Sixpack, nüchtern: Mercedes-Benz 220 SB (W111) 1961

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Deine erste Heckflosse lässt dich nicht los. TRÄUME WAGEN Leser Uwe Morgante hat schon vor 40 Jahren an dem dicken Benz mit dem amerikanischen Design rumgeschweißt, und als er vor zehn Jahren wieder etwas rückfällig werden wollte kam ihm seine Frau zuvor. Sie stellte ihm die „Große Flosse“ mit roter Schleife drumgebunden als Geburtstagsgeschenk vor die Halle.

Schwarze Erhabenheit, unangefochten, unangezweifelt. Kühle, kompromisslose Dominanz, auch über 50 Jahre nach seiner Geburt. Vor einer gewaltigen, grauen Betonwand steht ein Benz, eine Heckflosse. Eine „Große Flosse“, intern W111 genannt. Nein, er steht nicht, er liegt quasi vor Anker. Der Reihensechser schnurrt vor sich hin, als wolle er uns einen Deal vorschlagen, bei dem wir unsere Seele verkaufen müssen. Und Leute, er schnurrt so wundervoll und ruhig, dass wir das vielleicht sogar machen würden. Noch bevor sein Besitzer die Tür öffnet und aussteigt ist klar, dass wir den damaligen Herrscher der Autobahn vor uns haben.

Und zwar mit Ansage. Karl Wilfert und sein Team wollten es damals den Amis nicht unbedingt nachmachen. Dieses Flossending hinten, diese Candy- und Milchbar Philosophie der progressiv Freiheitsliebenden. Das hatte der damalige Chefdesigner bei Mercedes nicht nötig. Trotzdem riefen die Kunden da draußen laut (und zahlungskräftig) nach Designelementen, die ihren Ursprung jenseits des großen Teichs hatten. Man schaue sich nur einmal die Modelle von Ford gegen Ende der 50er Jahre an. Also besann man sich offiziell in den Prospekten vor allem auf technische Innovationen und bis dahin einzigartige Merkmale passiver Sicherheit in der Einheitskarosserie. Schließlich hatte man gerade einen Krieg verloren, das Land wieder ein wenig aufgebaut und ein paar neue Deutsche Tugenden etabliert. Haltbarkeit. Zuverlässigkeit. Und man nannte die deutlichen Heckflossen trocken-deutsch „Peilstege“, über die man besser einparken könne. Krasser war in diesem Detail später nur noch der W140, bei dem die kleinen Peilstäbchen aus den Kotflügelkanten ausfuhren.

1959 löste der W111 den altbackenen, noch sehr gutbürgerlichen „Ponton“ ab und lieferte als B oder SB die technische Basis aller Mercedes Modelle bis zum Ende der 60er Jahre. Mit dem „b“ hinter der Zahl grenzte sich das Modell vom Vorgänger ab, nicht dass es da zu Verwechslungen gekommen wäre. Der ähnlich auftretende, etwas kleinere und etwas kürzere W110 rundete die Mittelklasse-Palette nach unten ab, nach oben punktete der W112 als Oberklasse-Karosse, den 300 SE gab es auch als Coupé und Cabriolet mit abgerundeten Flossen und reichlich chromverziert sogar mit Luftfederung. Die Flosse war der erste PKW mit stabiler, verstärkter Fahrgastzelle und vorausberechneten Knautschzonen, die bei einem Crash die Energie des Aufpralls aufnehmen konnten. Denn wenn unser Opi auf das massive Blech der Vorgänger klopft und mit verklärtem Blick schwärmt: „Jaaa, das war noch echtes Blech!“ dann hat er zwar Recht. Und weil das damals so dick war sind die nicht konservierten Karren auch erst ein paar Jahre später durchgerostet. Aber bei einem Unfall sahen sich die Insassen der Autos eher mit Nachteilen konfrontiert, namentlich starren Motorhauben, starren Lenkrädern, starren Armaturenbrettern. Die Knautschzone der 50er war der Körper selbst, und wer jemals Fotos von Unfällen aus der Zeit gesehen hat weiß, dass damals nicht ausnahmslos alles besser war. Okay, Opi?

Der W111 erwartete seine Kundschaft mit einem Pralltopf im Lenkrad, das auf einer teleskopartig zusammenschiebbaren Lenksäule lagert. Die Keilzapfentürschlösser schmatzen nicht nur charakteristisch, sie verhindern auch ein Herausfallen der Insassen bei einem Aufprall. Zumal es auf Sonderwunsch sogar schon Sicherheitsgurte gab. Auf dem gepolstertem Armaturenbrett thront ein vertikal angeordneter Tacho. Kein Drehzahlmesser, logische Knöpfe. Der Benz gibt sich sachlich, niemals verspielt. Er ist mehr Sean Connery als James Bond. Und er ist definitiv nicht Elvis Presley, Flossen hin oder her.

Uwe Morgante geht in seinem Mercedes völlig auf. Der Wilhelmshavener lag schon vor über 40 Jahren schweißend und Blechtafeln verbratend unter der „kleinen“ Heckflosse, tauschte die aber später mit einer stattlichen Zuzahlung gegen einen /8 ein. Ganz losgelassen hat der amerikanisch aussehende Benz ihn nie, und vor rund 11 Jahren begann er, ein wenig zu suchen und Preise zu vergleichen. Die Flossensucht, bei der man Flossen sucht.

Im Ort fuhr ein schöner, glänzend schwarzer rum, auf den hatte er es abgesehen. Über den örtlichen Oldtimerverein erfuhr Morgante 2005, dass der Wagen zum Verkauf stünde. Als er sich aber direkt an den Besitzer wendete, war der Vorhang schon gefallen. Jemand anderes war schneller. Ein bisschen gefrustet, schließlich hatte er auch noch Geburtstag und sich gern dieses Geschenk gemacht, fuhr er damals zur Halle des Oldtimervereins, die man gerade gemeinsam umbaute. Und dort stand die schwarze Flosse, liebevoll mit einer roten Schleife umwickelt. Ein Geburtstagsgeschenk! Seine Frau hatte seine Recherchen mitbekommen und war schneller. Sie kaufte den 220 SB und präsentierte ihn ihrem Mann als Überraschung. Das muss Liebe sein.

Die Zeitreise kann beginnen. Der bärtige Mann dreht den Schlüssel, und der Reihensechser erwacht wieder zum Leben. TÜV war nie ein Problem, und außer den üblichen Flüssigkeitswechseln hat der alte Herr nur noch eine einzige Macke – die zerbröselten Lagerbuchsen des Schaltgestänges. Manchmal lassen sich nur noch der dritte Gang oder der Rückwärtsgang „reinwürgen“. Die „Hydrak“ von Mercedes arbeitet unterstützend mit und legt hydraulisch mit Unterdruck die Gänge ein. Anders als der seidenweiche Klang des Motors sind die Geräusche dieser Anlage noch nie wirklich eine Symphonie gewesen, und jetzt mit den ausgelutschten Buchsen und der Rührerei am Schalthebel…. na, sagen wir mal, es zieht eine leichte Gänsehaut über die Arme.

Oder ist dafür doch der frühsommerliche Wind in Küstennähe verantwortlich, der durch das offene Fenster reinweht? Der Wackeldackel nickt beharrlich, immer, den fragen wir lieber nicht. Mit leicht präsidialem Hauch rollt die Große Flosse los. In so einem Auto fühlt man sich heute wie ein Kanzler, dabei ist es doch „nur“ eine alte Oberklasse. Diese Formen, der Chrom, das tatsächliche Platzangebot (nur noch übertroffen durch die gefühlte Größe des Innenraums) stellen alles Moderne in den Schatten. Ein Hauch royales Beamtentum. Der Motor wirkt fast unterfordert mit seinen Aufgaben und drückt mechanisch nach vorn, nichts klappert, nichts quietscht. Über den massiven Stern auf dem Kühler peilen wir die Straße an und rufen in die Welt: Ja schau, Amerika, das konnten wir damals auch! Es fehlt ihm die verspielte Überheblichkeit der zeitgenössischen Straßenkreuzer, dem 220 SB. Man kann das vermissen, man kann das aber auch als sachlich angenehm empfinden. Jeder wie er mag. Der „Finnie“, wie die Amis ihn nennen, ist darüber erhaben und pflügt unbeirrt seinen Weg durch das Land wie ein Schiff. Noch nie hat uns ein Sixpack so gut geschmeckt, und noch nie war alles danach so nüchtern.

TECHNISCHE DATEN

Daimler-Benz 220SB (W111)

Baujahr: 1961
Motor: Sechszylinder Reihe
Hubraum:  2.195 ccm
Leistung:  81 kW (110P S) bei 5.000/min
Max. Drehmoment: 171 Nm bei 3.500/min
Getriebe: 4-Gang-Schaltung „Hydrak“
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe:  4.820/1.780/1.490 mm
Leergewicht: 1.345 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 15,0 s
Top Speed: 165 km/h
Wert: ca. 32.000 €

Text und Fotos: Jens Tanz

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