Mustang GT 550 Eleanor – Eine Frage des Kleingelds

Nicht viele Showcars bestehen im Alltag – eines schon: Dieser privat aufgebaute Ford Mustang GT 550. Er röhrt durch die norddeutsche Tiefebene. Unüberhörbar…

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Das beste Pferd auf der Weide: Gattung Ford Mustang, Name Eleanor. Schwarz, stark und gefährlich - wie ein Mustang sein muss.

Der Gedanke reifte bei Abschlag 7 auf dem Golfplatz von Fort Myers, USA. Mit quietschenden Reifen stellten Anton B. und Claus G. ihr elektrisches Golf-Cart ab: Ja, eine neue Eleanor sollte es werden. Made in Germany. Jetzt. Sofort.

Gesagt, getan. Denn B. und G. sind nicht irgendwer: B. ist ein semiprofessioneller Rennfahrer aus Norddeutschland mit ausgeprägter Ader für Supercars und dem nötigen Kleingeld dazu. G. ist Claus Götte, Chef der Rennsport- und Tuning-Firma A.T.G. Racing GmbH in Münster, mit Faible für automobile Experimente. Schon ihr Urlaubs-Mietwagen, ein Ford Mustang V6 Cabrio, gefiel den beiden Urlaubern, aber als sie dann beim größten Ford-Händler Floridas, „Galloway“, eine originale Eleanor sahen – ein Shelby GT 500 E Fastback von 1967 – war es um sie geschehen. Noch 2006 kauften sie einen normalen neuen GT für 30.000 Dollar, erst vier Jahre später ist der Wagen fertig. B’s Mustang ist jetzt der wohl schärfste, lauteste und wildeste automobile US-Klepper, der zurzeit durch die norddeutsche Tiefebene donnert.

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Im Galopp durch die norddeutsche Tiefebene: Eigentlich sind Landstraßen dem gedopten Ami zu kurz - ein Highway ohne Cops wäre passender.

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Unübersehbar: Der Whipple-Kompressor macht dem Mustang Dampf. Aber auch alles andere sieht beim Show-Eleanor nach purer Kraft aus.

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Man muss den Wagen gar nicht erst erblicken, um Gänsehaut zu bekommen. Denn der potente Ami kündigt sich unter Volllast meilenweit an: Die mit Metallkatalysatoren aus der FIA-GT-Meisterschaft bestückte Auspuffanlage endet beidseitig vor den Hinterrädern. Aus den Sidepipes dröhnt Heavy-Metal, als würde eine Herde Harleys im Geleit des 4,7-Liter-V8 galoppieren. Welch Geschenk, dass es TÜV-Prüfer in Deutschland gibt, die so tierlieb wie taub sind, denn alle Umbauten am Mustang – und damit auch das Abgassystem – sind ordnungsgemäß eingetragen.

Zur Entschuldigung des betreffenden Kfz-Fachmannes: Vielleicht war er auch einfach nur restlos groggy, nachdem er das neue Pferd in B’s Stall eingehend untersucht hatte. Denn serienmäßig ist kaum etwas geblieben. Das Herz ist ein modifizierter 4,7-Liter-V8, dem als Schrittmacher ein Whipple-Kompressor  aufgepflanzt wurde. Damit leistet das Aggregat etwa 550 PS und 700 Newtonmeter – gemessen hat das allerdings niemand. Und auch nicht die Fahrleistungen.

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Im Galopp durch die norddeutsche Tiefebene: Eigentlich sind Landstraßen dem gedopten Ami zu kurz - ein Highway ohne Cops wäre passender.

Die sind ehrlich gesagt auch ziemlich egal, denn des Mustangs innere Werte sind hauptsächlich Gebrüll, Imponiergehabe und Bangemachen. Die Sinne konzentrieren sich beim Gasfußdrücken auf rrroarrrr, qualm, schieb und dröhn und nicht da-rauf, in wie vielen Sekunden man welches Tempo erreicht. Kinder würden genau das als „fett“ beschreiben, und das trifft es wohl am besten. B’s Mustang ist eigentlich ein Showcar, echt fett, aber er fährt es im wirklichen Leben. Und nicht nur dem Nachwuchs hängt die Kauleiste bis zu den Knien, wenn der Mustang basslastig wiehernd die dörflichen Schulwege kreuzt, während B. im leicht hakeligen Chrysler-Viper-Sechsgganggetriebe rührt. B. selbst hat den Mustang übrigens auf Tacho 300 km/h getreten, was nach seiner Erfahrung „aber nicht schneller als echte 265 km/h ist.“ Anders ausgedrückt: Man könnte den ungenauen Tacho auch gegen ein Schallmessgerät austauschen – da wäre die Freude noch größer.

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Historisches Vorbild als Modellauto: Der 76er Shelby stand Pate für die moderne Version. Die Sitze sind nach Wunsch des Besitzers mit Mustang-Motiven bestickt.

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Der modifizierte V8 samt Kompressor leistet 500 PS - es könnte aber auch ein bisschen mehr sein. Druck macht auch die Musikanlage im Kofferraum, für Luft sorgen mächtige Löcher.

 

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So brutal, wie sich die Eleanor gebärdet, sieht sie auch aus, denn der Body wurde mit Cervini-Teilen bestückt. Eleanor-Front, Eleanor-Hutze auf die Motorhaube, Eleanor-Seitenteile und –Schweller, Eleanor-Auspuff-endrohre, Eleanor-Heckkotflügel – letztere blieben allerdings nicht lange drauf. „Das sah nicht gut aus,“ erinnert sich Götte, so zog er echte Bleche ein und verhalf dem Mustang damit zu einem so stählernen wie nahtlosen Knackhintern, in dem die 22-Zöller stehen wie der Nachwuchs im Stammbuch eines Zuchthengstes. Die ultraflachen Pirelli-Pneus mag man respektlos als „Felgenschoner“ bezeichnen, tatsächlich leisten sie ausgezeichnete Arbeit, wenn der Mustang mit den Hufen scharrt. Die schwarzen Streifen auf der Fahrbahn harmonieren bestens mit den lackierten anthraziten Streifen auf dem Rücken des in „Gunmetal“ sonderlackierten Amerikaners.

Für die notwendige Verzögerung hat sich Brembo die richtigen Bremsen einfallen lassen. Vorne agiert eine Sechskolben-Anlage, für die Hinterachse hatten die Spezialisten eigentlich nichts im Angebot. Flugs entwickelten sie eine Vierkolbenanlage, dessen Scheiben kaum kleiner sind als vorne, aber dafür mächtig nach was aussehen durch die schwarzen dreiteiligen Felgen.

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Alles extra angefertigt: einzigartige Rückleuchten mit integriertem Rückfahrlicht, besondere Lackierung der Felgen, Interieur nach individuellen Vorstellungen.

Auch das Fahrwerk gab es vor ein paar Jahren, als der Mustang aufgebaut wurde, noch nicht: KW entwickelte extra für dieses Auto ein in allen Bereichen verstellbares System, inklusive einer per Kompressor betätigten Hebeanlage vorne und hinten. Die verändert die Bodenfreiheit zwar nur von etwa acht auf elf Zentimeter, aber das reicht, um auch auf unebener Weide ahnungslose Stuten zu erschrecken.

B. hatte allerdings wenig Lust, ein nach außen perfektes Wildpferd zu reiten, selbst aber im ungemütlichen Plastiksattel Platz nehmen zu müssen. So ließ er die Frontsitze aufpolstern und mit Leder ausschlagen, natürlich mit dem Pony-Emblem auf den Lehnen.

Vom Cockpit ist nur noch das Instrumentenbrett original (lackiertes Plastik), der Rest wurde völlig verändert und mit Alcantara bezogen. Dort, wo beim gemeinen Arbeitsmustang ein riesiger Handbremshebel dominiert, befindet sich hier eine feine Mittelkonsole mit integrierten Fensterheberschaltern und dem Knopf für eine elekt-ronische Handbremse. Die weiteren Schalter sind extra angefertigt, eine Rückfahrkamera sitzt versteckt im Logo an der Heckklappe, und selbst die Hecklichter sind nicht von der Stange: Die weißen Rückfahrleuchten sind integriert.

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Einer wie keiner: Der Ford von Anton B. ist bis in den letzten Winkel individualisiert.

Das gesamte Auto ist neu gedämmt, die Türinnenverkleidungen sind Einzelanfertigungen. Doch der Clou ist die Musikanlage: Die Nürnberger Firma Audiotyme bestückte den Mustang mit dem Allerfeinsten von Alpine, damit er auf der Essener Tuningmesse 2008 nicht so still auf dem Toyo-Stand sein Leben fristen musste. Die Musik aus zwei Vierkanal-Verstärkern mit 100 Watt je Kanal und ein 600-Watt-Einkanal-Verstärker – unter Plexiglas im Kofferraum zu bewundern – können innen theoretisch die Harley-Gesänge übertönen (aber wer will das schon). Der Monitor in der Mittelkonsole schaltet das Fernsehen auch während der Fahrt nicht ab, selbst der Monitor in der Heckklappe funktioniert ausgezeichnet.

Insgesamt ist der Mustang natürlich nicht perfekt – die Basis ist und bleibt ein günstiger Amerikaner. So erinnert die schwammige Lenkung an die Weite der Prärie, wo exaktes Spurhalten nur von sekundärem Interesse ist. Und eine hintere Starrachse bleibt eine hintere Starrachse, selbst wenn sie modern ist.  Dass diese Eleanor allerdings mit der Hinterachse extrem auskeilt, ist der Vorliebe von B. für knallhart eingestellte Fahrwerke zu verdanken.

Vielleicht will er ja doch mal mit dem einzigartigen Mustang auf die Rennstrecke. Das würde das Showcar wohl unsterblich machen – auch wenn es dabei auseinander fliegt.

Bilder: Roland Löwisch

Ein Gedanke zu “Mustang GT 550 Eleanor – Eine Frage des Kleingelds

  1. Dieser Mustang (zumindest steht auch gt550 an der Seite und der Sound ist gigantisch) fuhr neulich gegenüber aus der Tiefgarage , da hörte man nach kurzem Gasstoß auf der Rampe wie im Hintergrund das Geheule einer Autoalarmanlage losging .
    Ich denke , das beschreibt den Schalldruck anschaulich .

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