Last Gas-Station Wagon for 200 Miles

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Dan Levon steht vor seinem 1985er Ford LTD Country Squire Station Wagon und betrachtet ihn wie einen alten Freund, den er durch und durch kennt. Diesmal nicht auf einem pixeligen VHS-Video, diesmal in Full-HD und in Full-Size vor seiner Haustür. Inzwischen kann er die Modellbezeichnung des Autos auch fehlerfrei aussprechen.

Der im niedersächsischen Eschershausen lebende Musiker hat nicht lange gesucht – er hat gefunden und gekauft. Sein LTD genießt in den letzten Ausbaustufen auf deutschem Boden zurzeit mehr Exotenstatus als ein Ferrari oder Bentley. Ende der 70er wurde der „große“ LTD für kurze Zeit auch in Deutschland angeboten, aber da der Wagen heute bei einem durchschnittlichen europäischen Klassiker-Liebhaber ungefähr so viele Emotionen weckt wie ein Roggenmischbrot, haben nur eine Handvoll Fahrzeuge überlebt.

Die meisten davon wurden vermutlich von hier stationierten amerikanischen Soldaten nach ihrer Dienstzeit zurück gelassen. Warum sollte auch jemand so ein kantiges, weitestgehend wertloses und ganz normales Fahrzeug aus den USA nach Deutschland importieren? Die „Kult“-Gemeinde hat sich lieber auf den Caprice eingeschossen.

am0414_ford_ltd_12Sie sind eben keine Hauptdarsteller, die amerikanischen Butter-und-Brot-Kastenkisten der 80er.
Levon öffnet die hintere Klappe des fast 5,5 Meter langen Station Wagon weit ausladend wie eine Wohnzimmertür (man kann sie auch wie bei einem Pick-up zweiteilig aufklappen) und legt seine E-Gitarre rein – ein Rockmusiker sollte immer seine Klampfe dabei haben. Sie verschwindet fast auf der riesengroßen Ladefläche mit der versenkbaren dritten Sitzbank. Dann kratzt er die zugefrorenen Scheiben frei, gleitet auf den braunen plüschigen Vordersitz und schaut sich erst einmal um. Genau so muss für ihn ein Auto sein. Ausladend, breit, bequem. Und dabei doch so genial einfach aufgebaut, dass fast jeder Schrauber der Mechanik und der Technik Herr werden kann – die Ersatzteile kosten sowieso weniger als bei einem Golf III.

So richtig geliebt wurde der Kunstholz-beplankte Country Squire von seinen Vorbesitzern nicht. Der Lack blättert hier und da ab, ein paar Rostblasen überziehen die Falzkanten und die Rücksitzbank ist einst gegen eine andere ausgetauscht worden. Die Felgen und Reifen sind auch nicht original und viel zu groß, der Tempomat zuckt nicht mehr. Levon will sich um das alles nach und nach kümmern und seinen LTD später wieder in den Originalzustand zurück versetzen.

Ein paar Mal das Gaspedal pumpend durchtreten, den Schlüssel drehen – und das Fünfliter-Triebwerk erwacht ein bisschen bockig zum Leben. Der alte V8 mag das nasskalte frostige Wetter nicht so gern. Gerade weil er kein Hauptdarsteller ist, wird er täglich bewegt – außer bei Schnee und Salz. Noch mehr Rost muss ja nicht sein.

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Der Musiker ist auf dem Weg zum Proberaum seiner Band „Barons Ball“, die gerade ihr Album „Roadkill“ bei Artist Station Records veröffentlicht hat. Die CD liegt auch im nicht zeitgenössischen USB-CD-Radio in der Mittelkonsole, gleich über dem randvollen Aschenbecher. Rockmusik, handgemacht, ehrlich und gut, genau wie das Auto. Track Nummer 5 drückt aus den Einbaulautsprechern, als der Sänger und Gitarrist die Fahrstufe einlegt und der V8 versucht, seine Zündfolge mit dem Beat der Ballade zu synchronisieren.