„Fragen Sie Frau 8“ – die Ratgeber-Kolumne in Träume Wagen: Auf der Kippe

Probleme mit dem Wagen, der Frau oder dem Leben an sich? In dieser Rubrik gibt Wiebke Brauer viele Antworten, mögliche Lösungen – oder einfach ein kleines Stück Hoffnung.

Auf der Kippe


Nicht mehr lange, und das Rauchen im Auto wird verboten. Darauf eine letzte Zigarette.

Verboten. Keine Zigarette im Stau, kein Aschen mehr aus dem Seitenfenster, kein Blau mehr unter dem Autohimmel. Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wollen das Rauchen in Autos untersagen, Bremen signalisiert Zustimmung, von bis zu 3000 Euro Strafe ist die Rede. Ich bin zwiegespalten. Zum einen erinnere ich mich gut an die endlosen Autofahrten, in denen mein Vater sich eine Pfeife nach der anderen anzündete und ich auf der Rückbank zu ersticken glaubte. Auf der anderen Seite glaube ich an die Eigenverantwortung. Natürlich hänge ich an Zigaretten, ich bin eine der letzten Süchtigen. Und wie allen anderen Rauchern schwebt auch mir ein klares Bild vor Augen: Der Filter berührt die Lippen, Glut glimmt auf, und ein zarter Rauchfaden kräuselt sich – ein flüchtiger Augenblick ist für die Ewigkeit festgehalten.

Die Zahl der Momente ist unendlich: Die erste Zigarette, wenn ich auf die Autobahn fahre. Die, wenn ich auf einem Rasthof stehe, auf meine Kiste blicke und dabei mit dem Zeigefinger gedankenverloren eine explodierte Fliege von der Scheibe wische. Die in der fiesesten Rushhour, bei der sich der Stress in Luft auflöst, weil Zeit sowieso relativ ist. Das satte Ploppen des Zigarettenanzünders, der aufschnellt. Das rote Auge der Glut. Das Firzeln des daran kleben gebliebenen Tabaks, der verkohlt. Das Knarzen der Aschenbecher-Lade im Strich-Achter, wenn man sie herauszieht. Die graue Wolke, die aufsteigt, wenn man sie ausklopft. All diese (mehr oder weniger) großartigen Augenblicke sehe ich und versuche, sie mit jeder Zigarette aufs Neue heraufzubeschwören. Die schwarz umflorte Warnung „Rauchen ist tödlich“ auf der Schachtel sehe ich nicht. Vermutlich auch aus pubertärem Trotz, weil Gesundheit eine Frage der Moral geworden ist. Der britische Soziologe Frank Furedi brachte es auf den Punkt: „Früher war man ein guter Mensch, wenn man in die Kirche ging, heute ist man einer, wenn man organische Nahrungsmittel kauft, vegetarisch lebt, nicht raucht oder trinkt.“ Und wie man merkt, fehlt in der Aufzählung nur noch das Autofahren mit einem Verbrenner, für das wir in der Hölle brennen werden. So gesehen: Nein. Ich bin kein guter Mensch. Ich glaube an das Feuer, Rauch und Asche, an Benzin, Öl und Ruß.

Text und Fotos: Wiebke Brauer

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