Mercedes-Benz S 123 230 TE – 
Der Vater aller Kombis

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Sie waren die Kleinlaster der besser verdienenden Handwerker: Kombis – vorne Auto, hinten Ladefläche. Sie mussten hart arbeiten und wurden im Alltag nie geschont. Die Urahnen sind heute nicht bieder, sondern cool: Leser Patrick Blömer hat sich mit dem ersten Serienkombi von Mercedes-Benz als 280 TE einen Lebenstraum erfüllt

Immer diese Kindheit. Patrick Blömer hat Bilder im Kopf, wie er auf dem Rücksitz des hellblauen 123er T-Modells seiner Eltern mit seinem Bruder rumtobt und auf dem Weg in den Kindergarten ist. Oder in Richtung Sommerurlaub auf Sylt. Dazu im Ohr der Soundtrack der 80er – Opus knödeln ihr nerviges „Live is Life“ und Jennifer Rush haucht „The Power of Love“. Das brennt sich ein.

Auch die begreifbare, klassische Formensprache des letzten „Chromliners“, die rechteckigen Scheinwerfer, die barocken Kanten und die elegant-konservativen Armaturen haben ihn wesentlich nachhaltiger beeindruckt als das elterliche Nachfolgemodell, ein 124er. Neben der Musik macht sich ein Floh im Ohr breit. Und neben der späten Erkenntnis, dass die Partyrockband von damals nur eine Blaskapelle aus der Steiermark ist und das dunkel gelockte Charts-Luder mit den schönen Balladen eigentlich Heidi Stern heißt, reift der Wunsch nach dem damaligen Auto.

Ein Stern, der aber nicht Heidi heißt, sondern intern S 123 genannt wurde. Noch so eine Erkenntnis. Er will so einen Kombi. Und er fängt an zu suchen.

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Mercedes-Benz versuchte sich in den späten 60ern mit der Heckflosse (Baureihe 110) schon einmal an einen Kombi, der jedoch mit nur rund 3.000 unter Lizenz in Belgien gebauten Exemplaren ein echter Exot blieb. Außer den Sonderaufbauten für Krankenwagen oder Bestattungsfahrzeuge hatte man anschließend keinen in Serie gefertigten Kombinationskraftwagen mehr im Angebot und überließ dieses Segment weiterhin Volvo, Opel und VW, bei denen die „Handwerker-Kleinlaster“ mit nacktem Metall auf der Ladefläche und rauer Funktionalität im Cockpit angeboten wurden.

Marktforschungen ergaben jedoch, dass sich Deutschland durchaus einen sportlichen, aber auch luxuriösen Fünftürer wünschte. Ford hatte mit dem Granada schon eine Menge sehr geräumigen Plüsch unter eine große Heckklappe gezimmert, der seinerzeit größte „Turnier“ verkaufte sich mit seinen antiquierten, aber zuverlässigen V6-Motoren ganz hervorragend. Also gab Stuttgart Gas. Auf der IAA 1977 stand er dann, der „Anti-Kombi“, der „Universal“, der „Stationswagen“, der am Ende nur als „T“ bekannt wurde. Für Tourismus und Transport. Der hinten erweiterte Mercedes-Benz entsprach technisch und von den Maßen der Limousine und wurde ab 1978 in Bremen gefertigt.

Und ja – er bot von Anfang an mehr kommoden Lifestyle als die anderen. Neben Leder und Velours auf den Bezügen gab es nirgendwo mehr blankes Blech zu sehen. Auf Wunsch konnte man eine asymme-trisch teilbare Rückbank ordern, und egal wie viele Gehwegplatten sich dann doch noch hinten auf dem Teppich stapelten, die serienmäßige Niveauregulierung pendelte den Wagen immer wieder aus. Es war ein wahrhaftiges Raumwunder. Fast die Hälfte seines Eigengewichts konnten Familienväter, Handlungsreisende und Handwerker beim S 123 zuladen, und selbst mit fünf Passagieren bestückt fanden sich hinten noch immer mehr als 520 Liter Laderaum. Bei geklappter Rückbank wuchs dieser auf fast 880 Liter an. Nur bis zur Fensterkante wohlgemerkt, nach oben war also noch Luft für die Schrankwand. Das gefiel nicht nur Handwerkern und Familien: Auch John Lennon fuhr bis zu seiner Ermordung 1980 einen 300 TD.

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Blömer und sein Floh im Ohr machen in den kommenden Monaten die klassischen Erfahrungen derer, die ein Fahrzeug haben wollen, was bis vor wenigen Jahren nur ein „altes Auto“ war. Fast alle besichtigten T-Modelle ab 3.000 Euro schmücken sich zwar schon mit dem H-Kennzeichen, sind aber weitestgehend in einem desolaten Zustand. Ein Mercedes wird gerne, lange und oft benutzt, denn dafür wurde er gebaut. Und gerade den Kleinlastern sieht man das, auch wenn sie gepflegt wurden, nach mehr als 30 Jahren auf der Straße einfach an.

Großflächige Rostnester, ausgelutschte Fahrwerke, verschlissene Bremsen; durchgesessene Sitze; nicht funktionierende Instrumente und Heckklappen, die nur noch von Lackresten in ihren Scharnieren gehalten werden. Anstehende Restaurierungskosten, und seien sie nur investiert, um ein Mindestmaß an Verkehrssicherheit wieder herzustellen, würden das Budget des Medien-Betriebswirts und TV-Regisseurs weit übersteigen.

Was er reichlich sammelt sind entsprechende Erfahrungen über die Schwachstellen zwischen 72-PS-Wanderdüne und 136-PS-Sportkombi, Kenntnisse über ihre Fahreigenschaften und Kontakte zu Autofreaks mit Benzin im Blut. So einer ist Den Levon, der Frontmann der Rockband „Barons Ball“, der seinen roten 230 TE feilbietet (in TRÄUME WAGEN 04/2014 haben wir den umtriebigen Musiker mit seinem Ford LTD Station Wagon porträtiert). Oder der lustige Holländer Jan van Dyck, der einen riesigen Mercedes-Schrottplatz und einen kompletten Fuhrpark besitzt und Blömer gleich mehrere T-Modelle Probe fahren lässt.

Aber sie sind alle nicht das, was Blömer sich vorstellt. Das Ziel der Suche steht allerdings gleich nebenan – letztendlich ist es ein sehr netter Tankstellenbesitzer aus Bochum, der einen Kombi auf dem Hof stehen hat, der die Basis des Projekts werden soll: Ein 1980er 280 TE nahezu in Vollausstattung und in einem seltsamen Metallic-Braun. Der Wagen ist technisch gesund und punktet neben dem 185 PS starken Sechszylinder mit einer ebenfalls braunen Lederausstattung, elektrischen Fensterhebern, Klimaanlage, einem Schiebedach und Zentralverriegelung. Mit diesen überzeugenden Argumenten fährt er den händlerseitig frisch getüvten „Merser“ nach Bergisch Gladbach zu seinem Leib- und Magen-Schrauber. Der Wagen wirkt fast perfekt – bis auf ein paar kleine technische Mängel, minimalen Rost und – die Farbe. Metallic Braun findet Blömer einfach nicht schön. Das passt zu einem neuen Sportwagen, aber nicht zu einem alten Kombi.

In der Bergisch Gladbach‘schen Schrauberwelt ließ Blömer schon einige Autos wieder auferstehen. Guido End, der Meister des Betriebes, ist mittlerweile zu einem Kumpel von ihm mutiert. Zusammen rücken die beiden dem alten Daimler aufs Leder und greifen dabei auf die Erfahrungswerte früherer gemeinsamer Projekte zurück. Ergebnis der ersten Inspektion: Alle Flüssigkeiten und Filter wechseln, diverse korrodierte Kabel und poröse Schläuche erneuern, den Motor neu einstellen, hier und da den nach so vielen Jahren leider doch vorhandenen Rost entfernen und das Fahrwerk sowie die Bremsen erneuern.

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Sonderwünsche? Eine klappbare Siebensitzer-Bank für den Kofferraum soll es noch sein, ein neues Radio mit guten neuen Lautsprechern und eine neue Tachoeinheit mit Drehzahlmesser. Schrauber End fängt leicht an zu grunzen, zumal eine komplette Neulackierung oben drauf kommen soll. Dunkelblau, Farbcode 904, so der letzte Sonderwunsch. Und irgendwie landet Blömer dann doch wieder bei einer fünfstelligen Summe. Aber über die kommenden Monate die Auferstehung des leicht maroden Oldtimers zu einem kerngesunden Alltagsklassiker zu erleben, zaubert ihm immer wieder dieses Lächeln ins Gesicht, das nur Männer haben können, die mit den Arbeiten an ihrem Klassiker zufrieden sind.

Aufgeregt legt Blömer ein halbes Jahr später die Strecke von Köln zu seinem Schrauberkumpel nach Bergisch Gladbach zurück. Das Ergebnis der Arbeiten übersteigt seine erotischsten Träume: Der dunkelblaue Lack funkelt mit den teils erneuerten und polierten Chromteilen um die Wette. Die hochglanzverdichteten Barockfelgen, die bei 2Gloss in Düsseldorf veredelt wurden, zieren Weißwandreifen. Das ist nicht wirklich zeitgemäß und kann von den Puristen gern beschimpft werden, aber am Ende ist wichtig, was dem Macher gefällt. Und der strahlt nun im Kreis beim Anblick seines auf „Ami“ getrimmten Raumgleiters.

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Blömer macht heute wieder das, wofür der Daimler mit der großen Klappe einst ersonnen wurde: Er nutzt den S 123 im Alltag mit seiner Familie.

Der 280 TE ist inzwischen in einem tadellosen technischen und optischen Zustand, dreht auch beladen hoch bis 210 km/h und liegt dank der dezenten Eingriffe der Werkstatt wie eine Bütt voller Beton auf dem Asphalt.

Live is Lifestyle. Die Fangemeinde wächst noch schneller als die Preise, und im „Kult-Faktor“ hat der barocke Gleiter längst den lange Jahre so begehrten Vorgänger /8 abgelöst. Er war noch vor kurzer Zeit der muffige, biedere Buchhalter-Mercedes aus den späten 70ern, belächelt, verramscht und in die dritte Welt verschleudert. Weltweit sind geschätzt noch rund 200.000 Fahrzeuge vom Typ W123/S123 unterwegs. Heute kann Patrick Blömer nicht mal mehr auf die Tankstelle fahren, ohne sofort in ein Gespräch verwickelt zu werden. The Power of Love. Denn wer wurde nicht in so einem Auto zum Kindergarten oder nach dem Geburtstag vom Vater des Freundes nach Hause gefahren? Die Zeit holt sich die Erinnerungen zurück und hinterlässt uns sehnsüchtig auf dem Rücksitz eines Mercedes-Benz.

Technische Daten

Mercedes-Benz S 123 230 TE
Baujahr: 1980
Motor: Reihensechszylinder
Hubraum: 2.307 cm3
Leistung: 136 kW (185 PS)
Max. Drehmoment: 196 Nm bei 3.500/min
Getriebe: Viergang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge / Breite / Höhe: 4.640 / 1.790 / 1.430 mm
Leergewicht: 1.380 Kilo
Beschleunigung 0-100 km/h: 10,2 Sek.
Top-Speed: 210 km/h
Wert: ca. 10.000 Euro

www.patrickbloemer.de

Dank an:
Lackiercenter End (www.lackiercenterend.de)
pixel cafe cologne (www.pixel-cafe.com)

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Fotos: pixel cafe cologne

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