autor und Fotograf: Jens Tanz
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