1,5 Tonnen straight: GMC Pick-up Longbed 1948 Hot Rod

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Hot Rods waren einst umgebaute Serienkarren, mit denen die Jungs am Freitagabend Straßen-Rennen ausfochten. Noch heute ist die Szene aktiv – aber ihre Perlen zeigt sie nur selten in der Öffentlichkeit. Wir haben einen perfekt gemachten GMC Truck Longbed deshalb ein bisschen länger in die Sonne gezerrt. Der ist ehrlicher als Mary Poppins und cooler als Humphrey Bogart

Mitten in einer großen, digitalen Welt voller Hashtags, Keywords und Shares verbirgt sich in Norderstedt bei Hamburg eine kleine, analoge Welt voller Impressions, Friends und Likes. Oder, um es einmal jenseits der hippen Sprache der Digital Natives auszudrücken: Hier bei den Barn Boys treffen sich ab und an ein paar Freunde, die ihre geilen Karren reparieren, fahren und aufbauen. Like mich am Arsch. Das Leben findet nicht nur im Internet statt.

Der fast 70 Jahre alte Kleinlaster mit der langen Ladefläche passt gut in diese Rockabilly-Welt, die nur aus Vornamen besteht. Er liegt für deutsche DIN-Augen auf diesem Acker herum, als wäre er komplett überladen. Ist er aber nicht. Der soll so. Und verabschieden wir uns gleich mal von deutschen Wirtschaftswundervokabeln und nennen wir das Ding Truck, wie es die Amis auch machen. Ein GMC Pickup, ein Longbed, einer aus der nordamerikanischen Schmiede mit der langen Tradition.

Ging doch General Motors Anfang des vergangenen Jahrhunderts als eine Holding von Buick an den Start und begann als „Rapid Motor Vehicle Company“ mit dem Bau der allerersten kommerziellen Lastwagen der Welt. Auf der New York International Auto Show 1912 standen die ersten GMC Trucks als Marke der General Motors Truck Company. Und dann gings voran, in Saint Louis (Missouri), in Pontiac (Michigan) und in Oakland (Kalifornien). Mehr als eine halbe Million GMC Trucks wurden allein während des Zweiten Weltkriegs für die US Army gebaut.

Seit der Nachkriegszeit liefen Trucks von Chevrolet und GMC fast identisch vom Band, wobei die Chevys in der „Advanced Design“-Serie für die Privatleute und die GMC für den kommerziellen Einsatz gedacht waren. Ausnahmsweise gab es hier einmal keine großen Verwirrungen bei den Namensgebungen über die Jahre, nur die vielen Doppelgänger mit unterschiedlichen Schildern auf dem Kühler regen zum zweimaligen Hingucken an. Mit diesem cleveren Marketingkniff umging der Konzern die eigene Richtlinie, dass neue Chevrolets ausschließlich von registrierten Chevrolet-Händlern verkauft werden durften. Die technisch und optisch fast identischen GMC-Trucks wurden aber gleichzeitig auch bei Buick, Cadillac, Pontiac und Oldsmobile angeboten und ermöglichten den Dealern somit die ganze Bandbreite an Pkw und Light Trucks in ihren Verkaufsräumen. Chevrolets zusammen mit den umgelabelten GMCs waren bis 1955 die meistverkauften Trucks in den USA.

Es ist einfacher, neue Ersatzteile für einen amerikanischen Nachkriegs-Pickup zu bekommen, als Informationen über ihn in der Literatur zu finden. Vielleicht sind diese extrem schlichten und coolen Autos deshalb auch so beliebt bei den Roddern? Aber nicht jeder macht es richtig, denn nicht alles, was individuell gefällt, ist in der Szene gern gesehen. „Himmy“ kann davon ein oder zwei Lieder singen. Als ihm der 1948er Longbed von einem Freund brummelnd auf den Hof gekippt wurde, war in das Auto schon eine Menge Geld geflossen. Allerdings entpuppte sich der zweilampige Langhauber als ein Sammelsurium an kuriosen Basteleien, die weder sauber umgesetzt, noch im Sinne eines echten Hot Rods gelöst wurden.

Also riss Himmy den Pfusch wieder heraus und befahl: alles auf Anfang (Hipster aufgepasst:  (Hipster aufgepasst: Heute nennt man das „resetten“). Allein die Schweißarbeiten zogen sich über Wochen hin, da war in den Jahrzehnten eine Menge Gammel „übersehen“ worden. Seidenmatter Neulack auf das vollendete Werk war anschließend obligatorisch. Der Air Ride flog raus, unter den kraftvollen 350-cui-V8 wurde die Vorderachse von einem 77er Camaro mit Servolenkung und Scheibenbremsen verpflanzt. Das gesamte Interieur wurde neu gesattelt und bezogen, alle Gummis getauscht und neue Weißwandreifen aufgezogen. Himmy verwendete möglichst Neuteile – der Grill, die Stoßstangen, die Spiegel und fast alle anderen Anbauteile erwarb er werksfrisch, aber im zeitgemäßen Original. Und was es nicht mehr original gab, wurde selbst gebaut und angepasst. Dann passte sogar die doppelrohrige Zweiviertel-Zoll-Flowmaster-Auspuffanlage drunter. Und sieht sieht nicht nur gut aus, sie klingt auch nach Rock n Roll und Wochenende. Alles an diesem Truck ist extrem geil. Das Drücken der massiven Türklinke öffnet den Weg in eine selbstgewählte, übersichtliche Welt aus Metall, Leder und Pinstripes. Alles analog. Das eiserne Kreuz der Fußmatten findet sein Farbpendant in den Dashboard-Malereien. Alle Schalter sind von Hand beschriftet, den Hebel am Lenkrad zum Einlegen der Fahrstufen ziert ein indianisches Totem.

Der mittig eingebaute Aschenbecher ist größer als so manches Gefrierfach, damals wurde noch geraucht. Auf den neu gesattelten Einzelsitzen fläzt es sich so gechillt wie in einer komfortablen Mittelklasselimousine. Wer schon einmal in einem normalen Transporter aus den 40ern gesessen hat, weiß, was bequeme Sitze für ein Gewinn sind. 

„Frida“ fährt. Sie lässt den tief unter der langen Haube kauernden V8 an, legt die Fahrstufe ein und flowmastert mit uns über die Landstraßen. Den Whiskey hat sie zwischen die Sitze geklemmt, der ist für heute Abend – abgesehen von den drohenden Aufmerksamkeitsdefiziten muss man sich nicht berauschen, um den GMC zu genießen. Erstaunlich, wie gut sich der Truck fahren lässt, wie straff, aber nicht eisenhart er die Unebenheiten nimmt und wie vorteilhaft so eine Servolenkung sein kann.

Die „Fuzzy Dice“ hängen nicht draußen, heute will niemand ein Rennen gewinnen. Die drei Gänge der Automatik schalten sauber durch, die Bremsen packen gut zu, der alte Herr strahlt eine dermaßen solide mechanische Zuverlässigkeit aus, dass man ihm fast danken möchte. „No Chip on board“ – keine Steuergeräte, keine integrierten Schaltkreise, kein CAN-Bus und keine Assistenzsysteme.

Aber auch kein Daily Driver, dafür ist er dann doch ein bisschen zu pur und rau. Und auch das meiste Gepäck, das wir Nordeuropäer so mitführen, soll wohl eher nicht auf der Ladefläche reisen, auch wenn die mit einer großen Plane bespannt werden kann. Aber ein Spaßmobil durch und durch. Das Auto ist ein Hobby, das sich ausführen lässt, das ständig mit Zuneigung bepuschelt werden muss und das gelegentlich auch mal bockig ist. Wer braucht da noch einen Hund?

In der Abendsonne treffen sie sich an der Scheune, die norddeutschen Barn Boys. Es ist Freitag, die Autos stehen aufgereiht auf der Wiese, der Grill knistert und das Leben ist schön. Weil es so einfach ist. Niemand checkt seine Mails oder SMS – und das nicht nur, weil es hier kein Netz gibt. Die Daten zum Auto werden mit einem Kugelschreiber auf ein Blatt Papier geschrieben. Kein Social Web gibt dir so eine Tour in einem harten, klassischen Hot Rod-Pickup. Und keine App grillt dir eine Wurst.

Darauf jetzt einen Whiskey, Jungs. Zimmertemperatur, ohne Eis. Straight.

TECHNISCHE DATEN

GMC Truck Longbed

Baujahr: 1948
Motor: V8
Hubraum:  5.740 ccm (350 cui)
Leistung: 155 kW (210 PS) bei 4.100 U/min
Max. Drehmoment: 516 Nm bei 3.200 U/min
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.950/ 1.850 / 1.910 mm 
Leergewicht:  1.490 kg
Beschleunigung 0–100 km/h: ca. 10 s
Top-Speed: ca. 155 km/h
Wert: ca. 50.000 Euro

Text und Fotos: Jens Tanz

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