Jaguar E 4.2 – Der Type, den es nie gab

am122011_7012_jaguar_e_type_00Michael Limbeckers Jaguar E 4.2 ist nicht museumsreif, aber dafür außergewöhnlich: Der rote Engländer mit den deutlichen Gebrauchsspuren gehört zur Serie 1.5. Aber die existierte offiziell nie. TRÄUME WAGEN suchte nach den Besonderheiten – unsere Hommage an 50 Jahre E-Type

Es waren die drei Scheibenwischer auf der Frontscheibe, die Michael Limbecker letztlich überzeugten: “So etwas besitzt kein anderes Auto. Den muss ich haben.” Dabei hatte er vorher noch nie an den Besitz so einer Sportwagen-Ikone gedacht: Die vielen Wischer gehören zum Jaguar E. Das Auto, das in diesem Jahr 50 Jahre Existenz feiert. Das die Mehrheit der Sportwagen-Freunde für das schönste Auto aller Zeiten halten.

Dabei suchte der 47 Jahre alte Softwareentwickler aus Lübeck eigentlich etwas komplett anderes – einen Dodge Charger. “Ich sah mal einen, hörte den V8 und dachte: Der ist es.” Er beauftrage Philip Ewerwahn vom Hamburger Oldtimer-Spezialisten Carmania, ein gutes Exemplar in den USA zu suchen. Der schaute sich in den Staaten um, aber die Auswahl war ausgesprochen mager – auch wenn Limbecker ein Gebrauchsauto wollte und kein Museumsstück. “Und dann sah ich drei Scheibenwischer mit einem schicken Auto dran…” Da war es um ihn geschehen, Vergessen der Dodge, Ewerwahn musste auf E-Type umswitchen. Und wurde fündig: In Reno, Nevada, stand ein rotes Exemplar für 23.000 Dollar. “Der amerikanische Gutachter wies ihn als ‚decent driver’ aus – die Optik versprach einen guten Zustand.” Deswegen wollte er den und keinen anderen. Dass es sich um ein Auto der Serie 1.5 handelte, hatte er da noch gar nicht richtig registriert: Diese Bezeichnung gibt es offiziell nicht, aber sie beschreibt  – auch in der Literatur – die paar Autos, die zwischen der Serie I und der Serie II gebaut wurden. Ein Übergangsmodell.

jaguar_e_type_01Doch in Deutschland angekommen, musste sich Limbecker erstmal mit behutsamen Reparaturen beschäftigen. Denn die Vorbesitzer waren doch nicht so zimperlich damit umgegangen, wie es das Äußere versprach. Der tief liegende Unterboden zeigte Spuren von diversen Aufsetzern, die Kupplung war kaputt, die Bremsen technisch ungenügend und aus dem Motor leckte Öl.

jaguar_e_type_02Jetzt ist das gute Stück straßentauglich – auch wenn immer noch Öl tropft, wie es sich für einen alten Engländer gehört. Und wenn Limbecker runterschaltet, tut er es mit Zwischengas, weil es im Getriebe manchmal mächtig kracht. “Aber ich wollte nie ein Vorzeigestück, sondern eines mit echter Patina,” sagt der Lübecker.

Sein E-Type Fixed Head Coupé wurde am 19. März 1968 gebaut und am 9. April des gleichen Jahres zugelassen.  Und gehört damit zur Serie 1.5. Die besitzt bereits Modifikationen an Auspuff- und Ansaugkrümmern, um die damaligen US- Abgasgrenzwerte zu erreichen – einen wichtigeren Exportmarkt als Amerika gab es nicht. Auch der Vergaser war geändert. US-Versionen bekamen zwei Zenith-Stromberg-Gleichdruckvergaser samt Überströmverbindung zum hinteren Auspuffkrümmer, während die europäischen E-Type noch die drei SU-Vergaser behielten. Optisch verlor der Motor dadurch, dass die Nockenwellendeckel den später so Jaguar-typischen eckigen Rippenlook erhielten.

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Nicht perfekt, aber selten: Limbeckers E-Type im Detail.

Kurios auch ist die Ausstattung: Die 1.5-Versionen wurden in ihrer kurzen, etwa einjährigen Bauzeit (September 1967 bis Juli 1968) ständig verändert, die Exportfahrzeuge für den US-Markt unterschieden sich sogar in bis zu 21 Details zu dem Euro-Modell.

Zunächst wurde die Glasabdeckung über den Scheinwerfern weggelassen, die dadurch klaffenden Lücken mit Chromblenden verziert. Eine Warnblinkanlage wurde eingebaut, das Lenkrad entspiegelt (!). Die Linkslenker wie Limbeckers Exemplar erhielten neue Zentralverschlussmuttern ohne Flügel, die Räder wurden mit Radialgürtelreifen bestückt.

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So muss ein E-Type sein: bestückt mit einer Phalanx an Schaltern und Rundinstrumenten sowie dem bissigen Jaguar-Logo an exponierter Stelle.

Innen konnten die Sitze dank neuem Verstellmechanismus besser den Insassen angepasst werden, und den sich verschärfenden Sicherheitsvorschriften wurde mit überarbeiteten Gurten, in die Türverkleidungen eingelassene Türöffnern und abgerundeten Fensterkurbeln begegnet. Zusätzlich erhielt der Innenrückspiegel eine Kunststofffassung  mit einem Halter, der erst bei 40 Kilo Druck an einer vorgesehenen Stelle abbricht.

Die ersten 1.5er bekamen noch die Kippschalter der Serie I, später wurden die von den USA vorgeschriebenen Wippschalter eingebaut. Zigarettenanzünder und das Start-Zündschloss wurden gegen schmerzhaften Aufprall geschützt, der Blinkerhebel erhielt zusätzlich die Hupenfunktion. Die Uhr erhielt Transistoren, die Batterieanzeige wurde durch ein Amperemeter ersetzt.

jaguar_e_type_06Das alles fällt dem Laien jedoch kaum auf. Der genießt die Ausfahrt im E-Type, auch wenn es im handgeschalteten Getriebe immer mal wieder kracht. Wir fahren über herrlich gewundene Landstraßen, und da merkt man, wie viel Platz die Beine haben. Die Kopffreiheit ist dagegen eher mäßig – bei einem Buckel auf der Straße hüpfen wir bis ans Dach – die Sitze sind wohl mal aufgepolstert worden. Ansonsten ist der E-Type wunderbar gebraucht. Die Besitzer-Historie des Lübecker Exemplars lässt sich allerdings nicht mehr ganz nachvollziehen: Der Daimler Heritage Trust kann nur Auskunft geben über den Zweitbesitzer, aber nicht über den Neuwagenkäufer. Jetzt hat das Auto knapp 100.000 Meilen auf dem Tacho.

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Optisch eindrucksvoll der flache Kofferraum.

Auch wenn der Zustand des Autos es nicht für ein Museum empfiehlt, schont Limbecker den Wagen. “Die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h würde ich nie ausprobieren,” sagt er, “denn die würde er sowieso nicht schaffen: Hinten steckt eine kurze Achse drin. Mehr als 190 km/h werden so nicht möglich.”

Bevor wir Lübeck verlassen, müssen wir Michael Limbecker allerdings noch von einer Fehleinschätzung befreien: Der E-Type war mitnichten der einzige Brite mit drei Scheibenwischern. Auch Morgan ließ die Scheibe von drei Wischern säubern, ebenso MG zum Beispiel in US-Modellen des B.

Kein Grund für Limbecker, dem Auto untreu zu werden. Den 1.5 wird er wahrscheinlich nicht mehr hergeben.

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Jaguar E Fixed Head Coupé
Motor: 4.2-Liter Sechszylinder-Reihenmotor
Kraft: 240 PS bei 5.400/min
Antrieb: Viergang-Handschaltung, Hinterradantrieb
Fahrwerk: Einzelradaufhängung rundum
Bremsen: Servounterstützte Scheibenbremsen rundum, hinten innen liegend
Radstand: 2.440 mm
Länge/Breite/Höhe: 4440/1650/1220 mm
Wendekreis: 10,9 Meter
Gewicht: 1.402 Kilo
Bodenfreiheit: 140 mm
Beschleunigung 0- 96 km/h: 7,1 s
Top-Speed: 241,5 km/h
Verbrauch (Werksangaben): 15,3 Liter auf 100 km
Gebaut: am 19. 3. 1968
Bilder: Andreas Aepler

4 Gedanken zu “Jaguar E 4.2 – Der Type, den es nie gab

  1. Hallo Michael,
    einen wunderschönen E-Type hast Du da
    Bin gerade mit dem Aufbau meines S2 Coupe beschäftigt. Es würde mich freuen, da wir dieselben Motoren fahren wenn Du mir folgende Fragen beantwortest. Wieviel Benzin braucht Dein Jaguar und welche Schwierigkeiten hattest Du bis jetzt mit der Technik.
    Danke Dir und noch viel Freude mit Deinem Coupe.
    Mit Grüßen Michael.

  2. Ich fahre seit 23 Jahren den Jaguar E S 1,5 den meine Tante Elenor im September 1968 zu Ihrem 50ten Geburtstag von ihrem Ehemann erhielt! Ich kenne den Wagen also seit 46 Jahren und er ist ziemlich original ! Natürlich mit ganzer Historie. Ich ” liebe” meinen Jaguar und fahre ihn immer wenn das Wetter gut ist! Er ist einfach top!
    Ich würde mich so gerne mal mit Herrn Limbecker treffen um über unsere Jaguar zu diskutieren!
    Bitte über e mail melden!
    Gruß Sylvia Warner

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