Mercedes-Benz 420 SEC W126 – Lady C. auf Sternfahrt

Für Lady C. kam seit jeher nur ein 126er Coupé in Frage. Im April 2008 war es soweit. Über ein W 126 Forum mit Hilfe des erfahrenen Schwagers fand sie einen 89er Lorinser-420 SEC. In Worms, top gepflegt, bei einem verkaufsunwilligen Steuerberater. Doch der Mann hatte keine Chance…

Christine aus Hamburg wusste vor gut drei Jahren genau, was sie wollte: Ein W126-S-Klasse-Coupé. Natürlich in einem gepflegten, technisch einwandfreien Zustand, als Alltagsfahrzeug. Schwager Hendrik, ein ausgewiesener Daimler-Experte, der seit jeher Besternte ums ländliche Familienanwesen platziert, war der Richtige, sie bei der Suche zu unterstützen. Über die Recherche in den einschlägigen W126-Foren wurde ihnen schnell klar, dass ein 420 SEC mit V8-Maschine und 224 Katalysator-gedrosselten PS die alltagstauglichste Variante sein würde. Obwohl unsere Protagonistin ganz ladylike auf die gediegene S-Klasse fixiert war, durfte ein gewisser Coolness-Faktor nicht fehlen: Dunkler Lack in Anthrazit bis Schwarz und natürlich beledertes Gestühl waren Pflicht. In Worms wurden sie dann fündig. Die Sache hatte aber einen handfesten Haken. Der Wagen war zwar inseriert, doch trennen wollte sich der Besitzer, ein Steuerberater, nicht von seinem Liebling. Lady C. hakte nach: Ein top gepflegtes Exemplar ohne Reparatur- und Wartungsstau, in anthrazit-metallic mit grauer Alcantara-Ausstattung und allen 1989 erhältlichen Extras. Dazu eine dezente Tieferlegung mit Lorinser-Alu-Felgen und -Leder-Sportlenkrad, feine Details des anerkannten Mercedes-Veredlers. Noch ein Plus: Kurz vor dem Verkauf wurde beim Kilometerstand von 218.000 ein neues Automatik-Getriebe eingepflanzt. Als sie diese Details erfuhr, war es völlig um sie geschehen. Christine checkte oneway nach Worms ein, setzte sich in den Wunsch-Wagen, und becircte den Besitzer.

Das heftige Tauziehen endete wie so oft: Die Frau gewann. Allerdings musste auch sie eine Kröte schlucken und einen höheren Preis als den ausgewiesenen akzeptieren.. Der Preis ist geheim, doch soviel sei verraten: Sowohl Schwager als auch andere Experten hielten den Deal für überteuert. Sie zahlte mit einem Lächeln. Und fuhr auf eigener Achse souverän zurück in die hanseatische Heimat. Seitdem sind drei volle Jahre ins Land gegangen und Hamburg und Umgebung werden bis zum heutigen Tag durch diese einmalige Kombi bereichert – eine hochgewachsene Blondine in einem endcoolen Youngtimer-S-Klasse-Coupé als Daily Driver sieht man nicht alle Tage. Die S-Klasse mit dem internen Code W126 dagegen schon: Sie wurde von 1979 bis 1991 in 892.123 Exemplaren produziert, das Coupé nur 74.060-mal.

Insgesamt ist die gesamte Baureihe W126 bis heute die erfolgreichste Oberklasselimousine aller Zeiten. Sie wurde 12 Jahre lang gebaut und hielt weltweit Einzug besonders in die Fuhrparks der Staaten, Prominenten und Wohlhabenden. Im Herbst 1981 wurde das Coupé (C126) vorgestellt. Dafür wurde die Bodengruppe der S-Klasse um 85 Millimeter gekürzt. Als Ausgleich zu den fehlenden B-Säulen wurde die Dachrahmenstruktur verstärkt, und in die A-Säulen wurden hochfeste Rohre eingeschweißt. Damit entsprachen auch die Coupés dem Sicherheitsstandard der S-Klasse-Limousinen. Es gab ausschließlich V8-Motoren mit 218 bis 300 PS im 420, 500 und 560 SEC – je nach Baujahr und Katalysator-Bestückung. Mercedes-Chefdesigner Bruno Sacco spendierte dem Coupé noch einen breiteren, auffälligen Kühlergrill mit großem Stern-Emblem – eine klare Ansage im Rückspiegel von Vorausschleicher.

Kein Wunder, dass sich Christine am und im SEC wohlfühlt. Hat sie Passagiere gibt es immer einen Lieblingssong zum Mitsingen, gern eine Zigarette und jede Menge Lässigkeit. Das Ein- und Ausparken gelingt perfekt, umsichtige Manöver sind Christines Ding. Dabei hat der Wagen immerhin eine Länge von fast fünf Metern und eine beeindruckend lange Motorhaube. Wer Christine jetzt im Sommer in ihrem B-Säulen-freien Edelblech-Ambiente antref­fen sollte, darf in einem möglichen Gespräch über das Auto eines nicht erwarten: Geschichten über Probleme, Mängel, Reparaturen oder sonstigen Ärger. Das Einzige, was sie ihrem SEC in den vergangenen drei Jahren außer Öl- und Reifenwechseln spendieren musste, war ein neuer Scheibenwischermotor. Womit der W126 seinem unverwüstlichen Ruf erneut gerecht geworden ist. Dabei stellt sie den Wagen des Nachts noch nicht einmal konsequent in der Tiefgarage ab. Gerne wird der SEC auch im Wohnviertel nahe der Hamburger Reeperbahn geparkt. Angesprungen ist er noch immer. Die gut 15 Liter Verbrauch werden dabei stoisch in Kauf genommen. Schließlich fährt Lady C. in ihrem absoluten Wunschfahrzeug. Da kann der Wunsch nach wenig Verbrauch schon mal in den Hintergrund rücken…

Technische Daten
Mercedes-Benz 420 SEC
Werkscode: W126 E42
Baujahr/EZ: 23.03.1989
Neupreis: DM 106.818,-
Leistung: 224 PS
Hubraum: 4.196 ccm
Bauform: 8 Zylinder-V-Motor
Bohrung x Hub: 92,0 x 78,9 mm
Maximalleistung bei Drehzahl: 224 PS bei 5.400 1/min
Max. Drehmoment: 325 Nm bei 4.000 1/min
Verdichtung: 10:1
Gemischaufbereitung: Bosch KE-Jetronic, mechanische Einspritzung
Getriebe: 4-Gang-Automatik
Antrieb: Heckantrieb
Beschleunigung: 0-100 km/h in s: 8,3
Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h
Vorderachse: Einzelradaufhängung, Doppel-Querlenker, Schraubenfedern, Gummi-Zusatzfedern
Hinterachse: Diagonal-Pendelachse, Schräglenker, Schraubenfedern, Gummi-Zusatzfedern
Bremsen vorne/hinten: Scheiben
Felgen/Reifen: Lorinser 17 Zoll auf 255/40 ZR 17
Länge: 4.935 mm
Breite: 1.828 mm
Höhe: 1.407 mm
Leergewicht: 1.670 kg

 

Bilder: Christian Böhner

2 Gedanken zu “Mercedes-Benz 420 SEC W126 – Lady C. auf Sternfahrt

  1. Den hatte ich als 500SEC EZ1981 und als 560SEC EZ1991 jeweils für über 3 Jahre
    Leider hat in beiden Fällen der Rost uns getrennt.
    Schade drum, denn ich fand diese 2 Wagen echt toll.
    Auch meine Frau liebte sie und fuhr sie auch gerne selbst.

    So long,

    Marlboroman

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