Plymouth Roadrunner 1972 – Lauf, Vogel, lauf!

Anfang der 70er weigerten sich die Kfz-Versicherungen, die Muscle-Car-Mania weiter zu unterstützen und stellten sich genau so quer wie viele der übermotorisierten Krawallkarren. Der Plymouth Roadrunner war ein letzter lauter Aufschrei voller Kraft, Purismus und witziger Details. Wir haben eines der wenigen heimischen Exemplare in die norddeutsche Ebene geschickt

Nein.

Die Hupe wird jetzt noch nicht gedrückt. Auch wenn das ganz oben auf der Agenda steht. Diese alte, modifizierte Army-Tröte, die so klingt wie die albern gackernden Roadrunner in den Warner-Brothers-Cartoons, die wir alle als Kinder zusammen mit Bugs Bunny und Speedy Gonzales geguckt haben. Erstmal klarkommen in diesem geschlossenen Raum aus Leder, Kunststoff und Metall.

Der 340er-V8 mit seinen 5,6 Litern Brennraum (das ist mehr als ein ganzer Putzeimer mit Henkel unter dem Waschbecken) gurgelt schon ungeduldig unter der Haube, der will los. Momentchen noch: genießen wir das kleine, harte Lenkrad, die vier tief versenkten Rundinstrumente und den Pistolengriff am Hurst-Schaltgetriebe. Kupplung, Bremse, Gas? tatsächlich ein Pedal mehr als im sonst so tief verwurzelten amerikanischen Automatik-Rumgegleite. Noch einmal tief durchatmen, Fenster runter sirren lassen – und raus auf die Straße.

Ja.

Die Idee war gut – wenn auch nicht neu. 16 bis 20 Jahre war das Alter der Zielgruppe, der man in den Entwicklungsabteilungen von Plymouth im Frühjahr 1967 ein preiswertes, starkes Coupé an die Hand geben wollte. In den USA gehörte damals der frühe Erwerb eines eigenen Autos so zum Standard wie der spätere Kauf eines eigenen Hauses. Niemand wollte Papas Auto fahren, und niemand wollte Miete zahlen. Warum auch? Im Land der allgegenwärtig propagierten Freiheit und Selbstbestimmung steuerten Plüsch verachtende Teenager keinen antiken Full-Size-Fleetwood, sie wollten einen kleinen, schnellen, bösen Streitwagen auf dem Weg in die Schlacht ihrer Rebellion gegen die ältere Generation.

Ford hatte es mit dem Mustang vorgemacht. Also pflückte man sich bei GM den neuen B-Body und schnitzte mit sicherer Hand ein preiswertes 2-Door-Pillar-Coupé (mit B-Säule) als Schwestermodell des Belvedere, des Satellite und des besser ausgestatteten GTX. Aus dem Konzernregal implantierte man der sehr leichten Basis einen überheblichen 6,3-Liter-V8 und bestückte diesen mit den Köpfen und Ventilen des noch überheblicheren 7,2-Liter-44er-Triebwerks. Das brachte zwar nur gut fünf PS mehr, genügte aber, um der Kundschaft den Begriff „leistungsgesteigert“ im Kopf zu platzieren. That’s America, angenehm einfach und effizient. Würde man sich als Analogie vorstellen, dass Opel damals einem B-Kadett-Coupé den Motor aus dem Diplomat eingepflanzt und das Teil offiziell auf den Markt geworfen hätte, bricht man im Angesicht deutscher Bürokratie und Spießigkeit umgehend in Tränen aus. Rückwirkend betrachtet – schade eigentlich.

Ja.

Auch Manager haben Kinder und gucken Zeichentrickserien. Und so kam es, dass jemand aus dem Plymouth-Vorstand zusammen mit seinem Nachwuchs in den Cartoons der Warner Bros. die frechen und provokanten „Roadrunner“ durchs Bild flitzen sah, die mit ständig kreisenden Speed-Füßen und Staubwolken auf einer immerwährenden Flucht vor Wile E. Coyote waren. In Deutschland heißt der jagende Zeitgenosse „Karl“, die offizielle Bezeichnung der gefiederten Freunde lautet „Wegekuckuck“. Das sollte der Name des neuen Autos werden.

Nach einer Zahlung von 50.000 Dollar waren die Rechte an dem Konterfei des Vogels im Kasten. Im Jahr 1967 klebte man den Cartoonvogel aus Zeitmangel nur in schwarz-weiß auf die ersten ausgelieferten Fahrzeuge. Das harmonierte aber ganz gut mit der optionalen „Performance-Hood“, eine Motorhaube in mattschwarz, die das Muscle-Car die Quartermile vermeintlich gleich wesentlich schneller durchsprinten ließ.

Wer es noch immer nicht glauben kann und sich auf jedem zweiten US-Car-Treffen über die Zeichentrickaufkleber an einigen Coupés gewundert hat – ja, das war werksseitig ernst gemeint und wohl nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten möglich. Der Roadrunner wurde ein erfolgreiches, freches, buntes Markenzeichen für die Plymouthmodelle und provoziert erneut Analogie-Fantasien. Ein Ford Taunus „Biene Maja“? Ein Opel Kadett “Babapapa”? Ein VW 1600 TL in der „Pinocchio“ Edition? Oh man, ist das deprimierend.

Nein.

Vollgas geht allein aus Respekt vor fremdem Eigentum nicht. Mit dem 340cui-Motor ist der original in „Rallye Red“ ausgelieferte Wüstenvogel aus dem Südwesten der USA zwar nicht topmotorisiert, man sagt dem Triebwerk aber eine wesentlich bessere Dynamik und Lebendigkeit nach. Die Augen wandern mehr zum unter der Mittelkonsole versteckten Drehzahlmesser als zum oben liegenden Meilentacho, der mit dicken km/h-Benchmark-Aufklebern zugepappt ist. Aber wenig Gas drückt auch nicht schlecht.

Holy crap: kuppeln, schalten, Gas geben und weg. Der Pistolengriff liegt extrem sexy in der rechten Hand, und nach wenigen Sekunden Eingewöhnung wird man mutiger. Der Plymouth geht so derbe agil und unbeschwert los, als wolle er der Physik und der Trägheit so einfach davonfahren wie die beependen Roadrunner dem Koyoten. Und dabei brüllt er aus seinen beiden Endrohren noch viel lauter als der Zeichentrick-Verfolger selbst.

Erst als im zweiten Kreisverkehr (noch im zweiten Gang) trotz trockener Straße und moderatem Gasfuß die Hinterräder durchdrehen, gewinnt die Ehrfurcht vor der Kraft wieder Oberhand. Ach ja, das‘ ja ein Ami. Und in den wenigen Sekunden nach dem kleinen, unfreiwilligen Drift wächst das Verständnis für die nordamerikanischen Versicherungsgesellschaften, die sich ab 1971 weigerten, derart übermotorisierte Fahrzeuge aufzunehmen. Junge Wilde, die gerade mal ihren Führerschein bestanden hatten und völlig übermotorisierte, heckgetriebene Mittelklassewagen passten nicht gut zusammen.

Nein.

Auf der Überlandstraße erwischt uns eine Radarfalle – nicht. Aber die Cops in ihrer E-Klasse gucken dem krawalligen Laufvogel noch lange nach. Von der Ehrlichkeit und dem brutalen Fahrgefühl könnte man für den Ami glatt einen Ferrari oder Maserati stehen lassen, zumal die Preise zwar kräftig anziehen, aber immer noch bezahlbar sind.

Nach knapp zwei Stunden ist der Spaß vorbei, der Tank so gut wie leer. Das Auto steht zischend und tickend wieder vor seiner behütenden Halle und wartet geduldig auf jemanden, der sich drauf einlassen will. Der lieber „ja“ als „nein“ sagt und ein Stück amerikanisches Lebensgefühl der frühen 70er sein Eigen nennen möchte. Dafür braucht mal allerdings eine gehörige Portion Mut, einen freundlichen Tankwart und einen sensiblen Gasfuß. Good Bye Roadrunner.

Verdammt. Hupen vergessen. Möööpmöööp…

Technische Daten Plymouth Roadrunner

Baujahr: 1972
Motor: V8
Hubraum: 5.572 ccm (340 cui)
Leistung: 300 PS
Max. Drehmoment: 460 Nm
Getrieb: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.240/ 1.940 / 1.295 mm
Gewicht: ca. 1.581 kg
Sprint 0-100 km/h: 8,2 s
Top-Speed: 168 km/h
Wert: ca. 45.000,- Euro

Text und Fotos: Jens Tanz

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Jens Tanz

Über Jens Tanz

Das Leben ist zu kurz für kleine Autos und austauschbare Geschichten.
Steht auf: Deutsche Alltags-Oldtimer
Fokus: Rollende Klassiker und ihre Menschen
Leidenschaft: Ein gutes Glas Rotwein, Gitarre und die 70er

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