Mit 1 PS durch Arizona – Auf dem Rossrücken in die Wüste

Als bodenständiger Autofan den 150-PS-Mietwagen gegen eine eigenwillige Pferdestärke tauschen, auch wenn man noch nie auf so einem Tier saß? Dafür muss es gute Gründe geben. Die hat das Cowboy-College in Arizona: Schon nach zwei Stunden Lehre geht’s im Western-Style auf dem Rossrücken in die Wüste…

Allen anderen Meinungen zum Trotz: John Wayne lebt. Das Gewehr in die Hüfte gestemmt, die Augen halb zugekniffen, raunt er mir zu: „A man’s got to do what a man’s got to do.“ Yeah, man, Du hast so recht. Und dann, auf dem Pferd, setzt er nach: „Courage is being scared to death – but saddling up anyway.“

Hey, wenn Du das sagst, Kult-Cowboy, wird das wohl richtig sein. Aber meint Der Mann, der Liberty Valance erschoss* damit auch einen Hamburger, der sich zweifellos in einem Autositz wohler fühlt als in einem Pferdesattel?

Das Poster antwortet nicht – stimmt, ist ja nur ein Poster. Aber das hängt dort, wo John das hätte gesagt haben können: Im Wohn- und Schlafraum des Arizona Cowboy-College. Und das gibt es wirklich, im Hier und Jetzt: Wer will, kann sich zum Cowboy ausbilden lassen. Mit allem drum und dran: Reiten, Lassowerfen, Vieh einfangen, The big stampede* auslösen und natürlich in der Wüste nächtigen (siehe unten).

Aber langsam – erstmal muss man das „Lorill Equestrian Center“ finden. Wenn auch die Adresse 30208 N. 152 Street, Scottsdale, heißt, bedeutet das nicht, dass es um die Ecke von Downtown ist. Im Gegenteil: Immer Richtung Berge, dann irgendwann links und dann rechts. Die Straßen sind hier nicht mehr befestigt, im Grunde ist es festgefahrene Wüste. Dann noch mal links (ein bisschen beten, dass der gemietete Dodge Avenger nicht schlapp macht), und kurz vor den Kakteen ist die Zufahrt. Hier warten 50 Pferde, sechs Kühe, eine Horde Hunde und ein paar neugierige Hängebauchschweine auf Action.

Da kann man dann Chefinstruktor Rocco Wachman treffen. Zum Beispiel beim Pferdeschuh anpassen. Aber seine Knarre, die er wie ein Cowboy am Gürtel trägt, fällt zuerst auf: „Wenn was is, braucht die Polizei zweieinhalb Stunden, bis sie hier is…“ knurrt Wachman, „und außerdem gibt’s hier draußen Schlangen, Bären und Pumas…“ Der Fremde aus Arizona* schluckt ein wenig, fragt nicht weiter nach und schaut lieber zu, wie die Pferde das tun, was Wachman will: Hufe hoch und stillstehen.

Doch mein Lehrer beim College-Schnupperkurs wird nicht Wachman sein, sondern Elaine Pawlowski. Die ehemalige Firefighterin hat hier ihre wahre Bestimmung gefunden, „auch wenn ich schon von den Pferden getreten und gebissen wurde und mir fast jeden Knochen gebrochen habe.“ Elaine – hier im Wilden Westen sind Nachnamen Schall und Rauch – ist ab sofort „Jigger Boss“, trägt damit die Verantwortung und sucht für ihren Gast das richtige Pferd aus.

Für mich ist das „Creole Sorbet“, aber da ein Cowboy kein Pferd reiten kann, das nach einer halbgefrorenen amerikanischen Bevölkerungsgruppe benannt ist, lautet der Rufname „Jelly Bean“. Eine 13 Jahre alte Lady, ein „Paint“, weil sie gescheckt ist. Und ich hoffe, sie ist auch gecheckt, hat TÜV, genug Öl in den Gelenken und die Hufeisen sind fest angezogen.

Die erste halbe College-Stunde ist reine Theorie. Die vier wichtigsten Regeln:

1. Pferde erlauben einem, auf ihnen zu reiten.
2. Pferde sind Fluchttiere – man muss ihnen Raum lassen und sie respektieren. Sie sind grundsätzlich klaustrophobisch veranlagt.
3. In der Wüste hilft einem das Pferd, nicht zu sterben.
4. Der Reiter muss – wie die Eltern bei einem Kind – immer zuversichtlich sein und dem Pferd zeigen, dass Angst der falsche Ratgeber ist. Wenn der Reiter ruhig ist, bleibt es auch das Pferd.

Wenigstens die letzte Regel gilt auch beim Autofahren, ansonsten sind das ja prima Aussichten. Mein Leben in der Hufe einer leicht genervt aussehenden Geleebohne ohne Räder? Worauf habe ich mich da bloß eingelassen? Aber da hat mich Elaine schon mit dem brav dahertrottenden Pferd zur Arena gebracht – um ein paar weitere Grundregeln zu erklären:

5. Wenn man neben dem Pferd geht, immer in Schulterhöhe des Tieres bleiben. Dort kann es einen nicht treten, das ist der sicherste Ort.
6. Immer zuerst auf die Ohren des Pferdes achten. Da sieht man, worauf es sich gerade konzentriert.
7. Durch Türen und Tore immer zuerst gehen, man will ja nicht zerquetscht werden.
8. Pferde meiden naturgemäß den Menschen. Will man es zäumen, muss man sich in einem Winkel nähern, in dem das Pferd den Menschen sehen kann. Und dann langsam und ruhig.
9. Ein relaxtes Pferd ist an Spiel- und Standbein, Kopf auf Schulterhöhe, einem locker herabhängendem Schweif und ruhigen Ohren zu erkennen.
10. Beruhigend auf ein Pferd einreden zu wollen ist so schwachsinnig wie der Versuch, einem Hund das Miauen beizubringen. Ein Pferd hat so sensible Ohren, dass es auf ganze andere Dinge achtet.

Okay, ich nehme meinen ganzen Mut zusammen. Es kann losgehen, Bis zum letzten Mann*. Wo ist der Anlasser?

Wo ist das Lenkrad?

So schnell geht’s dann doch nicht. „Das Tier muss sich wohlfühlen, und dafür müssen wir sorgen,“ lehrt Elaine, „das heißt: mit der Bürste abbürsten.“ Mein Auto wasche ich zwar auch nicht vor jeder Fahrt, aber bitteschön – wenn Pferde das brauchen, soll es so sein. Und dann mit einer weicheren Bürste noch einmal dort bearbeiten, wo der Sattel sitzen soll, „denn wenn dort etwas scheuert oder sich eine Verletzung befindet, wird das kein ruhiger Ritt…“.

Aber – da muss ich ja auch hinter dem Pferd herum. Darf man das? „Kein Problem,“ versichert Elaine, „eine Hand am Pferd, um zu fühlen, ob es sich anspannt und damit das Pferd auch weiß, wo Du bist, langsam bewegen – dann geht das. Es geht tatsächlich, selbst der Auspuff bleibt ruhig. Glück gehabt.

In der Wüste hilft einem das Pferd, nicht zu sterben

Und schließlich noch mit einem Haken die Hufe auskratzen, damit sich dort kein Fremdkörper verstecken kann. Und wie bekomme ich so ein Pferdebein hoch? „An der Ferse leicht von oben nach unten streichen,“ sagt Elaine. Und sie hat Recht. Zum ersten Mal in meinem Leben gibt mir ein Klepper Pfötchen. Ok, so ein Auto scheint mir da zwar etwas pflegeleichter, aber der Start prickelt dafür nicht mehr so doll wie jetzt…

Weiter mit Theorie: Ich lerne einen bestimmten Knoten für den Strick des Halfters, mit der das Tier während des Bürstens an das Gatter gebunden wird. Das Seil muss sich nämlich mit einem Griff lösen lassen, falls das Pferd aus irgendeinem Grund panisch wird. Und wenn das Zaumzeug angelegt wird, das Ende des Halfters über das Gatter legen. „Dann denkt das Pferd, es sei noch angebunden…“

Jelly Bean bekommt eine Decke, dann darf ich den gut zehn Kilo schweren Sattel auf ihren Rücken werfen, die Lederriemen (nach Anweisung) festzurren und aufsteigen (dazu mit der rechten Hand am Sattel anfassen, mit der linken in die Mähne greifen, Schwung nehmen und hoch). Und auch gleich wieder korrekt absteigen: rechter Fuß aus dem Steigbügel, Körper über den Sattel legen, linker Fuß aus dem Steigbügel (damit man nicht aus Versehen hängen bleib) und runterrutschen. Ich muss gestehen, wenn ich aus Kleinwagen aussteigen, sieht das auch nicht eleganter aus.

Ab in die Arena – „und immer am Zaun entlang!“ Woher weiß der Gaul das? Und wo ist das Lenkrad? Gas? Bremse? Irgendeine Wegreitsperre vorhanden? Galoppomat? Trampelpfadhalteassistent? Abwerfmeter?

Elaine hält mich zu Recht für völlig autoverseucht, hat aber Mitleid mit dem City Slicker: „Gas geben mit leichtem Druck der Hacken – die Zehen sollten übrigens immer nach oben und nach außen zeigen. Bremsen: an den Zügeln ziehen.“ Mit der Zunge schnalzen oder laut „Hooooooo“ rufen ist übrigens kein Befehl, sondern für das Pferd nur eine freundliche Ankündigung, dass jetzt eventuell der Wunsch nach Tempo oder Verzögerung besteht. Na toll – habe ich alle Cowboyfilme umsonst geguckt. „Nach links oder rechts: Zügel nach links oder rechts schwenken – das Pferd merkt den Zug am Hals und folgt. Und jetzt los.“

Okay, Zeit für den Showdown am Adlerpass*, die Höllenfahrt nach Sante Fe* kann beginnen. Und alles im „Western Style“: eine Hand am Sattelknauf, mit der anderen locker die Zügel geführt. Mach Dich auf was gefasst, John Wayne, alter Chisum*, hier kommt Der letzte Scharfschütze*, reitet durch Dein Verfluchtes Land* und sucht Dein Dreckiges Gold*

Vorher allerdings habe ich der Geleebohne wohl zu viel unvorhandene Sporen gegeben, jedenfalls galoppiert das Vieh los und schüttelt mich mächtig durch, da mir noch der gewisse Rhythmus auf dem Tierrücken fehlt. Beim Auto würde man das als „mangelnde Laufkultur“ bezeichnen.

Geier kennen kein Erbarmen* und Elaine auch nicht: Nach 20 Minuten im Kreis hoppeln geht’s in die Wüste. Der große Treck* zieht Westwärts*: Sie reitet ein schrankhohes Monster, ein schreckhaftes Maultier vom Nachbarn. Der vierbeinige Mutant weiß genauso wenig wie ich, wie Reiten geht. Aber Elaine hat ihn im Griff, und Jelly Bean mich auch.

Egal, ich vertraue beiden. Wenn Elaine sagt, das geht, geht das. Für Nachdruck hat auch sie am Gürtel einen Schießprügel, sollen doch Die vier Söhne der Katie Elder* oder Die Comancheros* kommen. Wir traben durchs Kaktusgehölz, und, ja, da ist es, das Cowboy-Feeling. Es kriecht die Füße hoch, macht sich im Körper breit, beseelt das Hirn, und mein Pferd, das treue, würde wahrscheinlich auch ohne mich obendrauf brav hinterhertrotten. Trotzdem, Jelly Bean reagiert besser auf Richtungsbefehle als jede Servolenkung. Und während wir so vor uns dahingenießen und cool Staub fressen, lerne ich noch, dass Pferde nur beim Pinkeln stehen bleiben dürfen, aber im Laufen kacken müssen, dass Klapperschlangen Pferde überall hin beißen dürfen außer in die Nase, welche Kakteen Wasser führen und wie man sie aufschneidet, will man Wasser in Arizona*, und welche Rindviecher hier leben. Ein Coyote kreuzt unseren Weg, ha, er hat Angst vor mir, komm bloß her, ich kämpfe Bis zum letzten Mann*. John, alter Ringo*, ich würde jetzt hier im El Dorado* sofort eine Pfanne Bohnen mit Dir teilen…

Jelly Bean, mein kunterbunter Klepper, ist brav bis in die Hufnägel. Nur bei kleinen Tälern entwickelt die Lady ein Eigenleben: schneller runter, schneller rauf. Zum Glück durchqueren wir nicht den Rio Grande* oder den Rio Lobo*, vielleicht wäre ich dann nicht oben geblieben. „Klar fällt manchmal einer runter,“ plaudert Elaine aus den College-Kursen, „das gibt immer mal blaue Flecken und Abschürfungen. Aber noch nie musste ein Kursus abgebrochen werden…“. Hand aufs Fell: Wer will zuhause schon zugeben, dass sein Plan, Cowboy zu werden, unter Tränen bei einer Sprechstundenhilfe im Scottcdale County Hospital endete….

Die Reiter in der Dämmerung* müssen langsam zurück, die Sonne ist geputzt. Das war der Wilde Westen*, und nach unversehrter Rückkehr kommt Der letzte Befehl* von Elaine: Überall, wo der Sattel saß und das Tier schwitzte, noch mal Abbürsten. Und dann Jelly Bean in ihr Gatter mit dem wohlverdienten Futter führen.

Pflichtprogramm: Kunstkalb einfangen

Es ist schon fast dunkel, als ich dann noch mit dem Lasso üben soll, Rinder einzufangen – zum Glück nur in Form eines stilisierten Tieres aus Holz und Plastik. Drei Versuche, drei Fänge – noch Fragen, John? John Wayne zwinkert mir zum Abschied aus dem Poster zu: „Arizona – men are like that*…“

Oh ja, ihr dürft mich jetzt John Löwisch nennen…

* Alles Titel von Filmen mit John Wayne

Infos:
Arizona Cowboy College
Lorill Equestrian Center
30208 N. 152 Street, Scottsdale, AZ 85262
Tel. 001-480-471-3151
Email: info@cowboycollege.com
www.cowboycollege.com
Wegen extremer Temperaturen keine Kurse im Juli, August und Dezember.

Scottsdale. Eine Reise wert.

Scottsdale? Laut Wikipedia ist das Nest in Arizona höchstens bekannt durch eine Nebenrolle aus dem Film „Little Miss Sunshine“ oder als „most horrible, miserable place“ aus der Folge „The Ungroundable“ der TV-Serie „South Park“. Dabei hat die Stadt viel zu bieten.

Scottsdale, das „Beverly Hills von Phoenix“, wie es sich gerne nennt, begann 1865 als Armeeposten namens Camp McDowell. Begünstigt vom Kanalbau von 1883 bis 1885 ließ sich der Armeepriester Winfield Scott im Jahr 1888 in dieser Gegend am Wasserlauf nieder, um sie zu evangelisieren. Nebenbei kaufte er 2,6 Quadratkilometer Land, die er für 2,50 Dollar pro 4.000 Quadratmeter weiter verkaufte. Einer der Käufer, Albert G. Ultley, nannte sein 16.000-Quadratmeter-Gelände „Orangedale“. Als in der Nähe eine Stadt geplant wurde, einigten sich 1894 Utley und Scotts Bruder George, der zwischenzeitlich die Geschäfte übernommen hatte, Winfield zu Ehren die Stadt Scotts Dale zu nennen, woraus später Scottsdale wurde. Einer der berühmtesten Einwohner: Der „organische“ Architekt Frank Lloyd Wright, der sich hier 1937 ein Winterhaus baute und eine Architektenschule gründete.

Heute hat das nun 477 Quadratkilometer große Scottsdale (www.scottsdaleaz.gov) gut 200.000 Einwohner und ist besonders stolz auf sein „Historic Old Town“. Hier stehen tatsächlich noch ein paar alte Häuser, so das „Little Red Schoolhouse“ von 1909, die alte „Farmer’s State Bank“ von 1921 (heute Rusty Spur Saloon) oder das Post Office von 1928, wo heute „Porter’s“ residiert. Wer keine Lust hat, zu Fuß zu gehen, nimmt den kostenlosen „City Trolley“: Der pseudo-alte Bus namens Ollie fährt, wenn er fährt (www.olliethetrolley.net).

Scottsdale ist auch bekannt für sein „Arts District“ (www.scottsdalegalleries.com): In den Fußboden eingelassene Zeichen führen den Besucher beim „ArtWalk“ durch die von rund 100 Galerien und Kunsthäusern gespickte Innenstadt. Dabei dominiert indianische Kunst.

Wer shoppen oder essen will, ist an der „Fashion Square“ (www.fashionsquare.com) und an der „Waterfront“ (www.scottsdalewaterfrontshopping.com) richtig. 225 bzw. 198 Shops und Restaurants laden zum Verweilen, allerdings ist an der Waterfront nicht viel Wasser zu sehen: Die beiden Shopping-Türme liegen am oft trockenen Arizonakanal.

Wir haben drei Hotels kennen gelernt. Das älteste Hotel in Scottsdale ist das „Valley Ho“ (www.hotelvalleyho.com) – hier stiegen schon diverse Filmstars ab. Der größte Vorteil des netten Hotels: die Nähe zur Innenstadt. Über die Main Street kommt man zu Fuß nach Old Scottsdale. Eines der größten und schönsten Hotels ist das „Phoenician“ (www.thephoenician.com). Das Fünf-Sterne-Domizil liegt am Rande des Camelback Mountain, es gehört ein edler 27-Loch-Golfplatz zur Anlage. Lehrreich der Gang durch den Kaktus-Garten, Kunstkenner freuen sich über die 25-Millionen-Dollar-Kunstsammlung des Hotels. Etwas außerhalb befindet sich das Four Seasons (www.fourseasons.com/scottsdale). Das Areal ist weitläufig und man sollte sich mit Gepäck per Golf-Kart zum Zimmer bringen lassen. Dafür wohnt man mitten in der Wüste und schaut nachts auf das erleuchtete Scottsdale herunter.

Fotos: Roland Löwisch

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