Der Erwachsenenschreck: Ford Capri 2600 RS

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Zugegeben – über 50 Jahre Ford Capri reißen uns nicht gerade vom Sessel, wenn wir an die 50 PS starke Basismotorisierung denken. Aber der 2600 RS mit mindestens 150 PS als Spielzeug für Halbstarke lässt uns sabbern – der kam 1970

 

Der Bewohner auf seinem Balkon in einem kleinen Nest im Weserbergland ist ungehalten. Erstens dürfen wir zur Fotovorbereitung nicht auf dem Parkplatz am Straßenrand stehen, weil „der Nachbar bald kommt“ – auch wenn der „Parkplatz“ nichts als ein sandig gewordener Grünstreifen ist. Das sei dessen Revier, auch wenn nichts dran stehe, das sei eben so. Und zweitens stinke unser Auto so sehr, dass er in seiner Wohnung – nach unserer freundlicherweise durchgeführten Umpark-Aktion geschätzte 200 Meter vom Objekt der Kritik entfernt – kaum mehr atmen könne.

Okay, wahrscheinlich ist es manchmal einfach langweilig, freundlich zu sein. Obwohl: Das mit dem Stinken könnte tatsächlich stimmen – jedenfalls dann, wenn man bedauernswerterweise nicht zu den Menschen gehören sollte, die den herrlichen Muff eines patinierten Innenraumes und den betörenden Duft nur halbverbrannten Benzins mit Bleizusatz zu schätzen wissen: So ein schöner V6-Weslake-Motor mit Kugelfischer-Einspritzung sabbert mal eben 17 Liter auf 100 Kilometer durch. Im Leerlauf natürlich weniger, aber möglicherweise eben doch deutlich mehr als der so halbseidene wie charakterlose Gebraucht-Nobelhobel vor dem betreffenden Haus. Also beeilen wir uns, unsere Fotos schnell in den Kasten zu bekommen.

Es gibt eben Leute, die können mit einem alten Auto schlicht nichts anfangen. Auch nicht mit einem alten Ford. Auch nicht mit einem alten Ford Capri. Auch nicht mit einem alten Ford Capri 2600 RS. Denen erzählen wir jetzt nicht, was sie versäumen, da ist sowieso jede Starrachse und jeder Cordbezug verloren. Den anderen erzählen wir es gerne. Von einem echten Erwachsenenschreck. Damals und anscheinend zum Teil noch heute.

Es wäre für uns wohl kein Thema, wenn es sich um ein Basis-Capri handeln würde. 50 PS aus einem V4 in einem Body, der nach dreimal so viel Kraft aussah, waren im Grunde schon 1969, als der Capri auf die Welt kam, peinlich. Aber Coupés waren „knorke“ oder, wie das damals hieß, Geld oft Mangelware, also rein mit dem mageren Vierzylinder in den Pseudo-Sportler, wird schon gut gehen. Ging auch gut, denn Ford bot auch stärkere Varianten an. Und 1970 kam der 2600 RS: offiziell mit 150 PS, mindestens, denn die Streuung sollte locker bis 170 PS reichen. Produziert von sechs von Harry Weslake bearbeiteten Zylindern inklusive einer mechanischen Kugelfischer-Einspritzung – topmodern (Letztere ist allerdings heute kaum mehr zu warten). Und das in einer Zeit, als man noch damit angeben konnte, wie viel Sprit pro 100 Kilometer verballert werden. In diesem Fall bis zu 25. Jawohl, Liter. Und das für nur eine Tonne Gewicht. Na und?

Tatsächlich drosselte Ford den Verbrauch bald auf besagte 17 Liter, aber das war nicht das Argument, den Kölner Brecher gut zu finden. Das war eher seine wunderbare Bösartigkeit: keine Servolenkung, ein sich vehement gegen Tritte wehrendes Kupplungspedal, ein superschöner fieser Brazzelsound, brachiale Blattfedern hinten, ein puristischer Innenraum, ausgeprägte Sitzschalen. 1971 bezahlte man dafür 15.850 Mark, und das war wenig im Vergleich zur Konkurrenz. So wenig, dass insgesamt mehr als 3.500 Fans zuschlugen. Und sich auch gleich für ein paar Exemplare einer Leichtbauversion begeistern konnten, die nur 900 Kilo wog – Ford hatte nicht viel vom Interieur übrig gelassen und das Blech von Hauben und Türen durch Kunststoff ersetzt.

Wir begnügen uns mit einem der „schweren“, also normalen Exemplare, gebaut 1971. Mit einem lächerlich kleinen Schlüssel lassen wir den Motor an, dessen Typ schon Typen wie Niki Lauda und Jackie Stewart traten, weil solche Formel-1-Giganten damals noch einen Heidenspaß hatten, mit diesen Kölner Kisten auch in niederen Sportgefilden mitzumischen. Breite 185/70er-Reifen, eine tiefergelegte Karosserie und ein härteres Fahrwerk stehen dem 2600 RS noch heute gut. Die aus Gewichtsgründen fehlenden Stoßstangen mahnen uns, keine langweiligen Autos anzuditschen, weil wir hier mit dem so patinierten wie perfekten Kölner Urgestein runde 60.000 Euro nachdrücklich durchs Bergische Land treiben.

Die Kiste macht am tief geschüsselten Dreispeichenlenkrad so viel Spaß, dass wir die Bilstein-Dämpfer gerne länger traktieren, dem Auspuff wegen seiner reinen Leere (in diesem Exemplar ist tatsächlich nichts drin) noch intensiver zuhören und den Sprint in acht Sekunden auf 100 km/h gerne noch öfter genießen würden. Zwar fehlt ein fünfter Gang oder ein Overdrive, dafür kann man den Motor aber bis zu 5.800 jubelnde Umdrehungen treiben – und genießen. Auch bei einem langsam endenden „Arbeitstag“, denn wir wissen ja, dass man sich stets zweimal im Leben trifft.

Die Fotoarbeiten sind leider geschafft, wir fahren zurück. Vor dem Mecker-Haus geben wir noch mal lautstark 17 Liter Gas, natürlich völlig ohne Hintergedanken, sondern weil es der wahnsinnige Rushhour-Verkehr gerade so erfordert. Der besagte Nachbar ist übrigens immer noch nicht da. Schade eigentlich – vielleicht hätte der ja den 2600 RS zu würdigen gewusst …

Ein kurzer Abriss der Capri-Geschichte:

Rennen wir schnell durch die Capri-Geschichte, was im RS kein Problem ist: Nach drei Jahren Entwicklung des Ford Capri werden 1968 die Produktionsbänder in Köln und Dagenham angeworfen. 1969 steht das neue Coupé auf dem Brüsseler Automobilsalon. Es wird gleichzeitig in 14 Länder eingeführt. Bis 1970 ist der 2300 RS mit 108 oder 125 PS der stärkste Capri, bis der 2600 RS die Bühne betritt. Ab 1971 wird damit auf der Rennstrecke gewonnen – zum Beispiel die 24 Stunden von Spa mit Dieter Glemser am Steuer im Jahr 1971. Zum Beispiel Stewart, Lauda und Mass jagen den Wunderford bei der Deutschen Rennsportmeisterschaft zum Erfolg. 1972 gibt es ein kleines Facelift, 1973 läuft der einmillionste Capri vom Band. 1974 kommt der Capri II mit Heckklappe. Die Basis ist immer noch mager mit jetzt 54 PS.

1976 gibt es erneut eine Modellpflege, 1978 wieder ein Facelift. Das fällt aber so deutlich aus, dass viele vom Capri III sprechen. Ab 1980 mischt der Zakspeed-Capri die Rennwelt auf – obwohl er mit 600 PS etwa 200 PS schwächer ist als einige Kisten der Konkurrenz, fährt er ihr um die Ohren. 1981 soll der Straßen-Capri 2.8 Injection den Abgang des RS 2600 versüßen. Der leistet 160 PS und ist zu seiner Zeit mit 29.950 Mark das günstigste 200-km/h-Auto auf dem Markt. 1984 ist Schluss mit Capri auf dem Kontinent, im Dezember 1986 verlässt das letzte Exemplar das Band.

TECHNISCHE DATEN

Ford Capri 2600 RS

Baujahr: 1971
Motor: V6
Hubraum: 2.637 ccm
Leistung: 110 kW (150 PS) bei 5.800/min
Max. Drehmoment: 223 Nm bei 4.000/min
Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.185/1.646/1.263 mm
Gewicht: 1.020 Kilo
Sprint 0–100 km/h: 8 Sek.
Top-Speed: 200 km/h
Preis 1971: 15.850 Mark
Wert: ca. 60.000 Euro

Text: Roland Löwisch, Fotos: Ford, Löwisch

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