Lifestyle-Laster: Mercedes Benz 300 TD S123

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Das erste T-Modell von Mercedes machte den Kombi gesellschaftsfähig. Uwe Morgante besitzt nach vielen Varianten im Alltagsbetrieb endlich genau das Modell, das er immer haben wollte. Und hat sich damit fast schon eine Wertanlage zugelegt

Es ist kalt heute in Wilhelmshaven. Der Westwind weht über den Weserport – leere Flächen und rostende Kräne erzählen trotz Sonne eine dunkle Geschichte von Fehlplanung. Ganz anders der gepflegte Stauraum, der im Sperrbezirk vor das Containerterminal rollt. Leise, sonor und vertrauenerweckend nagelt der Fünfzylinder-Diesel vor sich hin und scheint zu rufen: „Vati kommt nach Hause.“ Zumindest ist für viele von uns dieser Vorgang der 70er und 80er mit genau diesem Geräusch verbunden.

Uwe Morgante ist auch Vati, und zusammen mit seinem Sohn Mike und dessen Schwägerin Linda sind die Bremerhavener heute mit uns hier rausgefahren. Auf dieser Seite der Tore dürften wir uns eigentlich gar nicht aufhalten. Aber die Sonne funkelt so verlockend auf den Umschlagplatz – mal sehen, wann der Werksschutz den mahnenden Zeigefinger hebt.

Carpe diem. Der Diesel läuft, nagelt und sirrt leise mit dem Turbolader, als könne er durch nichts von seinem Tun abgehalten werden. Außer vielleicht, wenn das Heizöl im Tank alle ist, aber das dauert erfahrungsgemäß sehr lange. Was für ein dickes Ding. Und wie schön anzusehen, was einst als spießig galt. Die Mercedes-Fangemeinde ist sich bei jedem auslaufenden Modell seit Jahrzehnten sicher, dass es der letzte echte Benz sein wird. Und dass jeder, der danach kommt, kein richtiger Mercedes mehr ist. Bei dem hier war das auch so.

Der ab 1976 immerhin zehn Jahre lang gebaute W123 war das letzte barocke Chrom-Modell, aus dem Vollen gefräst, mit überdimensionierter Technik und sprödem S-Klasse-Komfort. Er kommt aus einer Zeit, in der „Deutsche Wertarbeit“ noch eine Art Tugend war. Arbeiter, richtige Menschen, schraubten in Bremen an dem langen Ding. Es gab noch keinen Sparzwang, betriebsinterne Motivationstrainings kannte man nicht. Man schaffte, alle gemeinsam, und das prachtvolle Ergebnis verzeichnete lange Wartelisten für die Käufer. Besonders Ungeduldige boten damals für einen Jahreswagen den Neupreis, manchmal auch noch mehr. Gute alte Zeit.

Uwe Morgante hatte sie alle. Der 62-Jährige war gefühlt zeitlebens im Kfz-Gewerbe tätig und fuhr seit der Vorstellung des T-Modells alle Varianten. Und davon gab es viele. Monierte die Kundschaft anfangs, dass quasi jeder noch so kleine Komfort aufpreispflichtig sei, zeigte sich die Liste der möglichen Extras aber nahezu amerikanisch lang. Eine Heckscheibenheizung kostete extra, nicht mal im Sechszylinder war der Drehzahlmesser Serie. Dafür gab es optionale Klappsitzbänke, Schiebedächer, Klimaanlagen und Stereoradios.

Der erste in Serie produzierte Kombi von Mercedes zeigte kein Blech im Inneren und war genauso komfortabel wie die baugleiche Limousine. Was dem Vorstand in der Planungsphase noch heftige Kopfschmerzen bereitete, war die Angst, ruppige Handwerker und rücksichtslose Kleinunternehmer könnten die Marke „beschmutzen“, weil sie den guten Last-Stern unflätig herunterrocken. Diese Befürchtung kippte ins Gegenteil. Das T-Modell schaffte es, dass der bis dato verpönte und dem Baugewerbe vorbehaltene Kombi in der Mitte der Gesellschaft ankam. Hinten passte bequem das Golftäschchen oder der Kinderwagen rein, und niemand guckte blöd, wenn man damit beim Theater vorfuhr.

Morgante ist TRÄUME WAGEN-Leser der ersten Stunde und hat seine Automacke nachweislich durch den Anzeigenteil ausgebaut. Er kann nicht mehr aufzählen, wie viele Fahrzeuge er in den vergangenen 25 Jahren über die damals noch „Auto Mobiles“ genannte TRÄUME WAGEN schon gekauft hat. Das ging mit einem W110 los, dann kamen diverse 123er- und 124er-T-Modelle, ein paar S210 und S2100, einige „Gazellen“ und sogar der eine oder andere Excalibur. Aber das sind andere Geschichten.

Vor drei Jahren wollte er sich sein Traum-T-Modell kaufen und wurde auch fündig, kam aber genau eine Stunde zu spät. Der schwarze USA-Re-Import mit Dreiliter-Turbodiesel-Motor war schon an einen Schnelleren verkauft. Wie aber der Zufall so spielt, fand Kfz-Profi Morgante vor einem Jahr genau diesen Mercedes erneut angeboten und kaufte ihn dem damaligen eiligen Käufer ab. Und das auch noch in einem wesentlich besseren Zustand als damals. Geht doch.

Geliefert wurde der Wagen direkt aus Stuttgart von einer Speditionsfirma, die auch fabrikneue S-Klassen in den Norden verfrachtet. Und was für ein wundervolles Bild, als all die dunklen Karossen vom Lkw rollten, aber niemand sie beachtete, weil weiter hinten der dicke Diesel rappelte und die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog. In tiefschwarzen Lack 040 getaucht, rollte der Fünfzylinder erhaben die Rampe runter, mit genau dem Motor und genau der Ausstattung, die sich Morgante immer gewünscht hatte. Die vorderen Sitze bekamen neue Federn, und die Verkleidungen der B-Säulen wurden erneuert. Das wars, alles andere ist Mercedes-Benz und funktioniert auch nach 35 Jahren noch tadellos.

Und auch wenn sie durch ungezählte Afrika-Exporte und den bösen Rost der 70er und 80er heute selten geworden sind – im Straßenbild sind sie noch immer präsent und potent, die Raumgleiter der gehobenen Mittelklasse. „Warum hat der denn schon ein H-Kennzeichen? Ach … ein Oldtimer? Okay, aber die Felgen sehen wirklich gut aus …“ Der Fels in der Brandung erntet überall Sympathien, auch bei den jüngeren Leuten. Denn der Papa, ein Onkel und nicht selten auch eine Tante fuhren mal so einen. Und die wachsende Fangemeinde kennt die kleinen Macken des Autos meist besser als die Ingenieure, die ihn damals konstruierten. Der Zahn der Zeit ist bedingungslos und verheimlicht nichts.

Auch Sohnemanns Schwägerin Linda fühlt sich in dem Großraumgleiter wohl. Sie kurbelt gut gelaunt am großen Stahlschiebedach, lässt die Motorantenne aufwärtssirren und streicht über das Holz am Armaturenbrett. Die Amis haben schon Plastik vertäfelt, was wesentlich mehr nach Holz aussieht als das hier im Benz. Aber es ist echt. Wirklich. Sie legt die Fahrstufe ein und zirkelt mit der ganzen Gang ein paar Runden über den Platz. Drückend ist der Vortrieb, sanft schalten die Gänge. Das Cockpit macht ein Verfehlen der richtigen Schalter quasi unmöglich, und auf den Sesseln fläzt es sich wie bei Oma in der guten Stube. Nach Hause kommen. Das kann so schön sein.

Und da ist er auch schon, der Werkschutz. Drei finster guckende Männer steigen aus einem dunkelblauen SUV aus und kommen zum Benz gelaufen. Wir versichern, den Umschlagplatz jetzt gleich zu verlassen.

Moment …“, sagt der Größte und Furchteinflößendste der drei. Okay, jetzt gibt es doch noch Ärger. „Kann ich noch ein Selfie vor dem Wagen für meine Frau machen …?“ Selbstverständlich. Einer der anderen beiden steht grübelnd an der Heckklappe. „Warum hat der denn schon ein H-Kennzeichen?“ Alles ist gut. Möge der schwarze Turbodiesel auch noch in 35 Jahren so viel Zuverlässigkeit ausstrahlen und so viel Freude stiften. Morgante wird schon dafür sorgen.

TECHNISCHE DATEN

Daimler-Benz 300TD Turbodiesel

Baujahr: 1981
Motor: Fünfzylinder-Turbodiesel
Hubraum:  2.998 ccm
Leistung:  92 kW (125 PS) bei 4.350/min
Max. Drehmoment: 250 Nm bei 2.400/min
Getriebe: Viergang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe:  4.725 / 1.786 / 1.425 mm
Leergewicht:  1.645 kg
Beschleunigung 0–100 km/h: 14,0 Sek.
Top Speed: Wert: 165 km/h
Wert: ca. 17.000 Euro

Text und Fotos: Jens Tanz

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