Kutschfahrt zum Grillmeister: Ford Thunderbird Special Landau 1965

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Wer auf Thunderbirds der mittleren 60er steht, muss einen Hauch Wahnsinn in seinen Geschmacksgenen tragen, weil diese Vögel die progressivste Form und das verrückteste Armaturenbrett der gesamten Serie besitzen. Wir rollen mit einem ungepimpten Original-Survivor vor die Barbecue-Bude und eröffnen mit viel Sprit die Grillsaison.

 

Verdammt, das Fenster geht schon wieder nicht runter! Michael Lange prügelt auf den kleinen Schalter in der Fahrertür ein, aber die Schotten bleiben dicht. Das geht schon seit dem Kauf so. Der Wagen fährt perfekt, alles ist gut – aber niemand bekommt diesen Fensterheber in den Griff. „Wir müssen nochmal zurück, die Jungs müssen da noch mal ran ….“

Sehr gern. Umwege sind herzlich willkommen. Vor allem, wenn sie in so einem sagenhaften Cruiser stattfinden wie diesem 50 Jahre alten Ford Thunderbird Special Landau. Mehr verrückte Sixties, mehr technische Spielereien und futuristisch anmutende Technik sind fast nicht möglich.

Der 53-jährige Bauingenieur aus Hannover ist noch neu in der Szene, begeisterungsfähig von der ersten Minute an und noch nicht sachlich abgebrüht durch ernüchternde, manchmal teure Reparaturen (abgesehen vom Fensterheber). Nach vielen gebrauchten VW Käfern und VW Bullis landete er 2013 auf einem US-Car-Treffen und konnte die Augen nicht mehr lösen vom Chrom und den Flossen. Und in den Ohren tobte der Sound der vergaserbeatmeten V8-Motoren. Aber erst 2015 stolperte er mehr oder weniger zufällig bei der Classic Car Ranch in Minden über den T-Bird in der Special-Landau-Ausstattung mit dem farbigen Vinyldach und dem farblich abgestimmten Interieur. Und es war um ihn geschehen. Nach wirklich vielen schlaflosen Nächten konnte er nicht mehr anders und kaufte den Wagen zu einem fairen Preis. So leicht wird man zum US-Car-Fahrer.

Was Lange in diesem Jahrtausend fasziniert, begeisterte die Käufer im vergangenen Jahrtausend fast genauso. Die klassischen ersten T-Birds waren erwachsen geworden und mutierten vom sportlichen Zweisitzer zum komfortablen „Holy Shit!“-Zweitürer, vollgestopft mit allem, was das Jetzeitalter an Super-Sonic-Features zu bieten hatte: progressives, flaches Design mit einem Kühlergrill unter der geschwungenen Stoßstange, Lampenfassungen wie vorn angebrachte quergestellte Heckflossen und ein breites, fast durchgängiges Leuchtband für die futuristische Lightshow im Heck. Die jeweils drei Blinkleuchten flashen spacig von innen nach außen – dachten Sie etwa, das wäre eine Erfindung der 2000er?

Und dieses Cockpit. Tatsächlich – wie ein Cockpit aus einem Jet – um den Fahrer herumgebaut. Und reichlich bestückt mit allerhand Instrumenten in runden und eckigen Ausführungen, einem breiten Tachoband und Schiebern und Schaltern bis kurz vor die plüschige Mittelarmlehne. Dabei glich die Anordnung einiger Armaturen, zum Beispiel der oben mittig montierten Uhr, die geflankt wurde von den Hebeln für die Wischer und die Lüftung, fast schon dem französischen Avantgardismus.

Allein die Beleuchtung dieser holzfurnierten, zweifarbig lackierten Infotainment-Schrankwand zieht mehr Strom aus dem Generator, als ein deutscher Zweifamilienhaushalt am Tag verbraucht. Der „Flairbird“, wie diese Generation von schrägen US-Vögeln genannt wird, verströmte technische Überlegenheit und Vollausstattung in einer progressiven, „schnellen“ Karosserie, bevor aus ihm in den 70ern der „Fat Bird“ wurde und die Hüften Speck ansetzten.

Michael Lange kam, sah, setzte sich hinein und war infiziert.
Im April 2015 holte er seinen Donnervogel ab und bekam auch die lange, vertrauenerweckende Liste der durchgeführten Reparaturen für den deutschen TÜV vorgelegt. Die unteren Traggelenke, Führungsgelenke und Querlenkerbuchsen wurden beidseitig erneuert. Neue Spurstangenköpfe, Stabilager und Zugstrebengummis wurden ergänzt durch neue Stoßdämpfer. Dazu kamen neue Motorlager, ein neuer Anlasser und eine neue Batterie. Keine Kompromisse, die sauber überholte Technik ließ den begeisterten Fan auch über ein paar Lackmängel hinwegsehen. Der Wagen sollte ohnehin nicht mit Neuteilen von Edelbrock und Co. aufgewertet werden, sondern ein „Survivor“ bleiben, der, wie einst geplant, im Alltag eingesetzt werden kann und dem man seine Lebenszeit auch ansehen darf.

Schon nach 200 Metern kullerten survivormäßig beide rechte Radkappen davon, weil der amerikanische Vorbesitzer die nur mit Silikon festgeklebt hatte. Lange nahm daraufhin alle vier ab und legte sie vorsichtshalber in den Kofferraum. Sie sind massiv und schwer, nicht auszudenken, wenn die bei hohen Geschwindigkeiten wie Frisbees durch die Gegend fliegen würden. Später lässt er einfach die nackten Stahlfelgen farblich ans Auto anpassen, es muss ja nicht immer alles original sein.

Davon abgesehen, rollt der Donnervogel zuverlässig wie am ersten Tag. Wenn man mal vom Fensterheber absieht. Lange hat noch einen neuen „Transfusionsbeutel“ mit Schläuchen für die Scheibenwischwaschanlage spendiert. Und irgendwann will er sich auch um die Heizung kümmern, irgendwas stimmt da nicht. Das fällt immer auf, wenn es draußen wärmer wird und das Fenster nicht runtergelassen werden kann.

Auf dem Weg nach Minden kommen wir an einer Tankstelle vorbei, die auch eine große Variation an Barbecue-Equipment anbietet. Lange hängt den Tankrüssel ein und bedeutet mit erhobenem Zeigefinger, dass irgendwas bei der Einfüllgeometrie damals bei Ford falsch berechnet wurde. Jedenfalls schaltet die Säule nicht von alleine ab, das sollte man wissen. Er wusste es beim ersten Mal tanken nicht. Als der freundliche Pächter mit dem Saugpulver die Benzinpfütze unter dem Thunderbird wegtunkte, lachte er und wunderte sich nun nicht mehr darüber, dass alte Amis so viel Benzin „verbrauchten“.

Wir werfen noch ein bisschen Grillkohle für heute Abend in den schon recht vollen Kofferraum und rollen weiter in Richtung Mechaniker. Die Fensterheber … An jeder Ampel heben sich die Daumen der Autofahrer und Fußgänger, und immer wenn es grün wird, baut der Big Block ein derartiges Drehmomentgebirge auf, dass das Lächeln gar nicht mehr aus dem eigenen Gesicht verschwindet. Ja, er steht echt super da, der Birdy, und er fährt sich kommod und bequem, wie das von einem Ami erwartet wird.

Das stellten auch die zufriedenen Kunden in den 60ern fest, und „Thunderbird“ sollte neben dem Mustang und der Corvette eine der am längsten etablierten Marken in der Automobilgeschichte werden. Tempomat mit Tipptasten am Lenkrad? Gab es auch. Tape-Radio mit vier Lautsprechern? Gab es auch. Hat der hier beides nicht, aber wer braucht Musik, wenn er einem V8 zuhören kann?

Es sei denn, das Fenster ließe sich nicht öffnen …

TECHNISCHE DATEN

Ford Thunderbird  Special Landau

Baujahr: 1965
Motor: V8
Hubraum: 6.392 ccm (390 cui)
Leistung: 223 kW  (300 PS) bei 4.600/min
Max. Drehmoment: 579 Nm bei 2.800/min
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.217/1.974/1.334 mm
Leergewicht: 2.007 kg
Beschleunigung 0–100 km/h:  10,1 s
Top-Speed: 200 km/h
Wert: ca. 16.000 Euro

Kontakt: maverick1261@web.de

Text und Fotos: Jens Tanz

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