Verrückt nach EVO: Michael Arlt und sein Mercedes-Benz 190 EVO I


Verrückt nach EVO: Michael Arlt und sein Mercedes-Benz 190 EVO I

Mitte der 70er-Jahre schockte Mercedes-Hausdesigner Bruno Sacco mit einem neuen Stil: Klare Kante, kompakt, dezent. In der Stuttgarter Teppich-Etage sorgte er nicht gerade für Begeisterung, war aber zukunftsweisend: Fast 1,9 Millionen W201 liefen bis 1993 vom Band, der 190er mit seinem zeitlosen Design überzeugt bis heute.

 

Auch wenn er auf das junge BMW-3er-Publikum zielte, galten die Konzernprinzipien: bei Qualität, Sicherheit und Fahrkultur durfte es keine Abstriche geben. So wurden beispielsweise acht Hinterachs-Grundkonzeptionen in 77 Varianten abgecheckt – wohl der Grund, warum die schließlich favorisierte Raumlenker-Hinterachse bis heute noch immer Standard ist. Im Dezember 1982 wurde der Baby-Benz öffentlich vorgestellt, zunächst mit Vergasermotor und 90 PS und als Einspritzer mit 122 PS. Der Käuferansturm hielt sich in Grenzen, erst mit dem Ausbau der Modellpalette (190 Diesel, Sportmodell 190E 2.3-16, 190 D 2.5, 190 E 2.6 und die neue Generation von Sechzehnventilern 1986) erfreute sich der Kompakt-Benz steigender Beliebtheit. Mit dem 190E 2.5-16 kam 1988 ein neues Topmodell, der Knaller folgte ein halbes Jahr später: der 190E 2.5-16 Evolution (EVO 1), der zur Homologierung des Gruppe A-Rennsportwagens in einer limitierten Auflage von 500 Stück produziert wurde, gefolgt vom EVO 2 mit ebenfalls 500 Homologationsmodellen – Mercedes wollte endlich im Rallyesport mitmischen. Zu vielen Einsätzen kam es nicht, also wurde entschieden, bei den Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM) einzusteigen. Hier zogen die Schwaben allerdings immer wieder den Kürzeren und man rüstete nach, um gegen BMW M3 und Audi V8 eine Chance zu haben. Und sparte gleichzeitig bei der Homologation: Das Gruppe-A-Reglement verlangte nach 5000 produzierten Basismodellen, bei der DTM waren aber zusätzliche Evolutionsvarianten zugelassen, die mindestens 500 Mal gefertigt werden mussten.

Optisch änderte sich beim EVO 1 gegenüber den Basismodellen wenig: Dickere Räder, breite Kotflügel, Frontspoiler und ein auffälliger Heckflügel. Der Kolbenhub wurde reduziert, das Fahrwerk um 19 mm abgesenkt. Das höhere Gewicht machte der EVO 1 durch knackiges Handling und williges Kurvenräubern wieder wett. Sein Nachfolger mit deutlich monströserem Heckspoiler schaffte es 1992 unter Klaus Ludwig auch endlich, den DTM-Titel zu erringen und die BMW M3 einzubremsen. Die meisten der insgesamt 1.000 Evolutionsmodelle aber fuhren mehr oder weniger brav auf der Straße, landeten bei Sammlern und wurden geschont. Allerdings nicht bei Michael Arlt. Der Mann aus Teutschenthal hat nicht nur seinen EVO 1 aus dem Schweizer Exil geholt, er hat einen ganzen Fuhrpark verschiedenster 190er und mit seiner Macke die ganze Familie angesteckt. Den EVO 1 kaufte er 2005 in miserablem Zustand und investierte ein Jahr Arbeit, um ihn wieder zum Rollen zu bringen. Mit zäher Beharrlichkeit trug er alles  zusammen, was er brauchte, selbst Unmögliches wie das Flap für den Heckflügel oder den Bugflachspoiler für die Frontstoßstange. Was er nicht bekam, baute er nach, für den gelernten Kfz-Elektriker eine leichte Übung. „Angefangen hat alles mit der Wende“, erinnert sich der 190er-Fanatiker, „da war ich zehn und meine Eltern wollten sich ein West-Auto kaufen.“ Es wurde aber kein Opel, kein Golf und auch kein Fiat, es wurde ein zypressengrünes 190er Vergasermodell, für den die völlig geflashte Familie alles zusammenkratzte, was ging. 120.000 Kilometer bei Kauf, 300.000 km acht Jahre später, als ihn Micha übernahm. Als er dann beim Nachbarn einen 190 E 2.3-16 aus der Garage brüllen hörte, war es endgültig um ihn geschehen: So einen musste er haben. Drei Jahre später war es soweit: Die Lehre war abgeschlossen und der 16-Ventiler kam ins Haus, der erste, aber nicht der letzte. Bruder, Vater – alle fuhren einen und 2003 dann die Steigerung mit dem EVO 1, den Micha im Internet entdeckte und ohne nachzudenken aus der Schweiz holte. Beruflich ging’s weiter mit Abitur nachholen und Studium, heute ist Micha Dipl. Ing. für Technische Dokumentation. Ganz nebenbei baute er diverse 190er Clubs mit auf, organisiert den bundesweiten Erfahrungsaustausch samt Teileversorgung, veranstaltet Treffen, fuhr bei den EVO-Race-Days mit und natürlich schraubt er an sämtlichen 190ern der Familie herum. Das erworbene Wissen und  Können, was er sich im Laufe der Jahre angeeignet hat, macht Micha zu einem gefragten Spezialisten, was Kontakte und Freundschaften aus halb Europa und sogar Übersee eindrucksvoll belegen.

Dass es gerade ein wenig ruhiger geworden ist, liegt nicht am abflauenden Interesse, sondern am Nachwuchs: Die beiden Knirpse fordern ihr Recht, auch wenn sie eindeutig Benzin im Blut haben: die 6-jährige Tochter fährt am liebsten Cabrio. Denn, wen wundert´s, Michael hat außer seinem EVO 1 natürlich noch mehr Sternträger: ein 129er SL Cabrio, einen 190 2.3 Avantgarde Azzurro als Daily Driver, einen äußerst seltenen KAT-losen 2.5-16V und einen Familienkombi, den überwiegend seine Frau steuert. Dass Vater, Bruder und weitere Familienangehörige ihre Häuser in der gleichen Straße haben, hat der kleinen Gemeinde schon den Ruf einer heimlichen Mercedes-Hochburg eingebracht. Es wäre zu überlegen, ob man Teutschenthal nicht mal umbenennt. Home of 190 wäre doch was. Oder zumindest Arlt-City. Wir arbeiten dran…

Kontakt zu Michael Arlt: www.mb190.de

Autor: Marion Kattler-Vetter – Fotos: Michael Arlt, Maurice Riehl molights.de
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