Leserauto: 1968er Chrysler New Yorker von Kevin Erkner

Was haben die 60er-Serien “Codename U.N.C.L.E.”, “The Green Hornet”, “Mission Impossible” und “Batman” gemeinsam? Bei allen rauscht irgendwann ein Chrysler New Yorker durchs Bild. Nicht in der Hauptrolle, aber nicht zu übersehen, denn der Mopar verfügte über wahrhaft opulente Ausmaße. Kevin Erkner setzt noch eins drauf: Sein 68er ist nicht nur gigantisch, er ist absolut einzigartig

Dabei fängt die Story nicht gut an. Als Kevin den New Yorker im Herbst 2013 in Oberösterreich kaufte, war der im originalen Zustand mit schöner Patina, wie es nach 45 Jahren nun mal unvermeidlich ist. Kevin? Österreich? Mopar? Klingelt da was? Klar, den Mann kennen wir. An den Schläfen trägt er Tattoos vom Käfer und Bus, auf der Hand prangt Johnny Cash, sein knallgelber T5 ist mit dem Porträt des unsterblichen Country-Barden samt Schriftzug „Walk the Line“ beplankt. Für den selbstständigen Maler ist das wirksame Außenwerbung, irritierten Blicken trotzt er mit freundlichem Selbstbewusstsein. Mit dem undezenten New Yorker fällt er natürlich noch mehr auf, aber als Firmenwagen ist der ihm zu schade. Dafür hat er sich sogar von seinem 67er Coronet getrennt, der durch die TRÄUME WAGEN 1/2020 donnerte. Schmerzhaft, aber nicht der Grund, warum die Story mit einem Missklang beginnt: Im Frühjahr 2014, bei der ersten Ausfahrt mit dem über Winter aufgehübschten New Yorker, krachte ihm ein Volldepp hinten rein. Heck kaputt, Seitenwand kaputt, Zierleisten zerbröselt und zu allem Überfluss kein Wertgutachten … grande Katastrophe, um es mal druckfähig zu formulieren.

Das Gespräch mit der Versicherung verlief ähnlich ernüchternd: Für die Blechreparatur würde sie bezahlen, ebenso für eine Teillackierung. Teillackierung bei einem bald 50 Jahre alten Klassiker!! Kevin hatte genug und beschloss, den New Yorker selbst aufzubauen, ihn blank zu schleifen und komplett neu lackieren zu lassen. Man ahnt es schon: Dabei blieb es nicht. Unterm Strich schraubte, finishte und optimierte Kevin volle  sieben Jahre an seiner Preziose, als Krönung kam ein neuer Motor statt des verbauten 7,2-Liter-V8 unter die Haube, der mit Stroker-Kit auf satte 512 cui kommt: 8,4 Liter! Ach ja, Getriebe und Bremsen wurden der gewaltigen Power natürlich angepasst, und, weil er schon mal dabei war, bekam auch der Unterboden eine Lackdusche und der Innenraum ist neu beledert. Aber jetzt! Noch ein letzter Check bei Mugrauers Mopar Garage und dann gehts los. Wie sich die Kolossalfuhre bewegen lässt, hat Kevin zwischendurch immer mal wieder getestet, das Gesamtpaket verspricht nicht weniger als den Himmel auf Erden, denn Kevin hat ein gutes Auto noch besser gemacht.

Die siebte Generation des Chrysler New Yorker, gebaut von 1964 bis 1968, geizt von Haus aus weder mit inneren noch äußeren Werten. Er war selbsttragend mit einem auf Gummi gelagerten Hilfsrahmen konstruiert, der Korrosionsschutz war ordentlich, an der Vorderachse kamen lange Federstäbe zum Einbau, die Räder wurden von Trapez-Dreieckslenkern und unteren Querlenkern geführt, hinten tat eine Starrachse mit Halbelliptikfedern ihren Dienst und zeitgemäß waren die Wagen mit Trommel-, ab 1967 mit Scheibenbremsen ausgerüstet. Aus 6.746 cm3 Hubraum wurden 345 SAE-PS bei 4.600/min generiert, geschaltet wurde automatisch per 3-Gang Torqueflite Eight Wandlerautomatik. Für die aufgerufenen 36.900 Mark hätte man damals sechs 1300er Käfer bekommen – aber wer stellt sich ernsthaft vor so eine Wahl? Über 200.000 New Yorker der siebten Generation wurden in vier Jahren gebaut, wobei Kevins Coupé zu den selteneren Vertretern gehört.

Und wie fühlt man sich nun in so einem Statement-Car, das mit fast sechs Metern Länge klotzt? „Einzigartig!“, fasst Kevin zusammen, „großer Motor, großes Coupé, alles so, wie ich es haben will.“ Der mehr als üppige Innenraum, die vielen Komfortattribute machten das Fahren schon in den Sechzigern zum Genuss und wer glaubt, der Mopar verlange nach beherztem Zugriff, irrt: Fingerspitzengefühl ist mehr gefragt als rohe Muskelkraft, denn die servo-unterstützte Lenkung dreht spielend leicht und die Scheibenbremsen reagieren auf minimalen Pedaldruck. Die Gänge flutschen automatisch, der linke Arm kann somit lässig aus dem Fenster baumeln und sorgt fürs richtige Flair. Die Übersicht ist prächtig und kaschiert die Gardemaße, der satte Fahrkomfort entkoppelt die Besatzung weitgehend von Straßenunebenheiten, man schwebt sozusagen über den Dingen … Allein das Einparken in einen österreichischen Norm-Parkplatz gehört nicht gerade zu den leichten Disziplinen. Aber das liegt an Österreich, nicht am New Yorker.

Und der Motor! Der Motor! Der absolute Hammer! Der mächtige Hubraum ist die Lizenz zum Abräumen, egal wer, egal was sich versucht, ans Heck des Dickschiffs zu klammern. Aus den Tiefen der acht Töpfe grollt und wummert es bis zum infernalischen Brüllen, wenn Kevin mal so richtig sauer wird und es den steirischen Halbstarken zeigen will. Dabei kratzt es ihn eigentlich gar nicht, sich auf irgendwelche Streetwars einzulassen, wer weiß, wieviel Leistung unterm Blech lauert, hat es nicht nötig, sich provozieren zu lassen. Aber manchmal juckts halt schon … „Der New Yorker ist eigentlich was für gesetzte Leut“, grinst der knapp 30-Jährige, „für mich ist er aber einfach perfekt.“

Am liebsten fährt Kevin mit seinem Dampfhammer entspannt durch die Gegend, zum Eisessen, zum Baden, einfach zum Cruisen. US-Car-Treffen sind nicht so sein Ding, auch wenn er mitten im Musclecar-Hotspot Österreichs wohnt. Zu viel Gelaber, zu wenig echtes Wissen. Und zu viele dumme Fragen: Wie teuer, was braucht der, was ist das überhaupt etc. Kevin weiß, dass er jeden Euro gut angelegt hat, auch wenn sich die Komplettresto in sieben Jahren auf sportliche 70.000 Euro summiert hat. Ohne den Anschaffungspreis, versteht sich, aber der war ja vergleichsweise schlank.

Kevin schweigt und genießt. Für seinen grünen Traum hat er sich immerhin vom Coronet getrennt, hat etliche Mopeds aus seiner stattlichen Puch-Sammlung versilbert, bleibt seinem Johnny-Cash-Bus treu und backt bei künftigen Restaurationen kleinere Brötchen. Als da wären Käfer, T5 und A8. Unter anderem. „Man kann sich ja Zeit lassen“, grinst Kevin, „wird schon alles …“ Glauben wir. Wenns so perfekt wird wie bei dem Wahnsinns-Chrysler, hat Kevin mal wieder alles richtig gemacht.

Technische Daten Chrysler New Yorker

Baujahr: 1968
Motor: V8
Hubraum:  512 cui/ 8.390 cm3
Leistung:  441 kW/600 PS
Beschleunigung:  0-100 km/h  in 10 s
Vmax: ca. 180 km/h
Drehmoment: 750 Nm
Antrieb:  Hinterräder
L/B/H:  5.880 x 1.979 x 1.206 mm
Getriebe:  Automatik
Preis (1968): 36.900 DM

Extras:

Kurbeltrieb feingewuchtet
Alu Trickflow Zylinderköpfe
Ansaugspinne von Holley mit 850er Holley vergaser
Edelstahl-Rollerkipphebel
Nockenwelle, Pushrods von Competition Cams
MSD Zündanlage
Tti Headers mit 3-Zoll Auspuffanlage
Automatik mit Shiftkit und tti 2400 RPM Stallspeed Wandler
Brembo 6-Kolben Bremsen
Gelbe Scheinwerfer

Text: Marion Kattler-Vetter, Fotos: Daniel Murgg

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