POINT MAN (EIN LEBEN FÜR DETROIT): Für Bob

Wenn Sie diese Reihe kennen, wissen Sie, daß sie von was-auch-immer im Bezug auf US-Automobile handelt, das mir gerade durch den Kopf geht. Aber nicht dieses mal. Dieses mal geht es um Teile dieser Szene, die so fest in der Vergangeheit stecken, daß Sie anfangen, normale Autofans ernsthaft in Gefahr zu bringen, Teile der Szene, denen, wenn Sie mich fragen, im Sinne des Wortes das Handwerk gelegt gehört.

Es war einmal, vor langer langer Zeit, als Friedrich Langer, Mad Mens und ich und die anderen Buben noch jung und neu in der Szene gewesen sind, da waren Tri-Chevys und obskure Vierziger-Jahre-Hotrods die Norm auf „US-Car“-Treffen – nein, warten Sie, das stimmt so nicht: auf „„US-Car“-Treffen“ – da, so sieht das viel besser aus, und vor allem, es ist zutreffender. Sechziger-Jahre-Autos wurden noch als Gebrauchtwagen verspottet, und echte Männer hatten vorne kurze und hinten lange Haare. Seitdem ist viel Zeit vergangen, Friedrich hat 7 seiner 9 Leben in wüsten Überroll-Unfällen verbraucht, ich habe den halben Erdball bereist, um ein Versprechen zu halten, daß ich einst unter einem kalten Vollmond gegeben habe, und S., S. ist tot, gestorben auf einer einsamen Straße in einer einsamen Dezembernacht.

Damals war vieles anders, angefangen mit der Tatsache, daß „Amerikaner“ eine Gesellschaftliche Randerscheinung gewesen sind, an denen alles und jeder herumgewerkelt hat, nicht notwendiger Weise mit Sinn und Verstand. Von der Sprachbarierre bis hin zur kulturellen Barriere haben es diese Autos immer viel schwerer gehabt als ihre deutschen Gegenstücke. Können Sie sich an die Schreibmaschinen-geschriebenen Übersetzungen von amerikanischen Reparaturhandbüchern erinnern, die noch bis zur Jahrtausendwende Standard unter „US-Car-Schraubern“ gewesen sind? Ja? Wissen Sie was? Ein Mechaniker ohne Zugang zur englischen Sprache ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichlkeit auch ein Mechaniker ohne Zugang zur amerikanischen Kultur und zur amerikanischen Fahrzeuggeschichte. Und den lassen Sie jetzt mal 1998, sagen wir… eine Corvette reparieren….

1 - Corvette: Da diese Geschichte von einer Corvette handelt, hier bitte: Die 3. generation Corvette, 1968-1982

Hier sind verschiedene Szenarien denkbar:

Szenario 1: Der Mechaniker ist ein ordentlicher, fähiger, deutscher Mechaniker, der an deutsche Autos glaubt, und an deutsche Automobilkultur. Er wird einen Teufel tun, im Jahr 1998 eine Corvette zu reparieren, denn er kann sein Geld so viel leichter und effizienter damit verdienen, ein guter Mechaniker für deutsche Autos zu sein.

Szenario 2: Mechaniker X ist ein ordentlicher, fähiger, deutscher Mechaniker, der an amerikanische Autos glaubt, und an amerikanische Automobilkultur. Leider kann er kein Englisch, also ist er auf Second-Hand-Wissen, Hörensagen und Experimente angewiesen., obendrein kann man mit „Amis“ im Jahr 1998 kaum Geld verdienen, da fast nur Spinner mit sowas rumfahren, also bechäftigt er sich mit US-Fahrzuegen mehr oder weniger nebenher.

Szenario 3: Mechaniker X ist ein öltriefender Bastlertyp, dem es eh egal ist, und der einen Spitznahmen wie „Maulfurf“ oder „Präsi“ hat, und der sich gerne „selbst verwirklich“ und „fette Karren“ baut.

Können wir jetzt noch ewig weiterdichten, aber letztendlich sollte eines klar sein – noch vor 20 Jahren war nur ein Bruchteil der in Deutschland aktiven Szene daran interessiert, Werksqualität and Serien-US-Fahrzeugen abzuliefern, schon deshalb, weil ein breiteres Interesse  – und damit ein Markt – kaum existiert hat. Ein Internet übrigens auch nicht, falls Sie soweit zurück denken können.

Vergleichen Sie das – wenn Sie möchten, sonst lassen Sie es bitte – mit dem Wilden Westen: Der war ursprünglich wild und gesetzlos, beherrscht von umherirrenden Deutschen, Iren, Engländern, Indianern und allerlei anderem bunten Volk, und dann kam die Kavallerie, der Telegraph, die Eisenbahn, der Familiennachzug, Stacheldraht, Sheriffs und irgendwann war der wilde Westen dann nur noch der Westen.

Wissen Sie, wenn Sie lange genug in Oregon im Wald herumirren, treffen Sie bestimmt auch im Jahr 2020 noch irgendwo im Wald einen alten schmutzigen Mann, der Bob oder Doc oder so heißt, der dort Bären fängt oder nach Silber gräbt, der eine Vorderlader-Schrotflinte auf Sie richtet, und der die Autorität des Sheriffs ablehnt und die Zentralregierung nicht anerkennt, auch heute noch, 150 Jahre nach Ende des Wilden Westens. Wundert es Sie da, daß sie auch heute noch, gerade 20 Jahre nach der Zivilisierung des Oldtimermarkts „US-Car-Autoschrauber“ treffen können, die mit diesen Autos umgehen, als habe Amerika selbst nie existiert, die Sonderrechte für „Amis“ annehmen, die es für die wichtigste Leistung eines Mechanikers halten, den TÜV hinters Licht zu führen? Die halblebig basteln und hablegal modifizieren als wenn Sie immer noch ganz allein in der wilden, rudimentären Szene von 1998 leben würden? Die Sachen sagen wie „Das ist bei den Amis eben so“, wenn die Qualität/Legalität/Funktionalität nicht stimmt?

Ich, persönlich, habe sehr wenig Zeit für diese Sorte „Schrauber“. Meinetwegen können diese Leute tun und lassen, was ihnen gerade in den Kram passt, solange sie es nicht in meiner Nähe tun. Nicht mein Problem. Vergangenheit ist ein schöner Ort, bleiben Sie ruhig dort, wenn Ihnen das gefällt.

Nur… Hin und wieder kreuzen sich unsere Pfade trotzdem. Sehen Sie, die Welt ist weitergezogen. Längst werden Amerikaner von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft gekauft, von Menschen mit ganz normalen Jobs, ganz normalen Familien, mit ganz normalen Interessen und ganz normalen Ansprüchen.

Ansprüchen wie etwa „Wenn ich mir ein teures Auto bei einem seriösen Händler kaufe, sollte ich mich darauf verlassen können, daß es sicher und legal ist“. Kommt Ihnen daß bekannt vor? So denken Sie doch auch, oder? Warum auch nicht, wenn Sie sich einen Neuwagen, eine Heizung, einen elektrischen Torantrieb oder auch nur eine Nähmaschine kaufen, sind Sie üblicherweise doch der Ansicht, daß Sie auch ohne Vorbildung und Fachwissen davor geschützt sein sollten, daß Ihnen gewerbliche Verkäufer lebensgefährlichen Schrott andrehen?   

Darf ich Ihnen an dieser Stelle meinen Kunden Y vorstellen? Y ist Unternehmer, Y arbeitet hart, und dank Y hat eine dreistellig Anzahl von Menschen in Süddeutschland einen festen, gut bezahlten Arbeitsplatz. Y hat Frau und Kinder. Y ist, wie Sie sich vorstellen können, ziemlich eingespannt. Y aber möchte trotzdem gerne eine Corvette besitzen, und weil Y einiges drauf hat und nicht ganz arm ist, tut Y das, was man vernünftigerweise in seiner Situation tun würde: Er kauft bei einem größeren Händler ein nicht ganz günstiges Fahrzeug. Y weiß, daß er nichts von Corvetten versteht. Y weiß, daß er nicht die Zeit hat, sich zum Corvette-Spezialist hochzubilden, bervor er auf die Suche geht. Y geht deshalb zum Händler.

Dummerweise gerät Y nicht an einen seriösen Händler, der sein Business in der Gegenwart der US-Automobilkultur in Deutschland betriebt. Y gerät an einen der Burschen, deren Vorstellung von sauberem Business noch aus dem Wilden Westen der Neunziger stammt. Y, der nicht weiß, daß solche Anachronisten ihr Unwesen treiben, kauft eine wunderschöne Corvette und fährt 200 Kilometer damit nach Hause. Y ist, wie schon erwähnt, Unternehmer. Y hat sein Geld nicht damit verdient, auf den Kopf gefallen zu sein, und so begibt sich Y am nächsten Tag in eine Werkstatt in seiner Nähe, nur zur Sicherheit.

Ich kenne die Werkstatt nicht, in der Y gewesen ist, aber ich würde Sie Ihnen empfehlen, wenn ich könnte, denn die Werkstatt wirft einen einzigen Blick auf den Wagen und rät Y, einen Spezialisten aufzusuchen. Was Y dann auch tut – was ihm möglicherweise das Leben rettet.

Sehen Sie, auch ich stamme aus dem Wilden Westen. Auch ich habe nichts gegen wüste Umbauten und zwielichtige, illegale Technik, wenn sie dem Zweck dient. Auch ich kenne Prüfer in weniger marktbeherrschenden Prüforganisationen, die bereit sind, statt einem X ein U zu sehen, wenn der Vorgang hinterher bestritten werden kann. Klar. Been there, done that. Nicht mit einem Stück Brot aus dem Wald gelockt worden, wie man so schön sagt.

Aber wissen Sie was? Wissen Sie, was ich mit halblegalen, semi-sicheren, potentiell gefährlichen Fahrzeugen niemals tun würde?

Richtig.

Sie an anständige Familienväter verkaufen, während ich mit meinem seriösen Bürogesicht einen seriösen Handel für klassische Sportwagen betreibe.

Vielleicht können Sie sich an eine der Folgen der (Vorgänger-)reihe des POINT MAN erinnern, wegen der ich noch heute emails und Anrufe bekomme? Die Folge mit Bühne 8? Ich brauche diesen Bühne 8-Zirkus nicht für rmein Leben, und ich bin mir sicher, daß auch Y gerne darauf verzeichtet hätte – aber Ys Fahrzeug ist eins der gefährlichsten Autos, die mit in vielen, vielen Jahren mit diesen Fahrzeugen begegnet sind. Nicht eins der schlechtesten, immerhin, aber eins der gefährlichsten. Als Y den „seriösen“ Händler angerufen hat, war dieser, so hat mir Y erzählt, völlig perplex ob der Tatsache, daß Y sich nicht über die gefährlichen, illegalen Modifikationen an seinem Auto gefreut hat – wo es doch Sinn und Zweck des Amerikanerfahrens ist, möglichst viele gefährliche Eigenbauten möglichst spektakulär am TÜV vorbeizubetrügen.

Ich habe den seriösen Herrn nie kennengelernt, und ich war auch bei diesem Gespräch nicht dabei – aber ich habe keine Zweifel daran, daß der Herr Bob oder Doc heißt und sich mit Bärenfett gesund hält. Anders kann ich mir nicht erklären, wie er auf die Idee gekommen ist, einem normalen Menschen, der möglicherweise vorhat, seine Tochter, die seit 6 Monaten einen Führerschein hat, mit dem Ding herumfahren zu lassen , ein Auto anzudrehen, daß lebensgefährlich und illegal gleichzeitig ist…

Ich weiß, daß ein großer Teil der „Schrauber“, die im Geiste der wilden Neunziger groß geworden sind, erhebliche Schwierigkeiten haben, zu kapieren, daß nicht jeder, der ihnen ein Auto abkauft, selbst der größte halblegale Amischrauberfrickeltyp ist.

Deshalb, von mir an Dich, Bob, auf Augenhöhe, von einem Wild-West-Überlebenden an den Anderen: Zivilisten kaufen diese Autos, Bob. Normale Menschen. Die Zeiten haben sich geändert, Bob, und vielleicht solltest Du ein bißchen vorsichtiger sein. Ich weiß, daß Du solange so tief im Wald gelebt hast, daß Du wirklich glaubst, daß Deine seltsamen Umgangsformen gesellschaftskonform sind… Du täuscht Dich, Bob. In den Städten gelten Gesetze. Wenn Du so weiter machst, werden sie kommen und Dich suchen, Bob… und weißt Du was, Bob? Ich werde ihnen zeigen, wo Deine Hütte steht.

www.detroit-performance.de

Text und Fotos: Sönke Priebe

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