Ballermann trifft Gentleman: Mercedes-Benz SL 500 – Corvette C5

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Ballermann trifft Gentleman

Autor: Jens Tanz

 

Vau Acht, kein Dach, paarungswillig. So lassen sich die Autos von Veit Ringel und Oliver Donath beschreiben. Corvette C5 und SL 500 haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam, auf den zweiten auch nicht. Aber auf den dritten zeigen sie ihre Seelenverwandtschaft. Unten, im Hamburger Hafen

 

Blick auf die App: Es soll regnen. Blick nach oben: Jetzt noch nicht. „Ist mir egal, lass uns auf die Strecke gehen!“ sagt Veit Ringel hinter dem Steuer seiner amerikanischen Ikone. Er will fahren. Spaß haben. „Nee, ist mir nicht so richtig egal…“ ruft Oliver Donath rüber, noch neben seinem schwäbischen Beau stehend. Er will ihn bald verkaufen. Da aber die immer wieder herausguckende Sonne siegt, startet auch Oliver seinen Achtzylinder, und zwei ungleiche Gleichaltrige rollen durch die Hafen City zu neuen Ufern. Sie polarisierten damals, sie polarisieren heute. Die schwarze, donnernde Corvette C5, Plastik gewordener Traum vieler Amerikaner seit den späten 90ern. Und der silberne, knurrende Mercedes 500 SL, Sportschwabe mit langsam abklingendem Ludenimage. Beides keine Autos für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel, weder damals noch heute. Die Triebwerke grummeln ihre Zündfolgen in die hanseatische Luft, während sich die Köpfe der Passanten und der Touristen nach ihnen verdrehen. Längs eingebaute V8 Motoren verbrennen Superbenzin, Verbrauch pro 100 Kilometer: scheißegal. Abwärme wird von großen Lüftern unter den Radkästen rausgedrückt. Rund um die Jahrtausendwende guckte man noch nicht bei allen Modellen so sehr auf political Correctness, da dominierten noch kein Abgasskandal und keine Stromproduktionsdiskussion die Medien. Da wurden ein paar Modelle gebaut, die teuer waren. Aber die auch sehr geil waren, zumindest in den Augen derer, die sie bezahlen konnten. Und in den Augen derer, die noch träumen konnten. Und die anderen – wurden von diesen Leuten kollektiv ignoriert.

Veit fährt den „schönsten Hintern von Hamburg“. Sagt er. Diesen Hintern lebt und liebt er. Der 68 Jahre alte Pensionär aus Hamburg hat schon als Kind Autos gemalt, die der lüsternen Silhouette einer Corvette sehr nahe kamen. Aber statt als Designer bei General Motors anzufangen, lernte er in einem MGB die Offenheit nach oben schätzen und holte sich 2010 seinen nordamerikanischen Traumwagen nach Hause. Der Kult, der Mythos dieses Sportwagens mit der Karosserie aus Kunststoff geht einher mit einer für spießige Zeitgenossen fast unerträglichen Provokation. Veit mag das. Er ist sonst eher der entspannte Typ, cruising so oft es geht, aber ab und an lässt er auch gern mal die PS spielen. Wenn die Verkehrslage es zulässt, drückt er die Vette mit 260 Sachen offen von Timmendorf an der Ostsee über die A1 nach Hamburg. Da hängt er sich dann die Gitarre um und eifert Joe Bonamassa nach. Yeah.

Und viele andere Bewohner dieses Planeten ticken da ähnlich wie er. Corvette means America, as american as America can be. Die Cruiser und Ampelrennenfahrer auf der anderen Seite des Pazifiks warteten schon seit 1993 auf das neue Modell, was die seit 1983 gebaute C4 ablösen sollte. Die C5 war die erste Corvette, die nicht aus allen möglichen Teilen der General Motors Regale zusammengebaut wurde. Sie war eine neue, eigenständige Konstruktion mit neuem Rahmen und neuem Fahrwerk. Der stärkste bis dahin bei Chevrolet in Serie gebaute Small Block war komplett aus Aluminium, versehen mit acht einzelnen Zündspulen und sequentieller Kraftstoffeinspritzung. Die Lady kam leider nicht wie geplant zum 40-jährigen Jubiläum des Modells auf den Markt, sondern erst 1997. Dafür räumte sie aber auch gleich ein Jahr später zum „Auto des Jahres“ gewählt (in den USA), auf der North American International Auto Show (NAIAS) bekam sie den Titel „North American Car oft he Year“. Well. GM war so entzückt, dass sie gleich ein Cabriolet auf den Markt warfen. Sich selbst feiern konnten sie schon immer, die Amerikaner. Aber auch in Germany attestierte man dem recht leichten und echt breiten Teil ohne Dach gute Noten. Das klassische Konzept „dicker V8 vorn, Antrieb hinten“ wurde mit Transaxle-Bauweise und einen echt großen Kofferraum gewürzt. Dafür gab es aber auch kein elektrisches Verdeck. Auch nicht auf Wunsch. Irgendwie cool.

Veit fährt den Ballermann etwas zu dicht an die Hafenkante, steigt aus, zeigt nochmal grinsend auf die beiden armdicken Rohre der Borla-Stinger Anlage hinten mittig raus (als wenn die nicht schon lange aufgefallen wären) und setzt seine Sonnenbrille auf. Hamburg, dein Wetter. Unberechenbar wie ein Wolfsrudel.

Oliver ist knapp 20 Jahre jünger als Veit, nicht ganz so expressiv verliebt in sein Auto und fragt uns erstmal, ob wir beim Hardtop abbauen kurz mit anfassen können. Na klar. Nach zwei Minuten steht das komplette Dach zärtlich aufgebahrt neben der alten Lagerhalle, der SL ist nun nach oben offen. Die Eltern des 49 Jahre alten Hamburgers arbeiteten beide bei Mercedes-Benz. Dass in diesem Zusammenhang jedes Jahr ein neues Auto vor der Tür stand prägte den kleinen Oli nachhaltig. Sein erstes eigenes Kraftfahrzeug war dann zwar ein Knudsen Taunus, aber das macht ihn dem Verfasser dieser Zeilen nur sympathischer. Danach kamen Sterne, ein W 123, diverse E-Klassen. In die Welt der Achtzylinder wollte er mit einem Porsche 928 eintauchen, aber weder in Deutschland noch in Japan noch in den USA fand er vernünftige Exemplare. In Beverly Hills stolperte er bei einem Händler allerdings aus Versehen über einen SL 500, klassisch in Brillant Silber und Schwarz. Dazu mit dem amerikanischen AMG Paket und AMG Mischbereifung. Der Preis war okay – und am Heilig Abend des Jahres 2010 beauftragte er eine Spedition mit der Abholung des Autos. SL verzaubert. Anders als eine C5, aber auch nachhaltig.

Der schnelle Schabe wurde acht Jahre früher auf den Markt geworfen als der muskulöse Amerikaner. Allerdings war 1989 immer noch sehr spät, bedenkt man, dass die Entwicklung des R 129 in Ablösung des R 107 schon in den 70ern begonnen hatte. Weil viele Prioritäten auf der Entwicklung der Limousinen W 201 und W 124 lagen, kam man irgendwie erst in den 80ern dazu, das Ding mal weiter voranzutreiben. Den Antrieb und das „Gesicht“ nahm der Keil der zwei Jahre später erscheinenden S-Klasse W 140 vorweg. Die Mehrlenkerhinterachse und der Überrollbügel, der sich bei einem Überschlag nur 0,3 Sekunden Zeit nimmt, um rauszuklappen – das alles ist sicherlich interessant und schmackhaft, aber darum geht es heute bei uns ja gar nicht. Eher um sowas wie das „Ludenimage“, was auf die eine oder andere Art beiden jetzt nebeneinander stehenden Autos angedichtet wurde. Alles schon lange vergessen. Bei einem Mercedes SL, zumal wenn es ein 500er mit diesem M 113 E 50 V8 ist, sowieso. Heute denkt man weniger an Goldkettchen oder Tennis spielende Gutverdiener, heute assoziiert man eher einen robusten, ausgereiften Roadster mit Alltagstauglichkeit und Wertzuwachs. Wie die Zeiten sich ändern…

Als die beiden da geduckt nebeneinander an der Elbe stehen, eine Haube nach vorn offen, die andere nach hinten – da kommen doch mehr Gemeinsamkeiten als angenommen. V8, kein Dach, zwei Sitze und Heckantrieb. Beide zu spät rausgekommen, beide um die Jahrtausendwende gebaut, beide heute ungefähr gleich viel wert und beide noch immer sehr speziell. Beide seit 2010 bei ihren Besitzern. Die Corvette drullert schon im Standgas bassig vor sich hin, der SL schrummelt eher dezent und verspricht mehr (ab 3000 Umdrehungen). Autos, nur gebaut, um von maximal zwei Personen genossen zu werden. Chevy Fans werden SL Piloten nicht mit dem Arsch angucken, andersrum wird es ähnlich sein. Warum eigentlich? Muss man sich immer nur mit seinesgleichen treffen? Seid ihr schon einmal auf einem reinen SL-Treffen oder einem reinen Corvette-Treffen gewesen? Himmel, ist das langweilig. Wohin man guckt die gleichen Autos und die gleichen Menschen. Nee nee. Ach, und überhaupt Himmel. Petrus. Da ist er wieder. Ein paar Tröpfchen fallen aus den Wolken über den Hafenkränen. Wir klicken das Hardtop wieder auf den Schwaben, und der Ami setzt sein Stoffmützchen auf. Auch geschlossen sehen beide Autos gut aus. Sehr gut sogar.

Veit und Oliver hupen bei der Abfahrt noch und heben die Hand zum Gruß. Beide. Siehste, so ist es doch fein. Die breiten Reifen spritzen Wasser aus den Pfützen hoch. Es riecht ein bisschen nach verbranntem Benzin. Kennt ihr das auch? Da beschäftigt man sich mit zwei Autos, und anschließend stellt man sich die Frage, warum man nicht irgendwann schon mal einen solchen hatte? Ach ja – das unterscheidet Veit und Oliver übrigens auch. Veit sagt, die Karosserie seiner Corvette wird ihn um Jahrzehnte überleben und bleibt seinem Schönsten Hintern von Hamburg™ treu. Oliver würde seinen 500 SL nach sieben Jahren Pflege und Passion nun hergeben. Wer wagt es?

 

Chevrolet Corvette C 5

Baujahr: 2000
Motor: V8 LS1
Hubraum: 348 cui (5.700 ccm)
Leistung: 253 KW (344 PS)  bei 5.400 1/min
Max. Drehmoment: 483 Nm bei 4.200 1/min
Getriebe: 4-Gang Automatik
Antrieb: Hinterradantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4566/1870/1211mm
Leergewicht: 1.472 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 4,8s
Top Speed: 278 km/h
Wert: ca 30.000 Euro

Mercedes-Benz SL 500

Baujahr: 2001
Motor: V8 24V
Hubraum: 303 cui (4.966 ccm)
Leistung: 225 KW (306 PS)  bei 5.600 1/min
Max. Drehmoment: 460 Nm bei 4.250 1/min
Getriebe: 5-Gang Automatik
Antrieb: Hinterradantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4470/1812/1293mm
Leergewicht: 1.910 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 6,5s
Top Speed: 250 km/h (abgeriegelt)
Wert: ca 30.000 Euro

Text und Fotos: Jens Tanz

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