Ford auf italienisch: OSI 20M TS 2.3

Er wirkt wie ein fulminanter Italo-Racer, aber unter dem rasanten Blechkleid steckt nur ein braver Ford 20M: Der OSI 20M TS 2.3 sah immer schneller aus, als er war. Deswegen hat Carsten Zimmermann sein Exemplar etwas gepimpt

Natürlich – ein Italiener. Genauer gesagt: Er kam aus Sizilien, der Nachbar des fünfjährigen Carsten Zimmermann. Aber nicht das war es, was den Knaben aus Bardowick faszinierte – es war dessen Auto. Halb deutsch, halb italienisch, aber ganz selten: ein OSI Ford. Das hat sich nachhaltig in des Knirpses Kopf eingebrannt.

Heute ist Zimmermann Kaufmann, 49 Jahre alt und selbst stolzer Besitzer eines OSI Ford 20M TS. „2013 habe ich erstmals über einen Oldtimer in der Familie nachgedacht. Und es sollte etwas Rares sein.“ Klar, dass der Mann aus Vögelsen bei Lüneburg nicht lange brauchte, um auf einen OSI zu kommen. Und obwohl etwa nur noch 200 Stück weltweit existieren, stolperte Zimmermann im Internet nach nur 14 Tagen auf ein Exemplar, das ein Ford-Händler in Trier anbot. Für satte 39.000 Euro: „Classic Data rief zu dem Zeitpunkt für einen Wagen in Zustand 2 20.000 Euro auf.“ Trotzdem: Zimmermann musste das Auto live sehen. Denn über OSI wusste er bereits alles.

Zum Beispiel, dass OSI nicht wirklich zu den großen italienischen Karosserieschmieden gehörte. Das Kürzel steht für „Officine Stampaggi Industriali“, die Firma war abhängig von Ghia. Die Leitung der 1960 gegründeten Turnier-Schmiede hatten Arrigo Olivetti und Luigi Segre inne – Letzterer ist verantwortlich für den Karmann Ghia Typ 14 („der kleine Karmann“). Die ersten Auftragsarbeiten waren Karosserien für Alfa Romeo (2600 Berlina de Luxe), Fiat (2300 S Coupé, 1300 und 1500 Kombi) und Innocenti (Spider). Der OSI 1200 S auf Basis des Fiat 1100 war im Jahr 1963 das erste OSI-eigene Auto – ein Cabriolet. Das erfolgreichste Auto war der Ford Anglia Torino 105E. Die Osi-Fords allerdings gehören zu ihren bekanntesten Straßenautos: Zwischen 2.000 und 3.500 Exemplare wurden gebaut – die Quellen widersprechen sich hier kräftig.

Kurios ist die Story über die Entstehung des OSI Ford. Anfang 1965 erhielt OSI den Auftrag von Ford, eine schnittige Styling-Studie auf Basis des Taunus P5 zu kreieren. Der Entwurf stammte von Sergio Sartorelli, der einst den Karmann Ghia Typ 34 („der große Karmann“) entwarf. Im März 1966 zeigte Ford das Styling-Ergebnis auf dem Genfer Salon und wurde vom Zuspruch des Publikums völlig überrascht. Tatsächlich sollte OSI den Wagen so bauen. Und nun war die Karosseriebaufirma vom Ja zur Serienfertigung überrascht. Trotz eilig aufgebauter Handfertigung war die Qualität erstaunlich gut.

Ford Europe schickte das Starrachs-Fahrwerk und zunächst den Motor Zweiliter-V6 des Taunus nach Italien, OSI kleidete die Basis neu ein: Von Maserati stammen Lenkrad und Ascher, vom Fiat 500 der Hupknopf, die Rücklichter vom Ferrari 275. Der Antrieb aber bringt gerade mal 90 PS, sorgt für ein eher mitteprächtiges Top-Tempo von 165 km/h und lässt dem Wagen 14, 5 Sekunden Zeit für den Sprint von 0 auf 100 km/h. Ab Ende 1967 gab es immerhin wahlweise den stärkeren 2.3-Liter-V6, der aber auch nur 108 PS leistet. Zunächst sechs, später 15 Autos pro Tag entstanden dank der Hilfe von 800 Arbeitern. Ford stellte das Vertriebsnetz zur Verfügung, die OSIs bekamen in den Werkstätten immerhin die gleiche Aufmerksamkeit wie die reinen Fords.

Hauptabnehmer: die Deutschen. In der Gesamtbauzeit 1967 und 1968 wurden 870 Autos mit Zweiliter-V6 und 409 Stück mit 2,3-Liter-V6 in Deutschland zugelassen. Obwohl alle wussten, dass hier italienischer Charme auf einen deutschen „Bauernmotor“ trifft.

Aber das Design begeisterte. Im Vergleich zur Basis ist der OSI 66 Millimeter kürzer, 52 Millimeter breiter und 154 Millimeter niedriger. Vorne dominieren Doppelscheinwerfer unter einer flachen Motorhaube. Es folgt eine geschwungene Gürtellinie, im oberen Bereich scheint die Fahrgastzelle weit nach vorne gerückt. Getoppt wird das lange Heck von einer riesigen Glaskuppel, durch die die Fondpassagiere die Sterne sehen können. Der Sitzkomfort auf den ausgeformten Plätzen hinten sowie die Kopffreiheit sind allerdings ausgesprochen bescheiden. Die Rücksitzlehnen sind umklappbar, was aber nicht den Kofferraum vergrößert, sondern lediglich das Leder schützt, wenn man hinten etwas abstellen will.

All das war Carsten Zimmermann bekannt, als er in Trier ankam, um das Angebot in Augenschein zu nehmen. Und das Auto hielt, was der Händler versprach: einen Top-Zustand. Das Auto wurde im Sommer 1968 erstmals zugelassen, und zwar in der Schweiz – in Weiß und mit beiger Lederausstattung sowie mit Heckscheibenheizung als Extra. 1978 wurde das Auto verkauft – der neue Besitzer ließ es grün lackieren. 1985 wurde es stillgelegt. Die beim Zimmermann-Kauf ausgewiesenen 82.800 Kilometer Laufleistung sind also absolut plausibel, und eine zehn Jahre dauernde Restaurierung durch das Trierer Autohaus ist dokumentiert. „Ich musste den Wagen haben“, erinnert sich Zimmermann heute – letztlich bekam er ihn für 31.000 Euro. Nur ein großes Manko wollte er nicht hinnehmen: dass der Wagen so viel schneller aussah, als er war – das Grundproblem aller OSI Ford.

So baute er den Originalmotor aus und ersetzte ihn durch einen 2.8-Liter-V6 mit scharfer Nockenwelle und Weber-Vergaser aus einem 78er Ford Granada. Damit ist sein Exemplar deutlich agiler als die Originale, aber die Bremsen (vorne Scheiben, hinten Trommeln) haben auch damit keine Probleme. Zusätzlich verbreiterte Zimmermann die hintere Spur und legte die Karosserie etwas tiefer. Schließlich endet der Auspuff in einem optisch ansprechenden Doppelrohr.

Innen ist alles Serie. Lenkrad und Schaltknauf waren schon immer aus Holz. Die farblich unterschiedlichen Umrandungen der sechs Instrumente sind ab Werk so gewollt – „obwohl es kein System bei der Verteilung der Farben gibt“, wie Zimmermann jüngst beim OSI-Ford-Treffen bei Schloss Georghausen feststellen konnte, bei dem immerhin 33 Autos zusammenkamen.

Die Italiener waren eben schon immer etwas eigen …

TECHNISCHE DATEN

OSI Ford 20M TS/Zimmermann

Baujahr: 1968
Motor: V6
Hubraum: 2.792 ccm
Leistung: ca. 150 PS bei 5.700/min
Max. Drehmoment: ca. 206 Nm bei 4.000/min
Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.670/1.808/1.340 mm
Gewicht: ca. 1.150 Kilo
Sprint 0–100 km/h: ca. 13,0 Sek.
Top-Speed: mehr als 175 km/h
Preis 1968: 15.200 Mark
Wert: ca. 35.000 Euro

Text: Roland Löwisch, Fotos: Löwisch, Zimmermann

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